Alice Masaryková und ihr Leben im Schatten des berühmten Vaters

Alice Masaryková

Im Schatten der Zypresse kann kein anderer Baum wachsen, sagen die Libanesen. Dieses Sprichwort passt genau auf Alice Masaryková, die älteste Tochter des ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš G. Masaryk. Keiner anderen Tschechin haben gleich drei amerikanische Staatsoberhäupter zum Geburtstag gratuliert: Zu ihrem 85. Im Jahr 1964 taten dies sowohl der amtierende Präsident Lyndon B. Johnson, als auch seine Vorgänger Harry Truman und Dwight Eisenhower. Doch für diese Ehre hatte sie zuvor einen hohen Preis bezahlen müssen.

Alice Masaryková
Alice kam 1879 als erstes Kind der Masaryks zur Welt. Ihr Vater Tomáš machte sich später um die Entstehung der Tschechoslowakei verdient und wurde nach dem Ersten Weltkrieg erster Präsident des neuen Staates. Ihre Mutter Charlotte war indes krank und starb schon 1923. Deswegen übernahm Alice die Funktion der First Lady. Sie begleitete ihren Vater bei seinen Reisen, leitete seinen Haushalt und wachte über die medizinische Pflege für ihn. Als Masaryk nämlich erstmals sein Präsidentenamt antrat, war er bereits 68 Jahre alt. Seine Tochter füllte ihre Rolle mit vollem Einsatz aus, sie identifizierte sich vollkommen mit den Werten ihrer Eltern. Alice war von Anfang mit den Ansprüchen ihrer Eltern konfrontiert. Dies illustriert auch ein Ereignis, das sie in dem kleinen Band „Aus meiner Kinder- und Jugendzeit“ beschrieb, der 1960 in den USA erschien:

„Als ich vier Jahre alt war, nahm mein Vater mich und meinen Bruder Herbert an einem Sonntagnachmittag zu einem Volksfest mit. Es gab Karussells, Schießbuden, Kioske mit Lebkuchen und Zuckerwatte, Gaukler, ein Puppentheater - kurz um alles, was zu einem echten Fest gehörte. Nachdem wir nach Hause zurückgekehrt waren, eilte ich mit meinem Brüderchen zu unserer Mutti, um ihr alles ausführlich erzählen zu können. Als ich vom Puppentheater berichtete, sagte ich mit bedeutsamer Stimme: ‚Wir haben Hampelmänner gesehen.‘ Mutti erwiderte jedoch ernst: „Das ist kein schönes Wort, sag so etwas nicht.“ Dies war nur eine kleine Episode, sie ist mir jedoch im Gedächtnis geblieben. Das Wort Hampelmann fand ich passend, es gefiel mir ebenso wie das ganze Fest. Ich zog mich zurück und bedauerte das Missverständnis. Trotzdem war ich mir bewusst, dass meine Mutter berechtigt Disziplin in der Sprache verlangte. Sie sprach nie ein grobes Wort, ihre Kraft lag in der Ruhe.“

Charlotte Masaryk
Die Eltern von Alice waren stark religiös. Bemerkenswert ist aber, dass beide ihre Konfession wechselten. Während Tomáš G. Masaryk getaufter Katholik war und zum Protestantismus übertrat, wuchs die aus den USA stammende Charlotte als Unitarierin auf. In der Tschechoslowakei wurde sie aber Kalvinistin. Zugleich waren die Masaryks überzeugte Demokraten, was sich auch im Familienleben zeigte. Tomáš hatte kein Problem damit, seine Babys zu füttern oder ihre Windeln zu wechseln. Charlotte wiederum legte selbst Hand an, wenn es etwas zu reparieren gab, sie war technisch sehr begabt. Für die Familie eines Universitätsprofessors, wie es Masaryk war, galt das damals nicht gerade als üblich. Alle Kinder wurden in diesem Sinn auch erzogen, sagt der Historiker und Journalist Pavel Hlavatý.

„Alice kam damals auf das neugegründete Mädchengymnasium Minerva, die erste Schule ihrer Art in Böhmen. Die Absolventinnen konnten jedoch dort kein Abitur ablegen, Alice musste deswegen auf ein Jungengymnasium wechseln. Sie war eine begeisterte Schülerin und wollte Ärztin werden, Frauen waren aber zum Medizinstudium nicht zugelassen. Daher entschied sie sich für Philosophie. 1903 promovierte sie als erste Frau in diesem Fach in Böhmen und als vierte Doktorin in ihrem Land. Alice war das einzige der vier Masaryk-Kinder mit einem Universitätsabschluss.“

Alice Masaryková mit ihrem Vater Tomáš G. Masaryk (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Nach einem kurzen Aufenthalt im Ausland wurde Alice Mittelschullehrerin. Neben dieser Arbeit war sie noch in zahlreichen weiteren Bereichen aktiv: im Kampf gegen Alkoholismus, für die Ausbildung der Gehörlosen und für die Betreuung von gesitig Behinderten. Sie brachte den bekannten Begriff „soziale Arbeit“ auf und setzte sich für eine breite Umsetzung dieses Gedankens ein.

