Simon-Adler-Museum in Dobra Voda - jüdische Tradition und das alltägliche Leben im Böhmerwald

Dobra Voda, foto: Johan N, CC BY 3.0 Unported

Nach einem Monat laden wir sie noch einmal in das Dorf Dobra Voda (Gutwasser) ein. Durch die Sendung begleiten Sie Markéta Maurová und Jitka Mladkova.

Dobra Voda, foto: Johan N, CC BY 3.0 Unported
Ich hoffe, liebe Hörerinnen und Hörer, dass Sie sich an unseren Besuch der Sankt-Gunter-Kirche in Dobra Voda (Gutwasser) im Januar noch erinnern können. Heute möchten wir uns ein bisschen in der Umgebung der Kirche umsehen, denn das Gotteshaus mit seinem Glasaltar ist nicht das einzige interessante Objekt im Dorf. Gleich gegenüber steht ein ehemaliges Pfarrhaus, das dieser Tage eine Veränderung in ein tschechisch-deutsches Begegnungszentrum erlebt. Der hl. Gunter galt nämlich vor einigen Jahren als Inspiration für die Gründung des sog. "Gunter-Vereins". Mehr dazu sagt uns dessen Mitglied, Günter Iberl.

Simon-Adler-Museum in Dobra Voda, foto: Ondrej.konicek, CC BY 3.0 Unported
Wenn Sie sich mal zur Wallfahrt nach Dobra Voda begeben, können Sie auch das dortige Museum besuchen. Es steht unmittelbar neben dem Pfarrhaus und erinnert vor allem an die jüdische Tradition des Böhmerwaldes. Der Historiker Vladimir Horpeniak dazu:

"Es ist ein kleines selbständiges Museum, eine Zweigstelle des Westböhmischen Museums in Pilsen. Dieses Museum ist Judengemeinden im Böhmerwald oder in Südwestböhmen gewidmet. Und weiter gibt es dort Exponate zur Thematik der Bauernkultur im Böhmerwald, d.h. Leihgaben des Böhmerwald-Museums in Susice und in Kasperske Hory."

Mehr hat uns die Leiterin des Museums, Helena Butulová, verraten:

Simon-Adler-Museum in Dobra Voda, foto: Západočeské muzeum v Plzni
"Das Museum ist 110 verschwundenen jüdischen Gemeinden gewidmet, die es hier in Westböhmen gab. Es trägt den Namen von Dr. Simon Adler, der direkt in diesem Haus geboren wurde. In Gutwasser handelte es sich um die einzige hier lebende jüdische Familie. Sein Vater hatte hier einen Laden und ein Gasthaus, eine der drei Gaststätten in Gutwasser."

In Gutwasser wohnte nur eine jüdische Familie. Doch in der weiteren Umgebung war die jüdische Bevölkerung reichlicher vertreten.

Simon-Adler-Museum in Dobra Voda, foto: Západočeské muzeum v Plzni
"Es gab hier überall jüdische Gemeinden. In Hartmanitz z.B. steht bis heute eine jüdische Synagoge - ein sehr schönes Gebäude, das aber bisher nicht renoviert wurde. In Kasperske Hory (Bergreichenstein) gab es eine jüdische Gemeinde, in Susice (Schüttenhofen) usw. Langdorf (Dlouha ves) war noch bis ins 19. Jahrhundert rein jüdisch. Hier kam es eigentlich zu einer doppelten Vertreibung. Die erste war die Vertreibung der Juden, die aus dem Böhmerwald verschwunden sind, und dann gab es hier die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung."

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in der Umgebung der bekannte Militärbezirk Gutwasser. Nur dank einer Verkettung gewisser Umstände ist das Haus der Familie Adler bis 1989 stehen geblieben. Als die Soldaten weggegangen sind, kam die Frage auf, was mit dem Gebäude, was mit dem ganzen Dorf Gutwasser geschehen sollte.

