Tatra Koprivnice/Vitkovice Stahl

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Herzlich willkommen bei einer weiteren Ausgabe unserer Magazinsendung mit Themen aus Wirtschaft und Wissenschaft, am Mikrofon begrüßt Sie Rudi Hermann. Heute führt uns die Sendung ins Industriegebiet Nordmähren, und zwar zu zwei wohlbekannten Unternehmen: Tatra Koprivnice und Vitkovice Stahl. Beide haben in den letzten Jahren einige Bekanntheit erlangt, allerdings eher mit negativen als positiven Schlagzeilen. Tatra Koprivnice, traditioneller Hersteller geländegängiger LKWs, befindet sich seit Jahren in Nöten, obwohl bisher alle Analysen ergeben haben, dass das Produkt eigentlich gut wäre. Und bei den Stahlwerken Vitkovice spricht man in letzter Zeit von einem Finanzskandal, den das vorhergehende Management verschuldet haben soll. Mehr zu diesen beiden Themen in den folgenden Minuten, zu denen ich guten Empfang wünsche.

Das Klagelied des LKW-Herstellers Tatra Koprivnice scheint ohne Ende. Einst vielgerühmter Produzent von geländegängigen schweren Fahrzeugen, die anerkanntermassen hohe Qualität haben, und während der Zeit des Sozialismus mit gesichertem Absatz in die sozialistischen Bruderländer sowie weitere mit diesen verbandelte Märkte, hat die Wende dem Unternehmen im nordmährischen Koprivnice unweit von Ostrava viele Probleme gebracht. Zwar gewinnen Lastwagen der Marke Tatra serienweise das prestigeträchtige Wüstenrallye Paris-Dakar, doch hat sich dies bisher nicht in erhöhten Verkaufszahlen niedergeschlagen. Aus der schlimmsten Absatzkrise, die auf den Zusammenbruch der osteuropäischen Märkte folgte, ist Tatra zwar heraus, wie es scheint, doch ist es der Firma bisher nicht gelungen, einen strategischen Partner zu finden, der sie aus dem Morast ziehen könnte. Versuche gab es schon einige, doch haben sie alle fehlgeschlagen. Und eine Verbindung zu einer der grossen Firmen auf dem Weltmarkt, etwa Mercedes oder Volvo, zeichnet sich derzeit nicht ab. Die Division der PKW-Herstellung, wo von Sammlern geschätzte, auf dem Markt aber kaum konkurrenzfähige Luxuslimousinen produziert wurden, ist schon vor einiger Zeit geschlossen worden. Und bei der LKW-Produktion steigt die Nervosität, dass ohne einen Durchbruch bei der Suche nach einem strategischen Partner Ähnliches drohen könnte.

Wie unlängst das Nachrichtenmagazin Tyden berichtete, sind bei der Gesellschaft Odien Restructuring Services, die den Verkauf von Tatra einfädeln soll, vier Angebote eingegangen, die allerdings geheim gehalten werden. Tyden hat aber drei Namen in Erfahrung gebracht. Einer davon ist die amerikanische, von einem tschechischen Emigranten gegründete Gesellschaft SDC international, die sich auf Investitionen in die Tschechische Republik konzentriert. Beim zweiten soll es sich um die ebenfalls amerikanische Firma Bering handeln, beim dritten um eine niederländische, im Präzisionsgussgeschäft tätige Firma namens Cirex. SDC international ist dabei in Koprivnice ein bekannter Name. Schon 1998 unterzeichnete Lubomir Soudek, der damalige Chef des Industrie-Imperiums Skoda Pilsen, unter dessen Flügel Tatra zu dieser Zeit gehörte, einen Vorvertrag.

Bei der Regierung, die für SDC nurabfällige Worte übrig hatte, stiess die beabsichtigte Übernahme allerdings auf wenig Musikgehör. Inzwischen hat sich die Situation aber dahingehend geändert, dass sich SDC mit der amerikanischen Firma Terex zusammengeschlossen hat, die weltweit über 40 Produktionsstätten für Baumaschinen verfügt. Terex will zwar laut den bisherigen Informationen bei Tatra Koprivnice nicht über eine Kapitalbeteiligung einsteigen, dafür aber das weltweite Vertriebsnetz zur Verfügung stellen. Dies wäre für Tatra von einigem Wert, denn wie schon eingangs erwähnt wurde, ist das Produkt nicht schlecht, während es nach dem Zusammenbruch der Märkte, auf welchen Tatra eingeführt war, zu einer Krise im Vertrieb kam.


