„100pa“ – Ausstellung zur hundertjährigen Geschichte des Hauses der Kunst in Ostrau

Haus der Kunst in Ostrau

In Ostrava / Ostrau feiert man die Kunst in diesem Jahr ganz besonders. Wir haben bereits über den zehnten Geburtstag der Galerie Plato berichtet. Und auch in der Galerie der Bildenden Kunst (Galerie výtvarného umění) gibt es eine Jubiläumsausstellung, nämlich schon zum 100. Jahrestag der Eröffnung des Hauses. In der Schau spiegelt sich die wechselhafte Geschichte der Einrichtung wider, von den ersten Mäzenen über die Existenzbedingungen im realen Sozialismus bis zu heutigen Ankäufen.

Haus der Kunst | Foto: Magdalena Staňková,  GVUO

Schon bei der Eröffnung vor 100 Jahren sei das „Dům umění“, das „Haus der Kunst“ in Ostrau, ein absolut zeitloses Bauwerk gewesen. Renata Skřebská ist die Bewunderung für das Gebäude anzumerken, in dem sie heute als Hauptkuratorin tätig ist. Ostrau sei Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem ein Synonym für Industrie gewesen, so Skřebská weiter, und darum müsse die damalige Initiative des Kunstsammlers František Jureček als so bedeutsam verstanden werden:

Haus der Kunst in Ostrau | Foto: Magdalena Staňková,  GVUO

„Das Haus der Kunst entstand sozusagen auf der grünen Wiese. Der Ostrauer Bauunternehmer František Jureček wollte seine Gemäldesammlung abgeben. Sie war von hoher Qualität und enthielt vor allem tschechische Werke des 19. Jahrhunderts. Zunächst erwog Jureček, die Bilder nach Prag zu geben. Da er aber ein großer Lokalpatriot war, entschied er sich letztlich für Ostrau. Er fand die Unterstützung eines Großteils der hiesigen Unternehmer, so etwa von Eduard Šebela oder Oskar Federer, die beide eine Verbindung zum Eisenhüttenbetrieb in Vítkovice und zum Kohlestandort darstellten. Zuspruch kam zudem von Vertretern aus der Sparkasse. Es war also ein echter zivilgesellschaftlicher Moment.“

Renata Skřebská | Foto: Galerie für bildende Kunst in Ostrava

Die Gruppe gründete 1923 einen Verein, der den Wettbewerb für das Haus der Kunst ausschrieb. Und am 13. Mai 1926 konnte es eröffnet werden. Renata Skřebská:

„In der ganzen Tschechoslowakei war dies damals die erste Einrichtung, die wir aus heutiger Sicht eine Kunsthalle nennen würden. Die Architektur ist so gut durchdacht, dass sie auch den heutigen Anforderungen entspricht. Es gibt Licht von oben, und es wurde architektonisch wirklich so vorgegangen, damit das Haus seinen Zweck erfüllt. Inzwischen ist es vielleicht nur schon ein bisschen klein, wir könnten durchaus ein größeres gebrauchen.“

Rund 24.000 Kunstwerke beherbergt das Gebäude derzeit. Neben Gemälden und Skulpturen gehören dazu auch Grafiken, Fotografien oder Bücher.

Haus der Kunst in Ostrau | Foto: GVUO

Der erste Boom

Die Ausstellung zum 100. Geburtstag des Ostrauer Hauses der Kunst trägt den einfachen Titel „Stopa“ (Spur). Die Entwicklungsspur der Sammlung wird darin chronologisch nachgezeichnet – angefangen bei den 120 Werken, die František Jureček eingebracht hatte. Kuratorin Skřebská kommentiert den Ausgangspunkt der Ausstellung:

Ausstellung „Stopa“  (Spur) | Foto: Roman Polášek,  GVUO

„Die 1920er Jahre, ein riesiger Sammlungsboom. Hier finden sich Werke von Jindřich Štyrský und Toyen, aber auch aus der älteren Linie um Antonín Procházka, also der ersten Phase der Moderne und der Gruppe Osma. Danach kommt man in die Zeit der 1940er Jahre und des Zweiten Weltkriegs, die sehr schwer war. Es gab weniger Anschaffungen, aber doch auch interessante Ausstellungen, mit denen etwa mit Josef Mánes das Tschechentum unterstützt werden sollte. Während des Krieges drohte die Übernahme des Hauses durch eine deutsche Verwaltung. Dies konnte letztlich verhindert werden, aber Werke der Moderne, wie von Čápek, Filla oder Zrzavý, durften damals nicht gezeigt werden.“

1944 wurde Ostrau zudem bombardiert. Das Haus der Kunst blieb zum Glück stehen – aber alle Fenster- und Glaselemente wurden zerstört. Dies habe die Lagerung und den Schutz der Kunstwerke in den Nachkriegsjahren schwierig gemacht, wirft die Mitarbeiterin ein.

