100. Geburtstag des Filmregisseurs Martin Fric

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100 Jahre sind am vergangenen Freitag, dem 29. März, seit der Geburt einer der größten Persönlichkeiten des tschechischen Films vergangen. Der heutige Kultursalon, den für Sie Markéta Maurová vorbereitet hat, ist dem Filmregisseur Martin Fric gewidmet.

Martin Fric gehört zu den großen Künstlern der Filmwelt. Als Drehbuchautor, Schauspieler und Mitarbeiter führender Regisseure in der Ära der Stummfilme stand er mit an der Wiege der tschechoslowakischen Kinematographie.

Mit dem tschechischen und slowakischen Film ging er den langen Weg von der stummen Ära bis in die zweite Hälfte der 60er Jahre. Er drehte über 80 Spielfilme, etwa 10 Filmdokumente sowie einige Fernsehinszenierungen. Einige davon wurden auf internationalen Festivals preisgekrönt, wie etwa der Janosik aus dem Jahre 1936, "Capeks Erzählungen" von 1946 oder die Verfilmung von Tschechows Erzählungen aus den 60er Jahren. An die Anfänge seiner Laufbahn erinnerte sich Martin Fric wie folgt:

"Alle Frics waren ein bisschen verrückt. J. V. Fric, die Revolution, das Jahr 1848, Barrikaden - das war mein Urgroßvater. Dann gab es den Reisenden, der einen Indianer mit nach Prag brachte, und den Direktor des Museums für Völkerkunde. Ein weiterer Fric hat die Sternwache in Ondrejov gegründet. Mein Vater war auch nicht normal. Er war ein Erfinder. Er flog. Ich wollte zunächst Pilot werden, dann habe ich die Kunstgewerbeschule studiert, im Kabarett "Die Rote Sieben" gespielt, und im Rokoko, wo ich den Regisseur Karel Lamac kennen lernte. Lamac brachte mich zum Film, ich machte alles für ihn - Werbung, Bauten, arbeitete in Labors, spielte kleine und große Rollen. Keiner kann mir heute etwas erzählen, ich kenne alles aus der Praxis. Ich habe mich acht Jahre lang auf das Filmemachen vorbereitet, bevor ich zu drehen begann. Mein erster Film war "Pater Vojtech"."

Soweit die Erinnerungen von Martin Fric. In der Ära des Tonfilms machte er Filme aller möglichen Genres - Lustspiele sowie ernsthafte Dramen. In den Jahren 1931-1939 drehte er mindestens zwei Filme pro Jahr, manchmal aber auch fünf. Den größten Publikumserfolg eroberten sich seine Schulkomödien über Gymnasiasten und ihre Professoren, Filme mit dem hervorragenden Komiker Vlasta Burian oder aber "Kristian" - die Geschichte eines jungen Angestellten, der ab und zu zu einem unwiderstehlichen und geheimnisvollen Salonlöwen wird. Die Hauptrolle verkörperte darin der bekannte Film- und Theaterschauspieler Oldrich Novy. Das führende Lied des Films - "Nur für den heutigen Tag ist es wert zu leben" in seiner Interpretation wurde bis heute nicht vergessen.

1937 drehte Fric einen der mutigsten antifaschistischen Filme "Die Welt gehört uns". Er entstand nach dem Drehbuch der Protagonisten des Befreiten Theaters Jiri Voskovec und Jan Werich, die darin auch die Hauptrollen spielen. Dass Fric später, zur Nazi-Zeit, nicht auf den Index der verbotenen Künstler geriet, war wohl Verdienst eines deutschen Filmproduzenten, mit dem Fric Anfang der 30er Jahre zusammen arbeitete. Als Gegenleistung musste er jedoch während des Protektorats zwei deutsche Filme machen. Daneben drehte er aber seine berühmten Komödien, die bis heute populär geblieben sind.

Nach dem Krieg machte sich Fric mit neuem Einsatz an die Arbeit. Er schuf die berühmte Parodie "Eines Wilddiebs Pflegetochter", bearbeitete aber auch ernsthaftere Themen wie das Ende der Habsburger Monarchie im Film "Ein Stern namens Pelynek". Großen Erfolg erntete er mit seinem Doppelfilm "Des Kaisers Bäcker" und "Des Bäckers Kaiser", der jedoch den Machthabern nicht gefiel und deren Misswillen hervorrief. Dem Dienst für das kommunistische Regime konnte nicht einmal Fric ausweichen und so drehte er auch Filme wie "Die Stählung" über den Kampf der Arbeiterklasse zur Zeit der Wirtschaftskrise.