1914 bricht jedoch der Erste Weltkrieg aus. Tomáš G. Masaryk droht die Verhaftung wegen seiner Kritik an der Politik der k.u k. Monarchie, er flüchtet daher mit seiner jüngsten Tochter Olga in die USA. Um die Ausreisegenehmigung zu erhalten, erklärt er, seine kranke Tochter zu einem Kuraufenthalt zu begleiten. Alice bleibt zu Hause und engagiert sich nach ihres Vaters Vorbild in der Opposition. 1915 wird sie für mehrere Monate verhaftet, im selben Jahr stirbt ihr Bruder Herbert. Mutter Charlotte erleidet einen Schock und wird in eine Anstalt für geistig Behinderte eingeliefert. Alice übersteht jedoch die Schwierigkeiten der Kriegsjahre und scheint danach noch stärker zu sein. Nach der Entstehung der Tschechoslowakei im Jahr 1918 setzt sie ihre politische Arbeit fort und steht ihrem Vater, der nun Staatspräsident ist, am nächsten.:

Olga Masaryková
„Alice musste bereits ab 1918 die Rolle der First Lady übernehmen, denn ihre Mutter war nicht mehr in der Lage, öffentlich aufzutreten. Die Tochter des Staatspräsidenten war kurz auch Abgeordnete und wurde die erste Frau, die im tschechoslowakischen Parlament redete. Dann gründete sie das Rote Kreuz in der Tschechoslowakei und leitete es über Jahre hinweg. Mir scheint aber eine Sache am wichtigsten: Alice war von allen Kindern Masaryks am meisten vom Vater abhängig. Allen seinen Geschwistern gelang es, ein eigenes Leben zu führen: Herbert war ein erfolgreicher Maler, bevor er vorzeitig mit 35 Jahren starb. Jan verbrachte fast die ganze Zwischenkriegszeit als Botschafter in Großbritannien. Olga heiratete, lebte in der Schweiz und widmete sich ihrer Familie. Alice konzentrierte sich hingegen ganz auf ihre Rolle. Einige Historiker vermuten sogar, sie versuchte, ihren Vater zu leiten und zu korrigieren, wenn er nicht nach ihren Vorstellungen handeln wollte“, so Pavel Hlavatý.

Oldra Sedlmayerová
Alice gründete keine eigene Familie. Ihr Einsatz für den Vater ging sogar so weit, dass sie ihn zu maßregeln versuchte. Am meisten soll sich Alice über die Freundinnen ihres Vaters geärgert haben. Nach dem Tod seiner Frau ging Masaryk ein paar platonische Verhältnisse ein, das intensivste wahrscheinlich mit der Dichterin Oldra Sedlmayerová. Sie lasen nicht nur zusammen Bücher, sondern wollten auch gemeinsam eines schreiben. Alice nannte Sedlmayerová „die lustige Dame“ und wollte ihr den Zutritt zum Präsidentenschloss Lány verbieten.

1937 starb Tomáš G. Masaryk, und ein Jahr später geriet auch der von ihm mitgegründete Staat unter Druck. Das Münchner Abkommen zwang die Tschechoslowakei, ihre Grenzgebiete an Deutschland abzutreten. Es kam zu einem Bruch mit Masaryks Ideen, einige verwünschten sogar den ersten Staatspräsidenten. Alice litt sehr darunter. Ende März 1939, als bereits die Wehrmacht in Prag einmarschiert und das sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren entstanden war, verließ sie ihre Heimat in Richtung USA. Pavel Hlavatý:

Pavel Hlavatý (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Ihre ursprüngliche Absicht war es, bei Vorträgen das Schicksal der Tschechoslowakei zu erläutern und die öffentliche Meinung gegen Nazi-Deutschland wachzurütteln. Die Vorträge wurden aber kaum besucht und Alice war am Boden zerstört. Edvard Beneš bot ihr eine Arbeit in seiner Exilregierung an, dazu hatte sie aber keine Kraft mehr. Die ganze Kriegszeit verbrachte sie teilweise bei Freunden, teilweise in verschieden Heilanstalten, ohne sich politisch zu engagieren. 1945 kehrte sie mit ihrem Bruder Jan, der dann Außenminister wurde, in die Tschechoslowakei zurück.“

Doch Alices Leiden sollte noch nicht zu Ende sein. Im Februar 1948 übernahmen die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei. Kurz darauf kam Jan Masaryk unter geheimnisvollen Umständen ums Leben. Er starb am 10. März, genau am Geburtstag seines Vaters. Viele waren der Meinung, er sei ermordet worden, Alice glaubte jedoch an die offizielle Version des Selbstmords. Ihr Bruder habe den Untergang der Demokratie in seiner Heimat nicht ertragen können, sagte sie auch viele Jahre später noch.

Familiengrab der Masaryks in Lány (Foto: Archiv Radio Prag)
Im Dezember 1948 ging sie selbst wieder ins Ausland, zunächst zu ihrer Schwester in die Schweiz, dann in die Vereinigten Staaten. 1960 veröffentlichte sie das schon zitierte Büchlein „Aus meiner Kinder- und Jugendzeit“. Das Buch sollte ursprünglich wohl umfangreicher werden, aber die Autorin war damals schon fast blind und hatte keine Kraft mehr, ihre Erinnerungen ausführlicher zu schildern. Historiker halten dies für sehr schade, denn der schmale Band enthält viele interessante Einzelheiten aus dem Leben der Familie Masaryk, die nirgendwo anders zu finden sind. Alice starb 1966 in einem Altenpflegeheim in Chicago. 1994 wurde die Urne mit ihrer Asche nach Tschechien überführt und im Familiengrab der Masaryks in Lány beigesetzt.