Zu Besuch in Kostelni Myslova - Gemeinde, die sich mit ihrem gottvergessenen Dasein nicht abfinden will

Kostelní Myslová (Foto: Fojsinek, CC BY-SA 3.0 Unported)

Eine Sendung mit und von Jitka Mladkova.

Statt dessen möchte ich Sie mit einem Projekt bekannt machen, das auf der Achse Kostelni Myslova und Berlin zustandekam und mit dem das Dorf aus dem Schatten der naheliegenden UNESCO-Liste-Stadt Telc in Zukunft treten könnte. Es reflektiert die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft. Bevor wir also zunächst in die Geschichte zurückblicken, wollen wir auch nicht vergessen, dass es weihnachtet. Bei unserem virtuellen Spaziergang durch die Zeiten begleitet uns mit einigen Weihnachtsliedern der Kinderchor Kvitecek / Blümchen aus Telc, in dem auch Kinder aus Kostelni Myslova singen, das Alter zwischen 4-7 Jahren:

St. Wenzelskirche in Kostelní Myslová (Foto: Harold, CC BY-SA 3.0 Unported)
Willkommen in Kostelni Myslova, liebe Freunde! Unseren Besuch hat die Glocke der St. Wenzelskirche eingeläutet, die als Wahrzeichen dieser klitzekleinen Gemeinde gilt. Das Attribut "klitzeklein" haut tatsächlich hin. Durch den zum Teil natürlichen, zum Teil auch durch Landflucht verursachten Bevölkerungsschwund in den letzten 100 Jahren ist die Einwohnerzahl in Kostelni Myslova, einer der ältesten Ortschaften der Region, derzeit auf etwa über 60 Personen zurückgegangen. Ihr Altersdurchschnitt zählt zu den höchsten in der ganzen Umgebung. Dabei verwaltete einst diese Pfarrgemeinde sieben weitere Nachbardörfer! Ich will Sie jetzt aber nicht zu einem Rundgang durch den quasi gottvergessenen Ort einladen, auch wenn seine alten Häuser - Gehöfte, Landgüter und selbstverständlich die St. Wenzelskirche mit ihrem kleinen Friedhof und einem großen Pfarrhaus - mitten der romantischen Landschaft, in einem von tiefen Wäldern eingeschlossenen Becken, Aufmerksamkeit verdienen.

Man schreibt das Jahr 1939. deutsche Soldaten sind in der Tschechoslowakei einmarschiert. In dem südmährischen Dorf Kostelni Myslova vertreiben die Nationalsozialisten den jüdischen Maler Frantisek Moric Nágl von seinem Hof, auf dem Hitlerjugend einquartiert wird. Der Künstler muss mit seiner Frau, der Prager Violionistin Vlasta Nettelova, und seinen beiden Kindern Vìra und Miloslav nach Telè ziehen. Dort wird er 1940 beim Malen auf dem Marktplatz von der Gestapo verhaftet und im Mai 1940 mit seinen Angehörigen nach Teresienstadt deportiert. Und von dort weiter nach Ausschwitz: 1943 der Sohn, 1944 der Rest der Familie. Niemand hat überlebt. Einige Jahre nach dem Krieg wurden bei Bauarbeiten in Teresienstadt - versteckt auf einem Dachboden - 254 Bilder entdeckt, die Frantisek Moric Nágl im Ghetto gemalt und dort eingemauert hat. Diese inzwischen vergessenen Bilder und eine verfallene Hofruine in Kostelni Myslova erinnern an die Familie Nágl und das Schicksal der europäischen Juden.

Im realen Leben mussten noch viele Jahre vergehen, wir machen aber jetzt einen Schnitt in der Zeit:

