Svojanov

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Der Besuch der tief in den Wäldern gelegenen, romantischen Burg Svojanov erwartet Sie in der nachfolgenden Touristensprechstunde. Sie werden ihn gemeinsam mit Markéta Maurová und Lothar Martin begehen.

Svojanov ist eine der ältesten Burgen in Tschechien. Sie wird in der Zbraslav-chronik mit dem Jahr 1278 zum ersten Mal erwähnt, existierte jedoch schon früher. Die Burg wurde in einer bergigen Waldlandschaft, an der Grenze zwischen dem Königreich Böhmen und der Markgrafschaft Mähren errichtet. Ihre Entstehung hängt mit der Gründung der königlichen Städte entlang des sog. Trstenice-Handelswegs in den 60er Jahren des 13. Jahrhunderts zusammen. Wir werden nun die Burg gemeinsam besichtigen. Im Burghof wartet auf uns der Burgverwalter Jiri Ctrnact, der uns über die Geschichte und Gegenwart von Svojanov erzählen wird.

"Wenn Sie sich umschauen, können Sie Mauern sehen, die hier seit mehr als sieben Jahrhunderten stehen. König Premysl Ottokar II. hatte die Burg gegründet, um die Kontrolle über den Warentransport auf dem sog. Trstenice-Handelsweg zu haben. Der König errichtete auf dem Weg, der bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts vom Prämonstratenser-Kloster in Litomysl verwaltet wurde, Städte und Burgen. Er wollte damit sicherstellen, dass der Gewinn aus dem Handel nicht in die Kirchenkassen, sondern in die staatliche königliche Kasse fließt."

König Ottokar hatte für die Gründung der Burg eine höchst günstige strategische Lage gefunden.

"Wenn Sie auf den Turm hinaufsteigen, können Sie sehen, dass hier vier Täler zusammentreffen. Die Burgbesatzung hatte einen guten Überblick, wer sich in der Umgebung bewegt. Sie konnte so nicht nur die Kaufleute vor Raubüberfällen schützen, sondern sich vor allem davon überzeugen, dass sie nicht vergessen, an bestimmten Stellen Mautgeld, Zollgebühren und Steuern zu bezahlen."

Nach dem Tod von Premysl Ottokar dem II. in der Schlacht am Marchfeld 1278 fiel die neue Burg und die umliegende Herrschaft der königlichen Witwe Kunigunde zu. Sie verpfändete Svojanov an Zavis von Falkenstein, dem Anführer einer Herrenopposition gegen den König und späteren Gatten Kunigundes. Nach deren Tod brachte Zavisch die ungarische Prinzessin Elisabeth nach Böhmen, mit der er bis 1290 auf Svojanov lebte. In jenem Jahr wurde er der Verschwörung gegen die Krone angeklagt und hingerichtet. Svojanov wurde wieder dem Eigentum der Böhmischen Krone angeschlossen.


"Noch Karl IV. nennt im Entwurf zum Gesetzbuch "Majestas Carolina" Svojanov unter den elf bedeutendsten Burgen des Königtums, die zu den Habgütern der Krone gehörten und weder veräußert noch verpfändet werden durften. Aber schon sein Sohn Sigmund verpfändete die Burg zur Zeit der Hussitenkriege an die Herren von Boskovice."

Jesek von Boskovice erbaute auf Svojanov ein mächtiges Befestigungswerk. Im Inneren des Burggeländes entstand ein einstöckiges Gebäude - das sog. Knappenhaus, in dem sich unten ein Pferdestall und oben die Wohnräume für die Burgbesatzung befanden. Kurz darauf verlor die Burg jedoch ihre Rolle als bedeutende Festung.

Im Treppenhaus können wir das Werk eines dortigen Schülers besichtigen, nämlich ein Modell, das den Zustand der Burg vom Ende des 16. Jahrhunderts dokumentiert. Nach einem großen Brand im Jahre 1569 wurde die Burg im Renaissance-Stil umgebaut und erhielt eine Sgrafitto-Fassade. Sie blieb Jahrzehnte lang in Privatbesitz und verlor allmählich an Bedeutung.


"Darüber hinaus - im 19. Jahrhundert, als die Eisenbahn den Gütertransport übernommen hatte, befand sich die ganze Region auf einmal ganz am Rande der Zivilisation, obwohl sie bis dahin durch die Fuhrleute mit der ganzen umliegenden Welt in Kontakt war. Die Menschen waren nur noch auf ihre kleinen ärmlichen Felder und auf den Wald angewiesen. Auf der Burg lösten sich im 19. Jahrhundert zehn Eigentümer ab, meistens Grundbesitzer aus der Umgebung oder Bürger aus Policka, die das Leben der Schlossherren nachvollziehen wollten. Allesamt sind sie hier jedoch pleite gegangen. Ihr Eigentum wurde versteigert und verkauft, was zur Folge hatte, dass man hier heute keine ursprüngliche Einrichtung, keine Kunstsammlungen und keine historischen Möbel mehr finden kann."