Zu unserem zweiten Thema von heute. Die im Grossraum Ostrava beheimateten Stahlwerke Vitkovice, eines der Problemkinder der tschechischen Schwerindustrie, sind bei ihren Finanzproblemen offenbar nicht nur Opfer schlechten Managements, sondern wahrscheinlich auch von Machenschaften am Rand oder gar jenseits der Legalität geworden. Wie die Tageszeitung Mlada Fronta dnes vor zwei Wochen berichtete, wird nämlich vermutet, dass das frühere Management bedeutende Finanzmittel für angebliche Beratungsdienste ins Ausland leitete. Dass es sich bei der Firma, die die Beratungsdienste geleistet haben soll, um eine Briefkastenfirma im Fürstentum Liechtenstein handelt, lässt nämlich die Angelegenheit nicht im besten Licht erscheinen. Wie die Zeitung Mlada Fronta dnes schreibt, soll es sich bei den abgeflossenen Mitteln um eine Volumen von rund 250 Millionen Kronen, umgerechnet etwa 15 Millionen D-Mark, handeln. Das scheint zwar nicht allzu dramatisch im Lichte dessen, dass die Stahlwerke Vitkovice den Bankrott nur durch eine staatliche Injektion von mehreren Milliarden Kronen vermeiden konnten. Dennoch konkretisiert sich der Verdacht, dass es nicht nur ungenügendes Management war, das die Firma an den Rand des Ruins brachte.

Die jetztige Unternehmensleitung vermutet, dass die zwischen 1993 und 1997 geleisteten Zahlungen an die liechtensteinische Firme Nalko dazu dienten, Finanzmittel aus dem Unternehmen abzusaugen. Ausser einem Vorvertrag gebe es zu den Verbindungen mit Nalko keine Dokumente, beispielsweise eine Aufstellung der geleisteten Beratungsdienste, zitierte die Zeitung Mlada Fronta dnes eine ungenannt bleiben wollende Informationsquelle aus dem Unternehmen Vitkovice. Die Quelle meinte auch, die internationale Auditorenfirma Deloitte and Touche sei bei einer eingehenden Buchprüfung zum Schluss gekommen, dass die Besitzer der Firma Nalko nicht bekannt seien.

Roman Hradil, früher Mitglied des Vitkovice-Spitzenmanagements und laut der Zeitung verantwortlich für die Verbindung zu Nalko, behauptete gegenüber der Mlada Fronta dnes allerdings, die Beziehungen zu Nalko seien klar dokumentiert. Dank der Beratungstätigkeit habe Vitkovice seine Exporte nach Westeuropa steigern können. Laut einem weiteren früheren Führungsmitglied der Stahlwerke habe die Verbindung zu der liechtensteinischen Firma, die über gute Kontakte in Brüssel verfügt habe, auch bewirkt, dass die EU keine Antidumpingverfahren gegen Vitkovice angestrengt habe. Das aktuelle Spitzenmanagement von Vitkovice ist über den Wert der Beratungstätigkeit von Nalko aber anderer Meinung. Gute Dienste könnten nur Firmen leisten, die im Stahlbusiness bekannt seien und sich nicht hinter einer Briefkastenadresse versteckten. Wer in dieser Kontroverse recht hat, dürfte sich nach dem zuständigen tschechischen Staatsanwalt bald zeigen. Wenn das in Liechtenstein hängige Rechtshilfegesuch positiv beantwortet werde, könnten Einvernahmen der zuständigen Vertreter der Firma Nalko aufgenommen werden.


Transaktionen mit fiktiven Beratungsfirmen gehörten in den neunziger Jahren in Tschechien zu den verbreitetsten Methoden, um Firmen auszuhöhlen oder, wie es im hiesigen Jargon heisst, zu untertunneln. Dies geschah dabei oft in Firmen, die mit sogenannter Managementprivatisierung entstaatlicht worden waren. Dem Management war eine Firma vom Staat zu günstigen Konditionen angeboten worden, und nicht selten kam es dazu, dass sich die Führungsschichtauf Kosten des Unternehmens bereicherte. Allerdings ist schwierig festzustellen, wie viele Firmenzusammenbrüche tatsächlich auf kriminelle Machenschaften zurückgingen und wo, respektive inwieweit, mangelnde Erfahrung mit dem neuen Systém der Marktwirtschaft hauptsächlich für den Niedergang verantwortlich war. Die Managementprivatisierungen haben sich in dieser Hinsicht als besonders problematische Privatisierungsmethode erwiesen, weil keine bestimmenden Aktionäre vorhanden waren, die die Aktivitäten der Geschäftsleitung genau unter Kontrolle gehalten hätten.

Autor: Rudi Hermann
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