Zwischen Prügel und Bildungsprogramm – böhmische Dienstmädchen im 19. Jahrhundert

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Ist ein Dienstmädchen ein Mensch? Diese Frage klingt heute absurd, aber noch vor etwa 100 Jahren führte sie zu einer heftigen Debatte in der böhmischen Presse. Nach der Knechtsordnung für die Königstadt Prag war es nämlich möglich, einen Knecht oder ein Dienstmädchen zu verprügeln, ohne bestraft zu werden. Ohne Genehmigung des Herrn durfte das sogenannte Gesindel auch nicht dessen Haus verlassen. Prager Dienstmädchen hatten aber zugleich jeden Sonntag die Möglichkeit, Auftritte von Sängern des Prager Nationaltheaters zu besuchen. Wie sah also das Leben der Dienstmädchen zu k. u k. Zeiten in Böhmen aus?

Dienerinnen gehörten seit jeher zum Leben wohlhabender Familien. Erste Bestimmungen für die Rechte und Pflichten des Dienstpersonals gab es zwar bereits im Mittelalter, zu einem Gesetz wurden sie jedoch erst im 19. Jahrhundert geformt. Grund war die Abschaffung der Leibeigenschaft: Erst ab da konnte jeder seinen Beruf freiwillig wählen, das heißt sich auch als Dienstkraft bei einer Familie einstellen lassen. Praktisch änderte sich aber damals in diesem Bereich nur wenig. Die überwiegende Mehrheit des Dienstpersonals wurde von Mädchen gebildet, sie bekamen üblicherweise nur Kost und Logis, aber kein Geld. Auch aus der Knechtsordnung für Prag von 1857 lässt sich ablesen, dass die Bediensteten auf der untersten Stufe der Gesellschaft standen. Frei übersetzt stand dort unter anderem:

„Der Knecht ist verpflichtet, auf jegliche Auffälligkeiten in Kleidung, Unterhaltung und anderen Dingen zu verzichten, wobei der Herr berechtigt ist, die Einzelheiten zu bestimmen. Ohne Erlaubnis des Hausherrn darf er seine Wäsche und sein sämtliches Eigentum nicht außerhalb seiner Wohnung aufbewahren. Er muss sich auch gefallen lassen, wenn der Herr seine Koffer, Schränke und andere Behälter in Anwesenheit mindestens eines Zeugen durchsucht. Der Herr darf seine Dienerschaft am Eigentum oder am Körper bestrafen und gegebenenfalls Hausarrest verhängen. Die Körperstrafen bestehen aus höchstens 15 Schlägen mit dem Stock bei Knechten und 15 Schlägen mit der Rute bei Dienstmädchen. Sie dürfen nicht öffentlich vollzogen werden.“

Foto: Archiv der Gemäldegalerie Alte Meister, Hajotthu, Free Domain
Schriftliche Arbeitsverträge zwischen dem Hausherrn und der Dienerschaft gab es meistens keine. Es bestand auch keine untere Altersgrenze dafür, ab wann jemand in den Dienst gehen durfte. Während die Kinderarbeit in den Fabriken bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts verboten wurde, galt dies für die Großbauernhöfe nicht. Bei städtischen Familien traten die Mädchen üblicherweise mit 14 Jahren in den Dienst, sagt die Historikerin Jana Malínská von der tschechischen Akademie der Wissenschaften:

„Wenn ein Mädchen das Glück hatte, bis zu seinem 14. Lebensjahr die Schule zu besuchen können, hat es eine gewisse Ahnung von den gesellschaftlichen Regeln erhalten. Dann bestand auch die Chance, in eine bessere Stellung aufgenommen zu werden oder sich später von der Dienstarbeit loszulösen. Vor allem manche Mädchen auf dem Land beendeten die Schule aber schon mit zwölf Jahren, um sich als Dienerinnen einstellen zu lassen. Sie dienten für Kost und Logis oder für einen geringen Lohn. Der Grund lag manchmal darin, dass das Mädchen so nicht mehr im Elternhaus verpflegt werden musste. Für arme Familien bedeutete dies eine große Hilfe.“

Das war auch bei Anna Fingerhut der Fall. Sie stammte aus einer unvermögenden Prager Müllerfamilie und trat sogar mit elf Jahren in den Dienst bei ihren Verwandten. In ihren Erinnerungen schrieb sie später:

„Ich ließ mich bei meiner Tante für zwölf Gulden pro Jahr einstellen. Als ich meiner Mutti davon erzählte, hüpfte ich vor Freude, dass ich nun selbst verdienen würde. Der Dienst war aber sehr hart. Im kleinen Zimmer, wo ich noch mit einem anderen Dienstmädchen schlief, konnte man die Fenster nicht schließen, so dass wir bei Regen oder Schneefall oft nass wurden. Im Winter war unsere Decke am Mund vom Atem gefroren. Die Decke wäre schon für eine von uns zu klein gewesen, wir mussten sie aber zu zweit teilen. Die Tante vertraute mir bald die Leitung ihres Ladens an. Jeden Tag um 6 Uhr morgens ging ich zur heiligen Messe und dann lief ich auch schon ins Geschäft. Mittagessen bekam ich meistens kalt und immer erst gegen drei Uhr nachmittags. Ich bat daher die Tante, mir stattdessen Kleingeld zu geben. So bekam ich zwei Groschen, dafür kochte ich mir am liebsten Gries- oder Hirsebrei oder etwas anders, was billig und schnell fertig war.“