Im 19. Jahrhundert wurde die Eingangsbastei umgebaut, an die ein einstöckiges Haus mit einem offenen Gang angeschlossen wurde. Vor 100 Jahren waren dort eine Tuchmanufaktur sowie eine Keramikwerkstatt untergebracht. Heute befinden sich dort eine Touristenherberge sowie eine Gaststätte. Bemerkenswert ist der Burggarten. Historische Belege dokumentieren dessen Existenz auf der südlichen Seite der Burgmauern, wo sich ein Treibhaus und ein Brunnen befanden. Die Tradition des gotischen Gartens wurde in der Neuzeit wiederbelebt. Eingehalten wurde auch die alte Aufteilung: im Nutzgarten befinden sich Bete mit Heilkräutern. Im Rosengarten duften Rosensträucher. Ihre Schönheit kann man sitzend auf einer Rasenbank bewundern.

Die Burg ist seit 1910 im Besitz der Stadt Policka. 1927 wurde am Eingang eine Marmortafel mit dem Stadtwappen Polickas eingesetzt. Ende der 40er Jahre übernahm der Staat die Burg und ließ in den 60er Jahren umfangreiche Renovierungs- und Umbauarbeiten durchführen. Seit 1992 gehört Svojanov wieder zu Policka. Die Organisation, die die Burg verwaltet, sorgt dort für ein reichhaltiges Kulturangebot. Alljährlich findet hier zum Beispiel der sog. Svojanov-Kultursommer statt, zu dem ein Marionettenfest, eine Fechtschau, ein Liedermacherfestival und weitere Veranstaltungen gehören. Wie wir gehört haben, ist auf der Burg keine ursprüngliche Errichtung erhalten geblieben. In den Burgräumen werden daher alle möglichen Ausstellungen gezeigt.


"Eine Ausstellung stellt die Keramik von Jan Kutalek vor. Jan Kutalek hatte eine besondere Gabe - er konnte jedem bis in die Tiefe seiner Seele schauen und konnte dort auch jene Eigenschaften erkennen, mit denen man sich gewöhnlich nicht rühmt. Er konnte sie mit einem liebenswürdigen Humor in verschiedenen Figuren aus bekannten Märchen verkörpern oder er erfand selbst seine eigenen Märchenwesen. Sie können hier viele davon sehen. Dies ist die größte und eigentlich die einzige zugängliche Sammlung seiner Arbeiten. Es handelt sich zum Großteil um seinen Nachlass, den uns seine Erben aus der Kutalek- Familie geliehen haben. Der ursprüngliche Vertrag sah sechs Jahre vor, die Ausstellung wurde aber schon um drei Jahre verlängert und die Besitzer der Ausstellungsstücke planen keine Änderung."

Die Tonfigürchen von Jan Kutalek kann man jederzeit auf Svojanov besichtigen. Die weiteren Ausstellungen finden nur kurzfristig statt:

"Wir suchen jedes Jahr einen Gegenpol zur Kutalek-Ausstellung, für den zweiten Teil unserer Ausstellungsräume im ersten Stockwerk. Und da wir hier jeden Sommer ein Marionettenfestival durchführen - dieses ist die älteste der Veranstaltungen unseres Kultursommers - lösen sich hier verschiedene Ausstellungen von Künstlern ab, die sich dem Trickfilm und den Marionetten widmen. Der Grund beruht u.a. auch darin, dass der Sohn von Jan Kutalek lange Jahre als Dramaturg der Sandmännchen-Sendungen - tschechisch heißt es Vecernicek - im Tschechoslowakischen Fernsehen arbeitete."

In diesem Jahr fanden die Besucher der Burg eine Ausstellung des Prager Theaters Minor vor, mit dem die Burg eine enge Zusammenarbeit entwickelt hat und das auch bei den Svojanov-Festivals auftritt. Und im Sommer 2002?

"Für das kommende Jahr planen wir eine Ausstellung, die einem Animationsfilm gewidmet sein wird. Ein solcher Film wird gedreht und die ganze Ausstattung, die den größten Teil der Arbeit gekostet hatte, wird auf einmal nicht mehr gebraucht. Dem Künstler tut es leid, dies alles wegzuschmeißen. Er hat jedoch kaum so große Räume zur Verfügung, um dies alles aufzubewahren. Und so freuen sich alle, wenn sie die Ausstattung zum Film ausstellen können."

Soweit, liebe Hörerinnen und Hörer, unsere Wanderung auf der märchenhaften Burg Svojanov, die auch als Einladung zum Besuch im kommenden Jahr gelten kann. Durch die Ausstellungen und Innenräume der Burg führte uns der Kastellan Jiri Ctrnact. Für Ihre Aufmerksamkeit bedanken sich Lothar Martin und Markéta Maurová.


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