Man schreibt das Jahr 1999. Die Berliner Malerin Angelika Schneider - von Maydell und ihr Mann Hans von Maydell, Grafikdesigner, für die Kostelni Myslova zu dem Zeitpunkt beinahe schon als zweite Wahlheimat gilt, kommen mit einer Idee, die bei den Einheimischen Luboš Nosek, Bürgermeister von Kostelni Myslova, und seiner Frau Zdenka Noskova eine positive Resonanz findet. Das Licht der Welt erblickt demnächst ein ambitioniertes Projekt mit dem entsprechenden Namen Phoenix, getragen vor zwei Vereinen: dem Europa-Kulturprojekt Phoenix mit Sitz in Berlin, und dem Verein Phoenix Telc mit Sitz in Kostelni Myslova. Vereinsmitglieder bzw. die UnterstützerInnen des Projektes werden bald Fachexperten im Bereich der Computergrafik, Künstler, Lehrer, Journalisten, Kommunalpolitiker sowie die sogenannten Normalbürger aus Tschechien und Deutschland, aber auch aus anderen Ländern. Gemeinsam wollen sie auf dem mittlerweile verfallenen Hof des Malers ein Frantisek-Moric.Nagl-Museum mit einer internationalen Begegnungsstätte und eine Europäischen Schule für Kunst und Kultur in Telc einrichten.

Kostelní Myslová (Foto: Fojsinek, CC BY-SA 3.0 Unported)
In Bezug auf das bisher Gesagte dürfte wohl der Eindruck entstehen, dass das Zustandekommen des Projektes Phoenix problemlos war. So war es aber nicht, und auch hier hat sich das Sprichwörtliche "Aller Anfang sei schwer" bestätigt. Wie war es eigentlich, als die deutschen Freunde Angelika und Hans ihre Ideen bezüglich des Nagl-Hofes in Kostelni Myslova offenbarten? Das fragte ich zunächst Zdenka Noskova, die heutige Geschäftsführerin des Vereins Phoenix Telc in Kostelni Myslova:

"Ich bin so ein Typ, der sich schnell begeistern lässt. Erst später stelle ich fest, dass es nicht so einfach sein wird, wie es auf den ersten Blick aussah. Aber die Begeisterung ist schon und eigentlich immer noch da. Meinem Mann hat die Idee auch gut gefallen, weil sie mit Kostelni Myslova verknüpft ist. Das Dorf ist zu klein und wir haben kaum eine andere Chance. Entweder gelingt es, oder Kostelni Myslova stirbt aus."

Bäume pflanzen (Foto: Archiv Radio Prag)
In der ersten Phase wollte man sich - so Zdenka Noskova - eine gute Ausgangsposition in den Augen der Mitbürger von Kostelni Myslova schaffen, indem man nicht nur Pläne über die Nagl-Hof-Rekonstruktion schmiedete, sondern gleich etwas Positives für die Gemeinde machte. Wiederholt gut angekommen sei z.B. das Bäumepflanzen oder die Veranstaltung verschiedener Treffen mit den Mitbürgern. Über deren Einstellung zum Projekt Phoenix sagt Frau Noskova:

"Ich glaube, es ist hier wie überall. Es ist uns gelungen, ein paar Leute nach einem halben oder Dreivierteljahr für diese Sache zu begeistern, der Rest wartet ab, wie es weiter geht. Eine ausgesprochen negative Reaktion gab es aber nicht."

Neue Alee in Kostelní Myslová (Foto: Archiv Radio Prag)
Im Unterschied zu seiner Frau grübelt Lubos Nosek zunächst über die Dinge nach, bevor er eine Entscheidung fasst. Im Fall "Phoenix" war es nicht anders. Wie er mir erzählte, kennt er Angelika Schneider und Hans von Maydell schon seit 7 Jahren und sie haben sein Vertrauen gewonnen. Deshalb weiß er, dass sie es mit dem Projekt ernst meinen. Der Bürgermeister von Kostelni Myslova denkt zwar realistisch, aber auch mit einem Schuss Enthusiasmus:

"Es ist sehr wichtig für die Zukunft unserer Gemeinde. Wir haben hier etwa 40 Häuser und ein Teil von ihnen steht leer. Des Öfteren kommen Enkelkinder nur im Sommer zu ihren Großmüttern zu Besuch. Hier muss man aber schon etwas tun, damit sich die Leute sagen: In diesem Dorf passiert was, hier kann man leben. Wenn sie Probleme mit Unterkunft in der Stadt haben und hier würden sie schon etwas finden, dann sagen sie sich vielleicht: Wir gehen nach Kostelni Myslova zurück."

