Wanderung um die Herrschaft Tollenstein

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In der heutigen Touristensprechstunde werden uns unsere Schritte in den nördlichsten Winkel Böhmens führen. Wir besuchen den Schluckenauer Zipfel, der sich tief bis in das sächsische Gebiet hineingräbt. Gerade dort wurde vor einem Jahr ein "selbständiger Staat" - die sog. Herrschaft Tollenstein - ausgerufen. Sie wurde nach einer der Dominanten der dortigen hügeligen Landschaft benannt, der Burg Tolstejn/Tollenstein. Tollenstein - heute nur noch eine Burgruine - ragt auf zwei Felsenriffen über den grünen Hängen empor und bietet einen wunderbaren Ausblick auf die Herrschaft. Ihre Begleiter auf der Wanderung sind Markéta Maurová und Lothar Martin.

Die Wachtburg Tollenstein, am Handelsweg zwischen Prag und der Lausitz, an der sog. Alten Prager Straße gelegen, ist durch die Befestigung von zwei Felsenklippen entstanden. Sie wurde 1337 zum ersten Male schriftlich erwähnt. Der Zittauer Chronist Johann von Guben schrieb damals über ihre Entstürmung durch das Heer des Lausitzer Sechs-Städte-Bundes. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde die Burg bereits zu jener Zeit zum Zentrum der Herrschaft Tollenstein. Dazu gehörten 1451 auch schon die Städte Rumburg, Warnsdorf und Krasna Lípa (Schönlinde) sowie die Herrschaft Schluckenau. Im Juni 1463 befahl König Georg von Podiebrad, die Burg zu erobern, was dann auch geschah. 1481 kaufte der sächsische Adelige von Schleinitz die Burg nebst Herrschaft. Seine Nachkommen verließen sie jedoch 70 Jahre später.

Anfang des 17. Jahrhunderts war die Burg schon völlig verödet. 1642, während des Dreißigjährigen Krieges, wurde sie vom schwedischen General Wrangel belagert und niedergebrannt. Daraufhin wurde die Burg nie mehr wiederaufgebaut, sondern vielmehr als Quelle für Baumaterial abgetragen. Im 19. Jahrhundert mietete Johann Josef Münzberg die verlassene Burgruine und richtete dort ein Gasthaus im Schweizer Stil ein. 1847 verband man die beiden Klippen mit einer Brücke. Das Gasthaus mitsamt einem kleinen Museum wurde noch bis Ende 1977 betrieben, danach stand es leer. Seit 1996 gelang es dank der Initiative von einigen Enthusiasten aus der Umgebung erneut Interesse für die Burgruine zu wecken. Man kann die Ruine inzwischen wieder besuchen und in deren Bastei entstand Raum für eine Freilichtbühne. Gerade dort wurde vor einem Jahr auch die neuzeitliche Herrschaft Tollenstein gegründet. Eine der wichtigsten Personen, die sich um deren Entstehung verdient gemacht haben, ist der Bürgermeister des unter der Burg liegenden Städtchens Jiretin pod Jedlovou/Sankt Georgenthal, Josef Zoser:

"Die Herrschaft Tollenstein entstand im letzten Jahr, durch einen Erlass auf der Burg Tollenstein. Dieser Tat ging aber ein Beschluss der Bürgermeister und die Gründung der Mikroregion Tollenstein voraus. Acht Gemeinden aus der Umgebung (Dolní Podluzí, Doubice, Horní Podluzí, Chribská, Jiretín pod Jedlovou, Krásná Lípa, Rybniste, Varnsdorf) haben sich geeinigt, den Reiseverkehr gemeinsam zu fördern. Wir haben uns gesagt, dass die nordböhmische Region außer Acht gelassen wird. Es gibt hier aber die wunderschöne Landschaft des westlichen Teils des Lausitzer Gebirges und des Nationalparks Böhmisch-Sächsische Schweiz mit vielen historischen Denkmälern, aber auch touristischen Attraktionen. Zudem bieten wir eine insgesamt 260 km lange Trasse für Fahrradtouren an."

Als Gründungsdatum der Herrschaft gilt der 2. Juni 2001. Damals wurde auf dem Hof der Burgruine Tollenstein unter Anwesenheit von Bürgermeistern der Region die Tollensteiner Herrschaft auf dem Gebiet des Schluckenauer Zipfels feierlich ausgerufen. Jeder anwesende Bürgermeister, gekleidet in ein historisches Kostüm, legte dem Herrschaftsbesitzer den Eid des Gehorsams ab. Der Besitzer übergab danach jedem Bürgermeister und Vogt ein Dekret, das den Schluckenauer Ausläufer zur Tollensteiner Herrschaft erklärt. Dies alles hätte für die Besucher der Region jedoch nur wenig Bedeutung. Für sie ist es aber wichtig, dass gleichzeitig der Wettbewerb "Wanderung um die Tollenstein-Herrschaft" ausgerufen wurde.

