17. November 2000 - Der neue Staatsfeiertag

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1918, 1938, 1948, 1968 - alles berühmt berüchtigte Jahreszahlen, die längst in die tschechische Geschichte eingegangen sind. In den genannten Jahren erlebte das Land schicksalhafte Momente, die auf seine weitere Existenz nachhaltige Auswirkungen hatten. Darüber hinaus findet man noch ein Datum in der tschechischen Geschichte, und zwar den 17. November, der mit einem Abstand von 50 Jahren mit historischen Ereignissen verbunden war. Gemeint sind der 17. November 1939 und der 17. November 1989. In Bezug auf die Ereignisse an den beiden Tagen wird hierzulande der 17. November 2000 erstmalig als Staatsfeiertag begangen. Mehr zu diesem Thema im folgenden Beitrag von Olaf Barth:

An jenem 17. November im Jahre 1989 demonstrierten in Prag etwa 15 000 Studierende anlässlich des sogenannten "Tages der Studenten". Der zunächst friedliche Demonstrationszug fand eine jähe Unterbrechung, als er kurz vor dem Wenzelsplatz von Truppen der Nationalen Staatssicherheit gewaltsam gestoppt und blutig zerschlagen wurde. Doch halt... das ist nicht die ganze Geschichte - die eigentliche Geschichte beginnt nämlich bereits mehr als 50 Jahre früher: Am 28. Oktober im Jahre 1939, um genau zu sein.

Auch damals waren die Straßen der goldenen Stadt Schauplatz einer Studentendemonstration. Auch diese, gegen die Herren des Protektorats Böhmen und Mähren gerichtete Protestkundgebung wurde brutal niedergeschlagen. Damals allerdings von den deutschen Besatzungseinheiten.

Der bei dem Polizeieinsatz niedergeschossene Student Jan Opletal erlag einige Tage später seinen Verletzungen. Im Anschluss an seine Beisetzung am 15. 11. 1939 kam es zu erneuten Auseinandersetzungen zwischen jungen Tschechen und deutschen Ordnungskräften.

Als Reaktion auf diese neuerlichen Unruhen verhafteten Gestapo und Waffen-SS an den beiden folgenden Tagen Tausende Prager Studenten, 1200 von ihnen wurden schon bald in Arbeits- und Konzentrationslager abtransportiert. Am 17. November ließen die Besatzer sämtliche tschechischen Hochschulen und Universitäten bis auf weiteres schließen. Noch am selben Tag wurden neun Anführer der Studentenbewegung hingerichtet oder vielmehr standrechtlich erschossen.

Dieser tragischen Ereignisse also gedachten die Demonstranten im Jahre 1989. Die brutale Reaktion des Staatsapparats löste eine Welle der Solidarisierung mit den Studenten in allen Schichten und Gegenden des Landes aus, die die Apparatschiks schließlich hinweg spülte: Noch im Dezember 1989 traten die meisten tschechoslowakischen Führungspolitiker zurück und das, zu jenem Zeitpunkt noch kommunistische Parlament, wählte den Vertreter des Bürgerforums, den Schriftsteller Vaclav Havel, zum neuen Staatspräsidenten. Havel wurde dann nach den ersten freien Wahlen 1990 auch vom neu gewählten Parlament im Amt bestätigt. Ein Veränderungsprozess hatte eingesetzt, der aus der ehemaligen Einparteienstaats-Diktatur einen freiheitlich pluralistischen Staat demokratischer Prägung schuf.

Was wissen die tschechischen Bürger heute noch über die Geschehnisse von 1939 bzw. 89??? Wir befragten Passanten auf dem Wenzelsplatz.

Nach den Ereignissen vom 17. November 1939 befragt, erhielten wir u.a. folgende Antworten:

"...39 ? Darüber weiß ich nicht viel."

"Da waren Studenten, die man festgenommen hat, einige wurden hingerichtet. Die Gestapo verhaftete die Studenten und richtete sie hin, weil sie gegen das Protektorat waren..."

"Das war der Tod irgendeines Studenten, der gegen den Faschismus gekämpft hat, weil die Deutschen damals die Hochschulen in Tschechien respektive im Protektorat Böhmen und Mähren geschlossen hatten.

Es handelte sich damals um einen Protest gegen den Faschismus. Ich kann mich da nicht mehr so genau an den Geschichtsunterricht erinnern..."

Den 17. November betreffend, war die Erinnerung noch wesentlich präziser.

Auf die Frage, was der 17. November 1989 für sie bedeute, entgegnete eine Passantin:

"Der 17. November ist bestimmt ein bedeutender Tag, damit begann ja das Ende des Kommunismus, leider ein bisschen auf eine andere Weise als wir uns das gedacht hatten. Denn wir, die wir die 50-er Jahre erlebten, haben geglaubt, dass dieses Regime und deren Repräsentanten bestraft werden würden. Oder zumindest hätte man die Kommunistische Partei für verfassungswidrig erklären können. Das war also für unsere Generation irgendwie enttäuschend."

Welche Dinge sich in ihrem Leben durch diese Ereignisse geändert hätten, hakten wir nach:

"Ich kann sagen, dass sich mein Leben nicht so sehr verändert hat. Aber das entscheidende Gefühl der Freiheit und das Gefühl, dass man nicht unzählige Papiere und Anmeldungen ausfüllen muss, dass man einfach nur seinen Pass zu nehmen braucht und ein gleichberechtigter Bürger ist, das ist das Wichtigste. Vor allem für die jungen Leute. Sie können reisen wohin auch immer sie wollen und haben endlich auch einen Grund, Fremdsprachen zu lernen."

Für einen betagteren Herren hatte der 17. November 89 folgende Bedeutung:

"Naja, es bedeutet den Umsturz, den Fall des kommunistischen Regimes, den die Studenten in Bewegung gesetzt haben."

Auf die Frage, was sich bei ihm persönlich nach jenem Tag geändert hätte, antwortete er:

"Viel, wie wahrscheinlich bei jedem. Ich hatte viele Hoffnungen, dann schlug das aber in Enttäuschung um. Ich habe mir nicht vorgestellt, dass man die staatlichen Unternehmen ausplündern würde. Dass es hier Kapitalismus geben wird - klar - aber einen demokratischen, gerechten. Der Kapitalismus, der hingegen jetzt hier herrscht, den könnte man als "Steinzeitkapitalismus" bezeichnen."

Autor: Olaf Barth
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