Ausstellung „Stopa“  (Spur) | Foto: Roman Polášek,  GVUO

Das Projekt „Stopa“ habe die Ausstellungsmacher vor die große Herausforderung gestellt, in nur zwei Sälen die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts unterzubringen, resümiert Skřebská. Die Sammlungsentwicklung der frühen Jahrzehnte kann der Besucher oft nur noch durch zeitgenössische Plakate nachvollziehen, die von den damaligen Programmen im Ostrauer Haus der Kunst erhalten geblieben sind. In der Jubiläumsschau lässt sich aber auch der Einschnitt nachvollziehen, den der Regimewechsel 1948 und die 1950er Jahre bedeutet haben. Skřebská bezeichnet diese Zeit als „nicht sehr angenehm“. Gezeigt werden in diesem Abschnitt etwa Gemälde von Jaromír Schoř als Vertreter des sozialistischen Realismus. Chronologisch folgen dann die neuen Freiheiten während des sogenannten Prager Frühlings...

Ausstellung „Stopa“  (Spur) | Foto: Roman Polášek,  GVUO

„Die 1960er Jahre stellten den zweiten Boom und die zweite glückliche Epoche dar. Damals konnten Einkäufe auch aus Privatsammlungen getätigt werden. Es war möglich, einerseits eine Menge Werke aus der klassischen Moderne anzuschaffen und andererseits auch zeitgenössische Autoren, wie zum Beispiel Mikuláš Medek. Künstler wie er hatten bis dahin auf dem Index gestanden. Und am Ende der 1960er Jahre gelang es noch, das Bild ‚Modrá pro Jana Palacha‘ (Blau für Jan Palach, Anm. d. Red.) von Václav Boštík anzukaufen. Das war 1969.“

Der Student Jan Palach hatte sich im Januar des besagten Jahres auf dem Prager Wenzelsplatz selbst angezündet, aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und die Okkupation der Tschechoslowakei durch die Sowjetunion. Und mit dieser Periode der sogenannten Normalisierung schließt auch der erste der beiden Ausstellungsteile von „Stopa“ ab.

Ausstellung „Stopa“  (Spur) | Foto: Roman Polášek,  GVUO

Unsystematische Ankäufe

Wie die Besucher im zweiten Ausstellungssaal erfahren, begann sich die Akquise im Haus der Kunst in den 1980er Jahren zu verändern. Es kamen mehr Autoren aus der Region in die Sammlung und ebenso Nachwuchskünstler. Die junge Generation der Kreativen sei von den Institutionsleitungen zuvor lange ignoriert worden, schildert Renata Skřebská. Vieles sei der Galerie deswegen sozusagen durch die Lappen gegangen, so die Chefkuratorin:

„In den 1980er Jahren war es dann auch schon möglich, Bilder von Michael Rittstein oder Jiří Načeradský anzuschaffen. Aber das waren eher Einzelkäufe, sie passierten nicht gezielt. Darum entgingen dem Haus viele dieser Werke und Autoren. Solche Käufe werden jetzt nachgeholt – dies aber nur mit großen Problemen, weil natürlich alle Galerien das gleiche Interesse haben. Es gibt nicht mehr viele Werke, die man kaufen kann. Das meiste ist schon weg. Und hinzu kommt der private Kunstmarkt, mit dem unsere Einrichtungen nicht konkurrieren können.“

Eine wichtige Hilfe in dieser Hinsicht seien Zuschüsse des tschechischen Kulturministeriums, betont Skřebská. Zu den Autoren, um die sich die Ostrauer Galerie heute bemüht, gehören etwa die Zwillingsschwestern Květa und Jitka Válová oder auch der Prager Künstler Karel Nepraš.

