15 Jahre Tschernobyl

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Tschernobyl - am 26. April 1986 erlangte der Name des ukrainischen Atomkraftwerks traurigen Weltruhm: es kam zum bisher grössten Unglück in einem Kernkraftwerk - mit bis heute kaum abschätzbaren Folgen. Im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte wollen wir einen Blick darauf werfen, wie die damalige tschechoslowakische Regierung auf dieses Unglück reagierte. Dazu begrüssen Sie Olaf Barth und Katrin Bock.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Nachrichten über den Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl, an Meldungen über radioaktive Verseuchung, über die Gefahr für die Bevölkerung auch im restlichen Europa, an zu treffenden Massnahmen - all diese Informationen erreichten die Bewohner der Tschechoslowakei nur begrenzt. Am 30. April, vier Tage nach der Havarie, erschienen erste Nachrichten über das Unglück in der Presse. Auf Seite 7 des Parteiblattes Rude Pravo beschrieb ein Artikel auf Grundlage sowjetischer Informationen das Geschehen. Dies war die erste Information, die Tschechen über den Unfall bekamen. Unter anderem hiess es dort:

"Nach vorläufigen Angaben geschah die Havarie in einem Objekt des vierten Reaktorblockes, wobei ein Teil der Baukonstruktion vernichtet wurde, der Reaktor selbst blieb unbeschädigt. Es wurden maximale Vorkehrungen getroffen, deren Ziel es ist, jegliche Folgen der Havarie zu beseitigen. Die Strahlung im Kraftwerk und seiner Umgebung ist unter Kontrolle, den Betroffenen kommt jegliche ärztliche Hilfe zu."

Die tschechoslowakische Regierung schwieg die ersten Tage nach dem Unglück. Am 29. April wurde sie aktiv, rief eine Regierungskommission ein, veranlasste die ständige Beobachtung der Windströmungen und Radioaktivität und veröffentlichte mittels der tschechoslowakischen Presseagentur CTK folgende Bekanntmachung:

"Auf dem Gebiet der CSSR werden kontinuierlich Messungen durchgeführt, während der gesamten Beobachtungszeit wurden keine erhöhten Werte an Radioaktivität festgestellt."

Diese Meldung beruhte auf keinerlei realen Angaben. Denn gerade drei bis fünf Tage nach dem Unglück war die Luft über der Tschechoslowakei am stärksten kontaminiert. Grundlage der Regierungsmeldung waren vom metereologischen Amt nicht sehr genau durchgeführte Messungen. Am 1. Mai fanden wie jedes Jahr die kommunistischen Massenaufmärsche statt, viele verbrachten den Feiertag im Grünen - über mögliche Gefahren dieser Aktivitäten wurde die Bevölkerung nicht informiert.

10 Tage nach der Havarie, am 7. Mai `86, erschien im Rude Pravo ein Interview mit der Leiterin des Hygieneamts der CSSR, Dana Zuskova. Übertitelt war es mit den beruhigenden Worten: "Kein Grund zur Sorge". So nebenbei sagte damals Frau Zuskova:

"Sogar in den ersten Tagen nach dem Störfall, als eine erhöhte radioaktive Strahlung festgestellt wurde, lag diese um vieles niedriger, als dass sie auch bei länger andauernder Wirkung zu gesundheitlichen Schädigungen führen könnte."

Für die Bewohner der Tschechoslowakei musste diese Äusserung seltsam klingen, hatte doch keine Woche zuvor die Regierung beteuert, dass keinerlei erhöhten Werte gemessen wurden. In der Presse fanden die Tschechen und Slowaken jedoch keine Erklärung, ebenso wenig wurden sie über zu treffende Vorkehrungen informiert - die Presse unterlag der Zensur ebenso wie die Stationen, die die radioaktiven Werte massen, ihre Ergebnisse durften nicht veröffentlicht werden. Angesichts fehlender konkreter Informationen reagierten einige Bewohner der Tschechoslowakei panisch. Es soll zu vermehrten Herzbeschwerden ja Herzinfakten gekommen sein, zudem stieg in den Wochen nach Tschernobyl die Abtreibungsrate - viele Frauen waren angesichts der sich widersprechenden Meldungen und fehlender konkreter Informationen verunsichert und trieben, sofern sie zu Beginn der Schwangerschaft waren, ihr Kind lieber ab, da sie befürchteten, ihr Kind könnte aufgrund der Strahlung mit Missbildungen zur Welt kommen.

Eigentlich erst nach der Samtenen Revolution von 1989, also dreieinhalb Jahre später, konnte man über die Folgen von Tschernobyl genaue Informationen in der Tschechoslowakei erhalten. Angesichts des Verhaltens der damaligen Regierung beschloss die Behörde zur Dokumentation und Untersuchung kommunistischer Verbrechen 1995, Strafanzeige zu erheben. Fest steht, dass die damalige Regierung die Bevölkerung falsch informierte und so das Leben und die Gesundheit der Bewohner der Tschechoslowakei gefährdete.

Einen der Gründe, warum die damalige Regierung die Bevölkerung nicht über das volle Ausmass der Katastrophe informierte, sieht Jan Srb, Sprecher der Behörde zur Dokumentation und Untersuchung kommunistischer Verbrechen, im damaligen politschen System:

"Das war, weil das Unglück in der UdSSR passiert ist, damals war es einfach nicht üblich, über irgendeine Katastrophe oder ein Unglück die Bevölkerung zu informieren. So erfuhren die Leute hier vor allem etwas aus den ausländischen Radiosendungen, oder, wenn sie im Grenzgebiet wohnten, aus dem westdeutschen oder österreichischen Fernsehen. Die tschechoslowakische Regierung hat die Bevölkerung weiter falsch informiert."