Bauernhof (Foto: Archiv Radio Prag)
Lubos Nosek habe es eigenen Worten zufolge sehr daran gelegen, dass die Leute nicht dachten, man organisiere etwas hinter ihren Rücken. So hat er gleich am Anfang jeden einzelnen Dorfbewohner angesprochen und ihm Unterlagen mit Informationen über das Phoenix-Projekt zur Verfügung gestellt, und dabei auch nicht erwartet, dass alle Dorfbewohner spontan positiv reagieren würden. Nosek will ebenfalls nicht verhehlen, dass es auch bestimmte Befürchtungen um den tschechischen Boden vor Ort gegeben hat:

"Ja, auch so sehen Tschechen manchmal Deutsche, dass die hier vor allem Grundstücke kaufen wollen. Sie brauchen aber keine Angst zu haben. Schließlich wird das Grundstück, auf dem das Nagl-Museum stehen soll, nicht von Deutschen, sondern von unserem Verein gekauft."

Bauernhof (Foto: Archiv Radio Prag)
Angelika Schneider und Hans von Maydell kamen vor etwa 7 Jahren zum ersten Mal nach Kostelni Myslova auf Einladung ihres tschechischen Freundes und bildenden Künstlers Karel Zeman und sind, wie sie sich gut erinnern können, gleich in den Bann dieses anmutigen Ortes und seiner Umgebung geraten. Sie kamen dann immer öfter und haben mittlerweile auch hier Wurzeln geschlagen. Hat man sie hier, in dem kleinen verschlafenen Dorf, akzeptiert, oder hat es lange gedauert:

Von Frantisek Moric Nagl hat sie von vornherein so gut wie nichts gewusst. Erst im Laufe der Zeit hat sie von ihm gehört und sich mit seinen Bildern vertraut gemacht. Wie sieht sie ihn also heute?

Als Initiator, ja direkt Treibmotor des Projektes, ist zweifellos Hans von Maydell zu bezeichnen. Sein Zustandekommen beschreibt er als einen wechselseitigen Prozess von Ideen. Die Ruine des Nagl-Hofs habe man nicht übersehen können, und in diesem Zusammenhang habe man auch immer mehr Informationen über den Maler und seine Familie bekommen. Als nächster Schritt kam die Entscheidung:

Es folgten Überlegungen, wie das Projekt im einzelnen technisch zu realisieren ist, wobei man sich natürlich nach Fördermöglichkeiten umgucken musste. Es wurden die zwei bereits erwähnten Vereine gegründet. Das reicht aber immer noch nicht, denn um in die Förderprogramm der EU reinzukommen, und das will man auch machen, muss noch in dem direkt angrenzenden österreichischen Nachbargebiet ein Kulturverein gefunden werden, der uneigennützig zusammenarbeitet und dieses Projekt unterstützt. Ja, für die Realisierung solcher Projekte muss man sowohl interessierte Leute als auch entsprechende Finanzmittel finden. "Das größte Kapital, das wir haben, sind die Leute, die sich engagieren wollen," sagte mir Hans von Maydell. Mit dem Geld sieht das anders aus:

Jede Münze hat bekanntlich zwei Seiten, so fragte ich: Mache sich das Projektteam in Kostelni Myslova keine Gedanken darüber, dass wenn einmal alles wie geplant laufe, bestimmte Turbulenzen in das südmährische Dorf kämen, an welche es in seinem langen Dornröschenschlaf nicht gewöhnt war?

Es scheint, dass man in Kostelni Myslova doch an alles gedacht hat. Wie soll dann alles laufen wenn es soweit ist und das Museum sowie die Begegnungsstätte fertig sind?

Mit einer feierlichen Eröffnung sehe es noch ein bisschen nebelhaft aus, sagt Hans von Maydel, aber es gebe einen ungefähren Plan. Mitte des kommenden Jahres will man den Hof gekauft haben. Das Museum, das im besterhaltenen Gebäude des ganzen Hofkomplexes, und zwar im ehemaligen Speicher, eingerichtet werden soll, will man in Kostelni Myslova bis Ende kommenden Jahres fertig haben. Die Begegnungsstätte und die internationale Schule Telc, für die eine Realisierung von viel umfangreicheren Plänen vorgesehen sind, möchte man mit dem EU-Betritt Tschechiens, sprich 2005, unter Dach und Fach haben. Zum Schluss meines Gesprächs mit Hans von Maydell habe ich mir eine wohl praktisch Frage gelassen: Wer kann sich dem Projekt anschließen, wer kann es unterstützen - moralisch oder finanziell?

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