"Unser Wanderer, der die Region besucht, kauft sich eine Karte mit einem Wanderpass. Sein Ziel soll es sein, möglichst viele Stempel in den Pass zu kriegen. Diese bekommt er in allen Einrichtungen, die durch ein gelb-schwarzes Banner gekennzeichnet sind."

Die Spielregeln sind ganz einfach. Wenn Sie den Wanderpass kaufen, erhalten Sie auch eine Karte, auf der durch ein Banner mit dem Räuber Willy, einem Patron des Spiels, bestimmte Orte und Stellen bezeichnet sind, die Sie beim Wandern besuchen können. Wenn Sie dort etwas bezahlen - die Eintrittskarte, einen Imbiss oder dergleichen - bekommen Sie einen Stempel in den Pass. Zwölf verschiedene Stempel auf einer Seite des Passes werden in einem Mauthaus der Herrschaft mit zwei Kreutzern belohnt. Die Kreutzer werden dann für kleine Souvenirs getauscht, wie z.B. den Tollensteiner Groschen, Lausitzer Kräuterschnaps, genannt auch Willys Tropfen, T-Shirts mit dem Tollensteinmotiv und anderem mehr.

Mit der Gründung der Herrschaft vor genau einem Jahr wurde eine Tradition der "Tollensteiner Feiern" gegründet, die am 1. Juni dieses Jahres erfolgreich fortgesetzt wurde. An jenem Tag wurde die Herrschaft sogar erweitert, und zwar auch über die deutsch-tschechische Grenze hinaus. Als einer der ersten sächsischen Orte schloss sich ihr das an der Grenze gelegene Seifhennersdorf an.

Und wie sie nun aus einem Gespräch mit Heiner Haschke, dem Leiter des Karasek-Museums und der Touristen-Information in Seifhennersdorf, erfahren, entstand diese Verbindung nicht zufällig. Als ich mit ihm gesprochen habe, trug Herr Haschke gerade ein historisches Kostüm und gab sich für den eben bereits genannten Räuber Karasek aus.

Als Patron und Beschützer der Wanderer gilt aber nicht der Raubritter Karasek, sondern der brave Räuber Vilda oder Willy. Warum gerade dieser Räuber? Davon erzählt die folgende Sage:


Schon in den früheren Zeiten der Herren Berka von Dubá, im 15. Jahrhundert und vielleicht auch früher, bis wohin die schriftlichen Quellen reichen, lag ein wildes und unbezähmbares Land rund um die Burg Tollenstein, das als Zufluchtsstätte vieler Raubritter diente. Sie hausten und versteckten sich dort mit den verschiedensten Absichten. Genannt seien hier als Beispiel der im Jahre 1740 in Hainspach /Lipová/ hingerichtete Jakob Rauschner von Wolfsberg, der im Jahre 1747 zum Tode am Galgen verurteilte Fridolin Rauch von Kleinstozec oder aber der Daubitzer Karl Stülpner; und schließlich einer der bekanntesten Räuber dieser Wälder, Johann Karásek, der 1809 im Dresdner Gefängnis verstorben ist.

Du Pilger, hab aber keine Angst auf deinen Wegen, denn wisse, dass einer dieser Ritter, allerdings ein nicht so bekannter, der Räuber Vilda war. Über sein Leben ist uns nur wenig bekannt und Geschichten über ihn sind nur mündlich überliefert. Er sei menschenscheu gewesen, aber auch eine Frohnatur mit Sinn für allerlei Spitzbübereien, die er mit den hier rein zufällig weilenden Pilgern angestellt hat. Es wird ebenso berichtet, dass seine familiären Bande bis hin zum Albrecht Berka von Dubá reichen. Willy lebte zu Ende des 19. Jahrhunderts. Angeblich hat er als einziger Mensch die Stelle des geheimen Schatzes - eine Truhe voller Kreuzer und Groschen - gekannt, der auf der Burg Tollenstein verborgen gewesen sein sollte. Über sein Ende wissen wir nichts, seinen Geist aber treffen wir bis heute an vielen Orten und Stellen der Tollensteiner Herrschaft an.