1995 leitete die Behörde zur Dokumentation und Verfolgung kommunistischer Verbrechen gegen drei Personen ein Untersuchungsverfahren ein, gegen den damaligen Regierungsvorsitzenden Lubomir Strougal, den damaligen tschechoslowakischen Konsul in Kiev, Zdenek Novak, und den damaligen Vositzenden des tschechoslowakischen Sportbundes, Antonin Himl. Die jeweiligen Gründe zur Aufnahme des Verfahrens erläutert Jan Srb:

"Gegen den Regierungsvorsitzenden geschah dies eindeutig wegen der Erklärung vom 29. April 1986, die er dem Pressebüro zu einem Zeitpunkt übermittelte, zu dem er wusste, dass sie falsch ist. Gegen den Konsul in Kiev wurde das Verfahren eingeleitet, weil ihm das Wohl der Studenten und Bürger der CSSR, die sich in diesem Gebiet aufhielten, unterlag. Zunächst hat er die Information verschiegen, später wurden die tschechoslowakischen Studenten aus Kiev auf Ferien nach Hause geschickt, bald aber unter der Androhung, vom Studium ausgeschlossen zu werden, gezwungen nach Kiev zurückzukehren. Gegen den Vorsitzenden des Sportbundes wurde das Verfahren eröffnet, weil er, obwohl er genaustens über die Lage hier und in der Ukraine informiert war, ein Radfahr-Team in die Ukraine entsandte, das am Eröffnungslauf der Internationalen Friedensfahrt teilnahm - und dies obwohl er wusste, dass er die Radfahrer einem Risiko aussetzt."

Die tschechische Gauck-Behörde bemühte sich 1995 genug Material gegen die drei zu sammeln, um sie der fahrlässigen Gefährdung der Öffentlichkeit anzuklagen, wofür bis zu drei Jahre Gefängnis drohen. Die Verfahren wurden 1999 allerdings vorläufig eingestellt - zu den Gründen sagt Jan Srb:

"Der Hauptgrund war, dass die Taten, als wir 1995 begannen sie zu untersuchen, bereits verjährt waren - und das auf Grund des Gesetzes über die Rechtswidrigkeit des kommunistischen Systems. Die Verjährungsfrist für Straftaten mit einem Höchststrafmass von drei Jahren beträgt fünf Jahre, gerechnet ab November 1989, also waren die Taten 1995 bereits verjährt. Das war ein Grund. Der zweite Grund war, dass sich auf sie auch die Amnestie bezog, die Präsident Havel nach seiner ersten Wahl 1990 verkündete. Und das Verfahren gegen die dritte Person... nun, der ist schon vor 1989 gestorben."

Derzeit ruhen die Verfahren also, aber Jan Srb und mit ihm die Mitarbeiter der Behörde haben bisher die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sie wieder aufgenommen werden:

"Wenn uns damals beim Untersuchungsverfahren gelungen wäre, nachzuweisen, dass die drei vorsätzlich gehandelt haben, oder aber, dass unmittelbare Folge dieser Tat der Tod oder die schwere Gesundheitsschädigung eines Bürgers war, so würden die Taten anders qualifiziert werden und wären noch nicht verjährt. Aber es ist uns nicht gelungen, zu beweisen, dass es aufgrund von Tschernobyl mehr Krebstote gibt oder aber mehr Kinder mit Missbildungen zur Welt gekommen sind."

In der offiziellen Begründung für die vorläufige Einstellung der Verfahren klingt dieses wie folgt:

"Verjährt wären diese Taten nicht, wenn der Täter durch diese Straftat wirklich mehreren Personen schwere Gesundheitsschädigungen oder den Tod zugefügt hätte. Im durchgeführten Untersuchungsverfahren konnte jedoch solch eine Folge des Handels der Verdächtigen nicht nachgewiesen werden, insbesondere da es nicht möglich ist, den Anteil der radioaktiven Strahlung nach Tschernobyl an der Verschlechterung des Gesundheitszustand einzelner Personen auszumachen."

Statistisch gesehen kamen acht, neun Monate nach Tschernobyl mehr missbildete Kinder zur Welt, auch die Zahl der Krebserkrankungen nahm zu, doch der Behörde zur Aufklärung und Untersuchung kommunistischer Straftaten ist es nicht gelungen, Beweise für die Zusammenhänge vorzulegen:

"Kein Arzt war bereit ein entsprechendes Gutachten auszustellen. Es fehlt einfach der direkte Kausalzusammenhang. Bei den Kindern ist es 100%ig, dass wegen Tschernobyl mehr missbildete zur Welt gekommen sind, bei den Erwachsenen Krebsfällen, ja es gibt mehr Fälle, aber das ist alles Spekulation - wie gesagt, der dirkte Kausalzusammenhang fehlt einfach."

Soweit Jan Srb

Die Verfahren in Sachen Tschernobyl ruhen also, ob sie jemals wieder aufgenommen werden, bleibt fraglich - falls es doch der Fall sein sollte, so werden Sie dies von Radio Prag erfahren. Für heute ist dies alles im Geschichtskapitel.

Autoren: Olaf Barth , Katrin Bock
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