196 Jahre Schlacht bei Austerlitz

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Am vorigen Wochenende feierte man das 196. Jubiläum der Schlacht bei Austerlitz. Diese Schlacht, wie auch viele andere napoleonische Kriege, hatte eine besondere historische Bedeutung. Aber nicht nur im strengen Sinne der Geschichte. Mehr erfahren Sie im heutigen Kultursalon mit und von Ladislav Kylar:

Die fremden Heere, die Anfang des 19. Jahrhunderts durch die südmährische Landschaft gezogen sind, haben auch die dortige ethnologische und folkloristische Entwicklung stark beeinflusst.

"Bei Austerlitz, unterm Berge, postierte der Russe seine Armee. Und am zweiten Tage schlug der Franzose viele Heere. Am dritten Tage hörte man die Frage: Hast du nicht meinen Bruder gesehen? Dein Bruder, der liegt dort, das Blut fliesst aus seinen beiden Hüften, sein schwarzes Pferd steht bei ihm, er scharrt mit dem Fuss, es bemitleidet ihn."

So lauten die Worte eines der bekanntesten Lieder aus der Zeit, als sich um Austerlitz auf einer Seite die franzözische, auf der anderen rusissche und österreichische Truppen versammelt haben, um die entscheidende Schlacht endlich auszutragen. Eine Schlacht, über die man noch viele Jahrzente später erzählen wird, eine Schlacht, die sich im Bewusstsein der mährischen Bevölkerung so tief eingeprägt hat, dass sie sogar eine örtliche Folklorströmung entsprossen lies. Prof. Dr. Dušan Uhlíø aus der Philosophischen Fakultät der Universität Opava/Troppau hat darauf eine Theorie aufgebaut:

"In dem Gebiet von Austerlitz, heute Slavkov genannt, ist die Folklore durch die Nähe der damals schon industriellen Grossstadt Brünn bald verschwunden. Nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in den herumliegenden Dörfern. Wir können dieses Land nicht mit anderen berühmten Folklorgebieten in Mähren vergleichen, zum Beispiel mit dem Gebiet von Slovácko oder Valachien, wo folkloristische Traditionen ununterbrochen bis heute geblieben sind. Gerade die Industrialisierung, die zur Folge hatte, dass die Leute aus den Nachbardörfern in den Brünner Manufakturen und später Fabriken Arbeit suchten, war Schuld daran, dass es Folklore am Anfang 19. Jahrhunderts in dem Austerlitzer Gebiet fast nicht mehr gab. Sie war nicht ganz verschwunden, aber im Vergleich damit, was wir von woanders her kennen, war sie nur schwach. Doch meiner Meinung nach verursachte gerade der brutale Eingriff der Austerlitzer Schlacht in dieser Landsachft die Wiedergeburt der Folklore und Volkskunst, und zwar mit neuer Thematik. Es betrifft ausschliesslich die napoleonischen Kriege und die Zeit der Austerlitzer Schlacht. Alles, was bis heute stattgefunden hat und erzählt wird, basiert auf der Initiative der Ortsleute. Erzählungen, oder natürlich durchaus nicht mit historischen Quellen begründete Legenden, das alles zählt man heute zur Austerlitzer Folklore."

"Am 2. Dezember um 5 Uhr morgens erschreckte uns ein heftiges Gefecht von Vorposten auf den Felden zwischen Telnice und Ujezd, das wir vom Kirchtum aus beobachteten. Immer dichter fielen die Schüsse und als es dämmerte, schlug eine Kanonensalve in den Santonhügel ein, dann eine zweite, eine dritte und kurz danach erklang das Handgewehrfeuer so heftig, dass man die einzelnen Schüsse nicht unterscheiden konnte, nur den Kanonendonner in den kurzen Pausen. Die Erde bebte und der Turm sah so aus, als bewegte er sich. Alle erblichen wir, stumm uns anschauend, vor Angst konnten wir kaum ein Wort hervorbringen. Als endlich der helle Tag anbrach, konnte man auf den Felden mehrere Soldatenreihen beobachten, die aufeinander zustürmten, bis endlich Rauch und Staub das ganze fürchterliche Schauspiel einhüllte und nur Kanonendonner, Gewehrschüsse und Kriegsgeschrei zu hören war."

So die Chronik Gabriel Richters von Zacany, einer unmittelbar an das Austerlitzer Schlachtfeld angrenzenden Ortschaft.

Das ganze Geschehen auf dem Schlachtfeld und in der Umgebung wurde zu einem totalen Schock, den man bis heute in den Erzählungen und Liedern ganz deutlich spüren kann. Es ging weniger um das Erlebnis des Krieges, obwohl die Grausamkeit der Schlacht sicherlich alle Zuschauer entsetzt hat. Eher versteckt sich hinter dieser Folklore-Wiedergeburt die Plötzlichkeit, mit der alle in die Mitte des Krieges geraten sind. Niemand war darauf vorbereitet, vom süddeutschen Ulm, wo vor paar Wochen Napoleon den österreichischen General Mack besiegt hat, ist es nach Brünn mehrere Hunderte Kilometer. Niemand konnte ahnen, dass Napoleon innerhalb dieser kurzen Zeitspanne Wien und Brünn erobern und in Südmähren Stellungen aufbauen würde. Jahrzente dauerte es, bis diese Wunde verarbeitet wurde. Die Zeit war plötzlich voll Aussichtlosigkeit und Unsicherheit. Vor allem aus den Liedern kann man das gut erkennen. Nicht nur nach den traurigen Melodien, sondern auch nach dem Inhalt. Diese kleinen Kunststücke entdecken uns eine subjektive Einsicht in die Zeitgeist. Zu den häufigsten Motiven zählt die Flucht der besiegten Truppen, Klagelieder über die Gefallenen. In ihrem Rytmus hören wir ganz deutlich das Klingen von Säbeln, Galoppieren der Pferde... Doch die wirklichen historischen Ereignisse sind nur ganz knapp erfasst. Den Namen von Napoleon hören wir sogar nur in einem einzigen Lied. Man vermutet, dass die Melodien dieser Lieder schon aus früherer Zeit stammen. Die Austerlitzer Schlacht hat ihnen aber ein neues Motiv gegeben. Prof. Dr. Dušan Uhlíø aus der Philosophischen Fakultät der Troppauer Universität.

"Diese Lieder wurden wie alle anderen Volkslieder aus einem tief eingreifenden historischen Ereigniss geboren. Dazu zählt man auch konkrete balladeske Geschichten. In einem Lied aus Brankovice singt man zum Beispiel, dass ein Bauer aus Eigennutz einen verwundeten Prinz getötet hatte, also einen Fürsten oder Offizier, um an sein Geld zu kommen. Es ist ein ganz langes Lied, dass vielleicht auf einem wirklichen Ereignis basiert - es ist leider nirgendwo belegt und unter den Haufen von Gefallenen findet man heute nichts mehr. Diese Schlacht ist aber auch in die Weltliteratur eingetreten - zum Beispiel Tolstoj, der seinen berühmten Roman "Krieg und Frieden" geschrieben hat, war zwar nie in Austerlitz, doch sein Vater hat dort angeblich gekämpft. Seine Gestalt und die des Fürsten Andrei Bolkonskij wurden in diesem Roman vereinigt. Bolkonskij wird in der Erzählung auch verwundet, doch im Vergleich zu dem Fürsten aus Brankovice überlebt er den Feldzug. Aber es gibt jede Menge Beispiele, wie diese Schlacht in die Geschichte der Literatur und Musik eingegangen ist.

Autor: Ladislav Kylar
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