Milena Secká (Foto: Archiv des Nationalmuseums in Prag)
Trotzdem ging es Anna Fingerhut den damaligen Umständen nach relativ gut. Ihre Tante und Onkel wurden als gerechte und fromme Menschen beschrieben, die selbst bescheiden, fast asketisch lebten. Darüber hinaus legten sie Wert auf die kulturelle Bildung ihrer beiden Dienstmädchen. Milena Secká vom Náprstek-Museum in Prag:

„Es erscheint fast unglaublich, dass die Tante beiden Mädchen zum Beispiel Eintrittskarten zu Bällen oder ins Theater zahlte. Sie kaufte ihnen auch Bücher und schickte die jungen Frauen in Tschechisch- und Deutschkurse, denn sie hielt es für ihr Geschäft wichtig, dass sie beide Sprachen beherrschten. Die Tante war also eine sehr aufgeklärte Frau.“

Solche Fälle nahmen an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert langsam zu. Grund war aber nicht nur, dass die neu entstehende städtische Mittelschicht vergleichsweise aufgeklärt war. Es lag auch im Interesse der vermögenden Familien, ein tüchtiges und repräsentatives Dienstmädchen zu haben. Dafür reichte es nicht nur, kochen und putzen zu können, das Mädchen sollte sich auch anständig verhalten und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten kennen. Das alles musste den Bediensteten aber erst beigebracht werden, betont Milena Secká.

„Das war die Aufgabe der Hausfrau, sie war für das Dienstmädchen die wichtigste Lehrerin. Sie musste es leiten und überwachen, was für sie selbst auch eine Art Lernprozess war. Psychologisches oder diplomatisches Geschick war dabei unverzichtbar. Des Weiteren war die Erziehung eines Dienstmädchens relativ aufwendig, ähnlich wie bei einem Lehrling. Der Familie lag daher daran, eine zufriedene und zuverlässige Dienstkraft zu haben. Heute ist häufig die Meinung verbreitet, die Hausfrau hätte nichts machen müssen, wenn sie eine Dienerin hatte. Das stimmt aber nicht.“

Františka Plamínková
Diese Argumente erklangen auch in einer Debatte, die sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der böhmischen Presse entwickelte. Den Anlass zu ihr gab ein Artikel mit dem Titel „Ist ein Dienstmädchen auch ein Mensch?“, der 1908 in der tschechischen Zeitschrift „Horizont der Frau“ erschien. Laut der Autorin, der Frauenrechtlerin Františka Plamínková, sollten Dienstmädchen feste Arbeitszeiten haben wie zum Beispiel Arbeiterinnen in den Betrieben. In derselben Zeitschrift wurde dieser Ansicht widersprochen. Johanna Kraus, die Frau des Unternehmers und Reichsratsabgeordneten Karl Kraus, spitzte ihren Beitrag ironisch zu:

„Die Dienerin gehört zur Familie. Sie muss nicht hetzen wie eine Arbeiterin in einer Fabrik. Morgens geht sie einkaufen, macht einen angenehmen Spaziergang und plaudert mit dem Händler. Dann kommt sie nach Hause, ruhig zieht sie sich aus und beginnt aufzuräumen. Dabei schafft sie es, beim Ausklopfen eines Teppichs auf dem Balkon stehen zu bleiben und verträumt frische Luft zu genießen. Dann macht sie sich zurecht, was sicher eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, und beginnt, der Köchin zu helfen. Nach dem Mittagessen wäscht sie in aller Ruhe das Geschirr, meine Dienerin braucht dazu etwa anderthalb Stunden. Nach dieser mühsamen Arbeit muss sie natürlich eine Pause machen und jausen. Die folgende Zeit verbringt sie mit der Vorbereitung des Abendbrots. Dass sie auch noch bügeln oder nähen sollte? Morgen ist auch noch ein Tag!“

Tomáš Garrigue Masaryk
Solche Ansichten waren jedoch in der Gesellschaft immer weniger akzeptiert. In Böhmen wurde damals die Emanzipationsbewegung der Frauen immer stärker, sie hatte auch unter zahlreichen Männern ihre Befürworter. Besonders der spätere erste Präsident der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk, war in diesem Bereich aktiv. In einem Zeitungsartikel wies er darauf hin, dass den Dienstmädchen jeder sozialer Schutz fehle. Sie waren weder in die Sozial- noch in die Krankenversicherung eingebunden. Wenn sie also krank wurden oder einen Unfall erlitten, konnten sie sofort entlassen werden. Auch hatten sie im Alter keinerlei Unterstützung, sie mussten deswegen arbeiten, solange ihre Kräfte reichten. Nur bei einigen Arbeitgebern bekamen sie ein Entlassungsgeld oder durften innerhalb der Familie ihre Tage beschließen.



Die Prager Dienstmädchen durften sich jedoch an einer Besonderheit erfreuen: den Kulturprogrammen, die Josefa Náprstková für sie organisierte. Diese ehemalige Dienerin, die den Händler und Kunstmäzen Vojta Náprstek heiratete, wollte ihren ehemaligen Kolleginnen zu Bildung verhelfen. Die Programme bestanden aus Vorträgen, Konzerten, Theaterstücken und Ausflügen. Sie wurden jeden Sonntag veranstaltet, und das in den letzten sechs Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Kaum zu glauben, aber den Statistiken nach nahmen an diesem Programm regelmäßig bis zu 1000 Frauen teil.