Im Jahre 1966, kurz nach seiner Rückkehr vom Filmfestival in San Francisco, wo seine Verfilmung der Erzählungen von Eduard Bass "Die Menschen aus den Zirkuswagen" ausgezeichnet wurde, war Martin Fric auch im Tschechoslowakischen Rundfunk zu Gast. Die Arbeit mit Schauspielern und nichtprofessionellen Spielern, die internationalen Filmkoproduktionen, die Trennung zwischen Kunstfilmen und Filmen, die für ein breiteres Publikum bestimmt sind, - das waren einige der Themen, zu denen er sich damals äußerte. Aus seinen Ansichten haben wir das folgende kleine Mosaik zusammengestellt:

"Wenn sie sich heute einen guten Schauspieler nehmen - der ist überall beschäftigt, sowohl im Film als auch im Theater, er hat Proben im Theater, im Fernsehen , im Rundfunk und für den Film bleiben ihm letztendlich nur zwei Stunden übrig. Das ist auch einer der Gründe, warum die Filme mit Nichtschauspielern besetzt werden.

Ich glaube, dass die jungen Regisseure, wenn sie es mal mit Schauspielern versuchen würden, den Film noch besser machen würden. Wenn sie Professionelle zur Verfügung hätten, würde es ihrer Absicht, ihrem neuen Schaffen nicht schaden. Manch einer hat das Bedürfnis, mit Laien zu arbeiten, aber ich sage Ihnen ehrlich, ich mag es nicht besonders. Ich arbeite lieber mit professionellen Schauspielern."

"Wie man zu sagen pflegt, dass wir ein Volk der Musiker sind, muss ich auch sagen, dass wir ein Volk der Kameraleute sind. Bei uns werden unglaublich begabte Kameraleute geboren. Seit jeher. "

"Ich bin prinzipiell gegen Koproduktionen, wenn man einen Film in zwei Versionen macht. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, als ich z.B. Burian auf Deutsch und auf Tschechisch machte - das hatte entweder in Deutschland oder in Tschechien Erfolg. Ich kam zu dem Schluss, dass das logisch ist, weil jedes Volk eine ganz andere Mentalität, einen ganz anderen Humor hat. Ein Thema für beide Völker zu finden, die ihren eigenen Charakter haben, das habe ich noch nicht erlebt. Das ist nie gelungen."

"Mein Lieblings-Lustspiel, dessen Produktion mir am meisten Spaß gemacht hat, das war "Eines Wilddiebs Pflegetochter". Es wurde damals gar nicht verstanden, ich glaube, dass es erst jetzt begriffen wird. Es war eigentlich - man hat es vergessen - das erste tschechische Filmmusical. Man sagt dies über "Die Alten auf dem Hopfeneinsatz", aber die Pflegetochter war früher."

"Ich weiß nicht, warum die Kunstfilme und die Filme für Zuschauer so getrennt werden. Es ist die selbe Kunst, einen Zuschauerfilm zu machen. Der Kunstfilm ist der jenige, der etwas ganz neues bringt. Der Zuschauer muss ihn aber verstehen. Die Auswüchse und Experimente werden gemacht und müssen gemacht werden. Gott sei dank für diese Möglichkeit. Sie haben auch im Ausland große Erfolge. Ich bin absolut dafür. Mann muss hier aber differenzieren. Es muss besondere Kinos dafür geben, nicht für den Zuschauer, der nicht in der Lage ist, etwas Kompliziertes zu verstehen - so wie ein normaler Mensch ein modernes Bild nicht verstehen kann, weil er nicht das in Betracht ziehen kann, was sich der Maler dabei vorgestellt hat. Auch solche Sachen muss es aber geben, sonst würden wir starr bleiben, absterben."

"Ich glaube, dass es eine große Kunst ist, wenn der Film einen hohen Künstler nicht beleidigt und ihn gleichzeitig normale Menschen verstehen."

In jenem Rundfunkgespräch aus dem Jahr 1966 bekannte sich Fric auch dazu, dass er die Arbeit an seinem Lebensthema erst vor sich hat:

"Ich bereite seit langem sozusagen mein Lebenswerk, ein schwerwiegendes Werk vor, und zwar "Lidice". Wir arbeiten fleißig daran und ich möchte diesen Film zum Höhepunkt meines Schaffens machen und dadurch mein Werk abschließen. Darauf freue ich mich sehr und es ist sicher eine riesige Aufgabe. Ich bin froh, sie bekommen zu haben. Wir schreiben das Drehbuch mit Jiri Prochazka, mit dem ich auch "Einen Stern namens Pelynek" gemacht habe und halten uns an den selben Grundsatz: wir haben dort eine große menschliche Tragödie gezeigt, menschlich und realistisch, ohne Kaschieren und ohne erfundene Götter und Denkmäler. Wir wollen zeigen, wie grausam es war und wie es wirklich passierte."

Zur Realisierung dieses Vorhabens kam es jedoch nicht mehr. Am 26. August 1968, fünf Tage nach der Okkupation der Tschechoslowakei durch die Warschauer-Pakt-Truppen, ist der Regisseur gestorben. Er hinterließ um die 100 Filme, die auch heute, im Jahre des 100. Geburtstags von ihrem Autor, bekannt und beliebt sind. Und damit verabschiede ich mich von Ihnen für heute. Für Ihre Aufmerksamkeit bedanken sich Olaf Barth und Markéta Maurová.