Tschechische Wurzeln und Widerstand: Harvard-Studentin Hannah Reuter schreibt Roman über ihre Familie

Gedenktafel Gedenktafel für František und Marie Mandík

Hannah Reuter wurde 2007 in New York geboren und studiert Slawistik an der renommierten Harvard University. In ihrer Arbeit setzt sie sich intensiv mit der Geschichte ihrer tschechischen Vorfahren auseinander. Aus einer zufälligen Begegnung mit den eigenen Wurzeln entstand ein ambitioniertes Buchprojekt über den antinazistischen Widerstand ihres Urgroßvaters im Prag des Zweiten Weltkriegs. Michaela Pištěláková hat mit der Studentin ein Interview geführt.

Eine New Yorkerin mit tschechischen Wurzeln

Hannah Reuter  | Foto: Privatarchiv von Hannah Reuter

Obwohl Hannah Reuter in New York aufgewachsen ist und als Kind die Sprache ihrer Vorfahren kaum verstand, ähneln ihre Kindheitserinnerungen denen vieler tschechischer Kinder. Dazu gehören etwa das Skilanglaufen oder Badmintonspielen in Tschechien. Diese Erlebnisse prägten ihren Blick auf das Land und seine Sprache. In der Einleitung ihres Buches beschreibt sie ihre damalige Wahrnehmung der tschechischen Sprache wie folgt:

„Ich komme aus Amerika. Die Menschen sprechen mit mir, obwohl sie wissen, dass ich sie nicht verstehe. Ich beobachte ihre Augen, wenn sie sich in den Winkeln kräuseln. Ich höre, wie sich die Tonhöhen verändern. Ich höre die Melodie. Tschechen sprechen in Musik. Sie singen mir ein Lied.“

Tschechische Wurzeln hat Hannah Reuter durch ihre Mutter. Großvater und Onkel beantragten 1982 politisches Asyl in den USA, während ihre Mutter fünf Jahre später nach Amerika floh. Das war noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989. Erst durch spätere Gespräche mit ihrem Onkel erfuhr Hannah Reuter genauer von den Erlebnissen ihrer Vorfahren, des Ehepaares Mandík. Eine gemeinsame Reise zur Gedenktafel für František und Marie Mandík in Prag wurde schließlich zur Inspiration für die schriftstellerische Arbeit.

In Harvard der tschechischen Sprache verfallen

Eigentlich kam Hannah Reuter nach Harvard mit der Absicht, Biomedizintechnik zu studieren. Und sie arbeitet bis heute als Lehrassistentin in einem Ingenieurlabor. Nach der Belegung von Tschechischkursen und einer Einführung in die slawische Literatur wechselte sie jedoch zu einem Doppel-Hauptfach in Slawistik und Wirtschaftswissenschaften. Für ihre herausragenden Fortschritte in den slawischen Sprachen wurde Reuter an der Fakultät ausgezeichnet. Neben Sprachkursen und Vorlesungen über die Kulturpolitik im Kalten Krieg hatte sie letztes Jahr sogar die Gelegenheit, den tschechischen Staatspräsidenten Petr Pavel bei seinem Besuch in Harvard persönlich zu sprechen.

Der Widerstandskampf von František und Marie Mandík

Auszeichnung für Marie Mandíková | Foto: Privatarchiv von Hannah Reuter

Im Zentrum von Reuters Buchprojektes steht der Lebensweg ihres Urgroßvaters František Mandík, ein Beamter im Bildungsministerium, und dessen Ehefrau Marie. Sie stellten ihre Privatwohnung in Nusle, im vierten Prager Stadtbezirk, für Aktivitäten des Widerstands zur Verfügung. Dort fanden geheime Treffen mit der Führung des Geheimdienstnetzwerks „Kapitän Nemo“ sowie mit Generälen der Untergrundarmee statt.

Zudem beherbergten die Mandíks eine Funkstation. Als die Geheimsender von der Gestapo geortet wurde, wurden beide verhaftet, während sie gerade noch versuchten, Funksprüche zu verbrennen. František verriet unter den Verhören nichts. Er wurde nach 97 Tagen Haft am 3. Oktober 1941 im Alter von 51 Jahren in der Ruzyně-Kaserne durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Seine Ehefrau Marie wurde in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und überlebte. Hannah Reuter berichtet:

František Mandík | Foto: public domain

„Vor ein paar Monaten stieß ich bei meinen Recherchen auf Bilder der Betonmauer, an der František und viele andere Widerstandskämpfer hingerichtet wurden. Sie ist voller Einschusslöcher. Ich musste meinen Laptop zuklappen, darüber nachdenken und erst ein paar Tage später zu meiner Recherche zurückkehren. Nachdem ich mich so intensiv in sein ganz normales Alltagsleben hineinversetzt hatte, war es unerträglich zu erfahren, wie furchtbar sein Ende war.“

Ein multimedialer Roman zwischen Poesie und Dokumentation

Reuter verarbeitet diese dramatischen Ereignisse in einem zweiteiligen Werk, das zugleich als ihre Abschlussarbeit für das Hochschulstudium dient. Das Buch ist als kreativer historischer Roman konzipiert und bietet einen abstrakten, sinnlichen Einblick in Františeks Träume während der 97-tägigen Haft. Es kombiniert Zeichnungen der Autorin, Dialoge mit traumhaften Figuren, Lyrik und Prosa mit echten historischen Fotos, Dokumenten aus Familienarchiven sowie einem dokumentarischen Fachteil.

Auszeichnung für Marie Mandíková | Foto: Privatarchiv von Hannah Reuter

Bei ihren Recherchen in tschechischen Archiven erfährt Hannah Reuter über Instagram große Unterstützung von hilfsbereiten Menschen, die ihr sogar das Fotografieren von Archivmaterial in Prag anbieten. Den kommenden Sommer möchte die Studentin in Prag verbringen, um direkt vor Ort zu schreiben und Zeichnungen der historischen Schauplätze anzufertigen.

Autor: Michaela Pištěláková
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