90 Jahre Pfadfinder

Vor 90 Jahren tauchte in den böhmischen und mährischen Wäldern ein neues Phänomen auf, das fester Bestandteil des tschechischen Lebens werden sollte: im Sommer 1912 fand das erste Pfadfindercamp in den Böhmischen Ländern statt. Die folgende Geschichte des tschechischen Pfadfinderbundes stellt ein Abbild dessen dar, was das Land selbst in jenen Jahrzehnten erlebte: auf Zeiten der Freiheit und des Auflebens folgten Zeiten der Unterdrückung und des Verbots. Drei Mal wurden die Pfadfinder in den Böhmischen Ländern verboten.

Skautský znak
Vor 90 Jahren tauchte in den böhmischen und mährischen Wäldern ein neues Phänomen auf, das fester Bestandteil des tschechischen Lebens werden sollte: im Sommer 1912 fand das erste Pfadfindercamp in den Böhmischen Ländern statt. Die folgende Geschichte des tschechischen Pfadfinderbundes stellt ein Abbild dessen dar, was das Land selbst in jenen Jahrzehnten erlebte: auf Zeiten der Freiheit und des Auflebens folgten Zeiten der Unterdrückung und des Verbots. Drei Mal wurden die Pfadfinder in den Böhmischen Ländern verboten: das erste Mal 1940 von den deutschen Okkupanten, das zweite Mal 1948 von den Kommunisten, das dritte Mal schliesslich nach einem kurzen Aufleben während des Prager Frühlings 1970. Gleich nach der Samtenen Revolution von 1989 wurden die Pfadfinder wieder ins Leben gerufen. Heute sind sie mit über 50.000 Mitgliedern die grösste Kinder- und Jugendorganisation im Land.

Die Idee des Skauting brachte 1911 ein Prager Turnlehrer, Antonin Benjamin Svojsik, nach Böhmen. Svojsik, der in Grossbritanien die dortige Skauts kennengelernt hatte, verfasste die ersten tschechischen Pfadfinderhandbücher und leitete als 36jähriger 1912 das besagte erste Sommerlager. 1914 wurde die böhmisch-mährische Pfadfinderorganisation Junak offiziell gegründet. Damit waren die Tschechen, nach den Briten die zweiten, die eine solche Organisation ins Leben riefen. Bereits ein Jahr später, 1915, fand das erste Sommerlager für Mädchen statt. Unter der Leitung von Vlasta Stepanova-Koseova entstand die erste Mädchen-Abteilung.

Während der Ersten Tschechoslowakischen Republik zwischen den beiden Weltkriegen erlebten die Pfadfinder eine Blütezeit. Präsident Tomas Masaryk übernahm die Schirmherrschaft über ihre internationalen Aktionen. 1922 gehörten die tschechischen Pfadfinder zu den Gründungsmitgliedern der internationalen Pfadfinderzentrale. Antonin Svojsik wurde zum Mitglied des Internationalen Pfadfinderkomitees gewählt.

1912 hatten die Pfadfinder immerhin bereits 300 Mitglieder, 1920 waren es bereits 10.000, 1938 dann 60.000 Mitglieder. Damit war der tschechische Bund der drittgrösste in Europa und weltweit der siebtgrösste.

Ein Jahr nach Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren wurden die Sommerlager der Pfadfinder von den neuen Machthabern verboten. Ebenfalls 1940 wurde ihre Zentrale von der Gestapo besetzt. Es folgte ein Verbot der Organisation. Dr. Jiri Navratil, Vorsitzender des Pfadfinderbunds Junak, beschreibt jene Zeit:

Rund 800 Pfadfinder sind während des Kriegs bei ihrem Einsatz im Widerstand, in den Reihen der westlichen Allierten oder in Konzentrationslagern ums Leben gekommen.

Gleich nach der Befreiung der Tschechoslowakei im Mai 1945 wurde der Pfadfinderbund Junak wieder ins Leben gerufen. Zu jener Zeit war er mit seinen über 100.000 Mitgliedern weltweit die grösste Pfadfinderorganisation. Doch das Aufleben war nur von kurzer Dauer und wurde von der Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 beendet.

Bereits im Dezember 1989 wurde die Pfadfinderorganisation wieder ins Leben gerufen:

Während ihrer 90jährigen Geschichte waren die Pfadfinder insgesamt 45 Jahre lang verboten. Wie kommt es, dass ihre Idee in den böhmischen Ländern trotzdem überlebt hat und sie heute die grösste Kinder- und Jugendorganisation im Lande sind - dazu Jiri Navratil, ihr Vorsitzender:

Ein weiterer Grund könnte die Beliebtheit entsprechender Literatur in den Böhmischen Ländern sein. Eine grosse Rolle spielen dabei sicher die Romane des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Foglar, der selbst seit 1920 bis zu seinem Tode 1999 begeisterter Pfadfinder war und dessen Romanhelden oftmals Pfadfinder sind. Während der kommunistischen Ära waren viele von Foglars Romanen verboten, doch die existierenden Ausgaben wurden weitergereicht und fanden in jeder neuen Generation begeisterte Leser. Der Reiz des Verbotenen verschwand zwar mit der Samtenen Revolution, doch die Abenteuer- und Pfadfinderbücher von Jarolsav Foglar erreichten nach 1989 eine Gesamtauflage von über 1 Millionen Exemplaren.

Mit einem Problem haben die Pfadfinder auch 12 Jahre nach der Samtenen Revolution zu kämpfen: der Rückgabe ihres von den Kommunisten enteigneten Eigentums. Ihre Klubräume und Zeltplätze gingen nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 in den Besitz der staatlichen Jugendorganisation über. Auf die Rückgabe vieler dieser Immobilien warten die Pfadfinder heute noch vergeblich. Das war es auch schon im heutigen Geschichtskapitel. Die sachkundige Auskunft stammte von Jiri Navratil, dem Vorsitzenden des tschechisches Pfadfinderbundes Junak. Auf ein Wiederhören in zwei Wochen freut sich Katrin Bock.