Simon-Adler-Museum in Dobra Voda, foto: Západočeské muzeum v Plzni
"Und der hiesige Bürgermeister, Herr Jukl hat in Zusammenarbeit mit dem Kulturministerium und auch mit der Familie von Herrn Adler, die in Israel lebt, ein Projekt erarbeitet, und zwar dass hier ein Museum eröffnet wird, das verschwundenen jüdischen Gemeinden gewidmet wird."

Schon mehrmals wurde heute der Name Simon Adler erwähnt. Wer war dieser Mann, dessen Namen das Museum trägt?

"Er war ein Rabbiner, Gelehrter, Übersetzer. Er lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und hat Tod im Konzentrationslager gefunden."

Simon-Adler-Museum in Dobra Voda, foto: Západočeské muzeum v Plzni
"Das Schicksal der Familie war ein charakteristisches Schicksal jüdischer Familien nicht nur hier in Böhmen, sondern allgemein in Europa während des 2. Weltkrieges. Simon Adler war sehr begabt, er studierte und wurde Rabbiner. Er wirkte in mehreren Rabbinaten, schließlich in der Hohen Synagoge in Prag. Er hatte zwei Söhne und der ältere von ihnen ging - da der Krieg bereits begonnen hatte - auf den Rat seines Vaters nach Palästina. Der jüngere, damals noch ein Kind, blieb mit den Eltern zu Hause. Dann wurden alle nach Theresienstadt transportiert, weiter nach Auschwitz, wo die Eltern ums Leben kamen. Der kleine Sohn hat alles überlebt, auch den Todesmarsch und die Aufenthalte in weiteren KZs. Durch ein Wunder wurde er gerettet."

Die beiden Söhne von Simon Adler leben heute in Israel. Sie sind schon betagte Herren, pflegen aber regelmäßig nach Gutwasser zu kommen und interessieren sich sehr für die Tätigkeit des Museums und das weitere Geschehen dort.

1939 lebten in Gutwasser etwa 120 Bewohner. Es gab dort eine Zwei-Klassen-Schule, eine Kirche, drei Gasthäuser, also alles was man in einer üblichen Gemeinde findet. Nach dem Krieg entstand dort das Militärgebiet. In jener Zeit wurde die gesamte Region abgesperrt, der Zutritt war dort allen verboten. Nur Soldaten konnten sich im Grenzstreifen bewegen. Einige Dörfer in der Umgebung sind aus der Landkarte völlig verschwunden. Und wie uns Helena Butulova verraten hat, möchte man künftig gerade diesen verlassenen Gemeinden eine Ausstellung im Simon-Adler-Museum widmen.

"Ich möchte z.B. Stodulky-Stadln erwähnen. Das war eines der schönsten Dörfer im Böhmerwald, mit einer sehr schönen Lage nahe des Kieslingbaches-Kremelna. Und es hatte auch eine Rarität: In Bezug auf die Fläche war es seinerzeit die zweitgrößte Gemeinde in Böhmen, gleich nach Prag. Dies galt noch in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Heute finden Sie dort überhaupt nichts, nur eine Martersäule, alles ist verschwunden."

Eine Ausstellung über die verlorengegangenen Dörfer des Böhmerwalds ist im Moment nur ein Wunschtraum der Museumsmitarbeiter. Was aber kann man schon heute besichtigen?

"Unsere Exponate zeigen alle Festtage sowie das alltägliche Leben der Juden. Die Besucher können hier z.B. eine Böhmerwald-Kneipe und eine jüdische Stube in der Form sehen, wie sie einst aussah. Eine weitere Ausstellung richtet sich auf das alltägliche Leben im Böhmerwald im Allgemeinen. Sie zeigt vor allem Arbeiten, mit denen man hier für den Lebensunterhalt sorgte: Feldarbeiten, Weben, die Herstellung von Holzschuhen usw. Einfach das ganz normale Leben."

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