Michael Rittstein – Ausstellung „Die glänzende Allee“ | Foto: GVUO

Am Anfang standen Schulden

Der Schau „Stopa“ zufolge hatte das Haus der Kunst selbst nur selten die nötigen Mittel, um seine Sammlung systematisch auszuweiten. Schon zu Zeiten ihrer Eröffnung sei die Einrichtung verschuldet gewesen, sagt Kuratorin Skřebská:

Haus der Kunst in Ostrau | Foto: Roman Polášek,  GVUO

„Das Haus hatte rund eine Million Kronen an Schulden zu tilgen, weil sich die Bauarbeiten verteuert hatten. Die Sammlungen aus dieser Zeit waren also zumeist Schenkungen. Ein wichtiger Mäzen war Oskar Federer, von dem eine große Menge an Werken stammte. Die Deutschen haben diese dann konfisziert, weil Federer Jude war. Er konnte fliehen und einen Teil der Gemälde mitnehmen. Der andere Teil der wertvollen Sammlung blieb hier.“

Außer Schenkungen hat es in den frühen Jahren des Hauses der Kunst auch eine direkte Unterstützung seitens der Maler und Bildhauer gegeben.

Haus der Kunst in Ostrau | Foto: Roman Polášek,  GVUO

„Wenn sie eine Ausstellung hatten, dann ließen die das eine oder andere Werk hier. Dadurch wuchs der Bestand an. Zudem traf der erste Galeriedirektor, Alois Sprušil, der die Funktion vor 1946 noch unentgeltlich ausübte, die tolle Entscheidung, eine Sammlung an Grafiken aufzubauen. Das war nicht so teuer, und grafische Werke waren verfügbar. Also wurden gezielt Arbeiten von Anfang des 19. bis ins 20. Jahrhundert eingekauft, sodass hier die Grafik-Elite vertreten ist.“

Diese Sondersammlung bestehe aus rund 2200 Exemplaren, ergänzt Skřebská.

Und dass man in der Galerie der Bildenden Kunst in Ostrau einen Sinn für das Grafische hat, das zeigt sich etwa in der Visualisierung der Jubiläumsausstellung. In dem simplen Titel versteckt sich nämlich ein Wortspiel. „Stopa“ ist einerseits ein eigenständiges Wort, das auf Deutsch „Spur“ heißt. Andererseits beinhaltet seine erste Hälfte aber ebenso den Begriff „sto“, also das tschechische Wort für „einhundert“. Grafisch wird das mit „100pa“ dargestellt. Kuratorin Skřebská fasst außerdem zusammen:

Haus der Kunst in Ostrau | Foto: Roman Polášek,  GVUO

„Gezeigt wird also die Geschichte der 100 Jahre, und das sozusagen anhand der sehr bedeutsamen Flaggschiffe, die unsere Sammlung berühmt machen. Diese Werke werden regelmäßig ins Ausland verliehen, aber auch innerhalb Tschechiens besteht ein riesiges Interesse an ihnen. Auf der anderen Seite haben wir ebenso Kunstwerke in der Sammlung, die es eigentlich nicht geben sollte. Aber die historische Entwicklung ist nun einmal so verlaufen, und der sozialistische Realismus gehört dazu. Darum muss man ihn auch ausstellen.“

Dieses Unbehagen jener Menschen, die die Zeit vor 1989 noch bewusst erlebt haben, wird von den Nachgeboren nicht mehr unbedingt geteilt. Darauf lassen zumindest die Rückmeldungen schließen, die Kuratorin Renata Skřebská immer häufiger bekommt...

„Wir wollten bei der Ausstellung wirklich objektiv sein. Und die Reaktion ist immer eine Frage der zeitlichen Entwicklung. Ich bin schon oft darauf gestoßen, dass die sozialistischen Werke für meine Generation ein großes Problem sind – auch von der künstlerischen Seite und eben von dem politischen Engagement her. Für die heutige Generation sind sie eher ein interessanter Aspekt. Das ist ein neuer Blick darauf, der sehr wichtig ist. Darum wollten wir, dass die Schau ausgewogen ist und nicht von dem Generationsproblem oder einem Widerwillen belastet wird.“

Haus der Kunst | Foto: Magdalena Staňková,  GVUO

Die Jubiläumsausstellung „Stopa“ ist in der Ostrauer Galerie der Bildenden Kunst noch bis 30. August zu sehen. Eine kommentierte Führung mit dem Titel „Auf den Spuren von František Jureček“ gibt es (auf Tschechisch) am 26. August. Am 2. September und 12. November wird zudem die Vorführung des einstündigen Dokumentarfilms „100 let Domu umění v Ostravě“ (100 Jahre Haus der Kunst in Ostrau) angeboten, der ebenfalls auf Tschechisch ist. Die Vorführung ist kostenlos, es ist aber eine Reservierung nötig. Alle Informationen gibt es auf gvuo.cz, und das auch auf Englisch.

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