Anton Alois Weber – der letzte deutsche Bischof in der Tschechoslowakei

Anton Alois Weber

Es gibt viele menschliche Schicksale, in denen sich die Tragik der tschechisch-deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert widerspiegelt. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist das Leben von Anton Alois Weber, dem Bischof von Litoměřice / Leitmeritz. Er war ein Vertreter der Toleranz zwischen den Nationen und wurde dafür von den friedliebenden Deutschen und Tschechen geschätzt.

Der Weg zum Priester war für Anton Alois Weber schon fast musterhaft: 1877 kam er in einer armen deutschen Familie im nördlichsten Winkel Böhmens auf die Welt, und schon als Kleinkind war er von der Kirche beeindruckt. Weber besuchte das bischöfliche Gymnasium in Bohosudov / Mariaschein, wo er den Lehrern früh auffiel. Sie empfahlen ihn daher für ein Studium der Theologie in Rom. In der Ewigen Stadt wohnte der deutsche Seminarist dann gemeinsam mit tschechischen Studenten im Heim „Bohemicum“, wo er ausgezeichnet Tschechisch lernte. Nach seiner Priesterweihe war Weber als Religionslehrer an verschieden Orten tätig, ab 1907 schließlich in Ústí nad Laben / Aussig.

An der Realschule in der nordböhmischen Industriestadt erlebte er 1918 die Entstehung der Tschechoslowakei. Das war für die katholische Kirche ein schwieriger Moment, denn sie geriet unter starken Druck der tschechischen Nationalisten, die den Katholiken das vorherige Bündnis mit den Habsburgern vorhielten. Weber wurde dennoch weiter von den Tschechen respektiert, betont Martin Barus, Archivar des Bistums in Litoměřice:

Wappen von Bischof Weber (Foto: Tomáš Urban, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Weber wurde in den 1920er Jahren zweimal zum Direktor der staatlichen Realschule in Aussig ernannt. Es war jedes Mal aber nur vorübergehend, nachdem der vorherige Direktor pensioniert worden war. Die Ernennung musste immer vom Schulministerium in Prag absegnet werden. Weber soll sogar dazu aufgefordert worden sein, sich um die ständige Direktorenstelle der Anstalt zu bewerben; dies lehnte er aber zugunsten seiner ‚weltlichen‘ Kollegen ab. Es steht also außer Frage, dass sich der deutsche Katechet eines allgemeinen Respekts erfreute. Er unterrichtete übrigens nicht nur Religion, sondern auch Tschechisch.“

Das Leben hatte jedoch eine noch größere Herausforderung für Anton Alois Weber parat. 1931 starb der Bischof von Leitmeritz, Josef Gross. Er war als starker deutscher Nationalist bekannt gewesen. Daher war die Frage, wer ihm nachfolgen sollte, ungemein delikat; etwa 75 Prozent der Katholiken in der Diözese waren schließlich Deutsche. Nach dem „Modus Vivendi“, also dem Vertrag zwischen der Tschechoslowakei und dem Heiligen Stuhl aus dem Jahre 1928, lag die Ernennung der von Rom ausgewählten Kandidaten in den Händen der tschechoslowakischen Regierung. Um eine für beide Seiten akzeptable Person zu finden, wurde intensiv verhandelt, zwischen Leitmeritz, Prag und Rom. Es wurden zahlreiche Kandidaten in den Blick genommen, und die Auswahl dauerte mehr als ein halbes Jahr, erläutert Barus.

Bistum Leitmeritz (Quelle: Free Domain)
„Zunächst wollte die Regierung in Prag einen Tschechen durchsetzen. Das scheiterte jedoch am Widerstand der Priester. Auch den tschechischen Geistlichen war klar, dass der Bischof angesichts der ethnischen Zusammensetzung der Gläubigen in der Diözese ein Deutscher sein sollte. Es kamen viele Namen in Betracht, aber schließlich zeigte sich Anton Alois Weber als beste Wahl. Seine bisherige Arbeit garantierte, dass er auch in der Zukunft einen respektvollen Umgang mit beiden Nationen pflegen würde. Viele konnten bezeugen, dass er deutsche und tschechische Vereine im gleichen Maße unterstützte und dass die Sprache für ihn nur ein Kommunikationsmittel war, kein Unterscheidungsmerkmal.“

Anton Alois Weber (Foto: Martin Davídek, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Bevor Weber sein neues Amt antrat, musste er noch einer Pflicht genüge tun: Er musste der Tschechoslowakischen Republik die Treue schwören. Der von der Kirche ernannte Würdenträger durfte nicht gegen das allgemeine Wohl sowie die Sicherheit und Integrität des Staates handeln. Das sah der erwähnte „Modus Vivendi“ zwischen Prag und Rom vor. Weber hatte mit der Erfüllung dieses Eides offensichtlich kein Problem. Sein Sekretär Josef Rabas schrieb später, dem fast schon ängstlichen Charakter des Bischofs habe jede Andeutung von revolutionärem Denken gefehlt. Im Verhältnis zum Staat betonte Weber oft die biblische Regel: Gebt dem König, was des Königs ist, und Gott, was Gottes ist. Das bedeutete, dass die Gläubigen alle staatlichen Autoritäten respektieren sollten, sofern sie sich nicht gegen die Gesetze Gottes stellten. Für eine Verletzung dieser Gesetze hielt er aber auch die Bevorzugung einer Nation vor der anderen. Das brachte er auch offen zum Ausdruck.

Propaganda der Sudetendeutschen Partei
„Bereits vor dem Jahre 1935, als aus der Sudetendeutschen Heimatfront die Sudetendeutsche Partei entstand, hatte sich Bischof Weber von den Ideen Konrad Henleins distanziert. Henlein hatte als Führer der Sudetendeutschen Heimatfront versucht, alle Deutsche auf nationaler Basis zu vereinigen. Das gelang ihm mit immer mehr Erfolg. Weber blieb jedoch seiner früheren Position treu: Er würde sich mit niemandem nur deswegen verbünden, weil dieser Deutscher sei, ließ er verlauten. Darüber hinaus zweifelte er am religiösen Hintergrund der Henlein-Bewegung, den dieser anfangs häufig betont hatte. Daher bekam der Bischof nach dem Münchner Abkommen 1938 auch große Probleme. Henlein war ab Oktober 1938 der Reichskommissar für den Sudetengau und verhielt sich Weber gegenüber ausgesprochen feindselig“, so Barus.

Laut dem Münchner Abkommen musste die Tschechoslowakei die Sudetengebiete an Deutschland abtreten. Die Leitmeritzer Diözese wurde geteilt: Während ihre nördlichen Gebiete einschließlich Leitmeritz dem „Reich“ zugeschlagen wurden, gehörten die südlichen Gegenden zunächst zur Tschechoslowakei, ab März 1939 dann zum sogenannten „Protektorat Böhmen und Mähren“, einem Staat von Hitlers Gnaden. Weber fühlte sich jedoch für alle seine Schäfchen zuständig und bemühte sich, die Pfarrgemeinden beiderseits der neuen Grenze regelmäßig zu besuchen. In den tschechischen Teil seiner Diözese zu gelangen, wurde für ihn jedoch immer schwieriger und ab 1944 dann völlig unmöglich. Grund waren zahlreiche Restriktionen durch die nationalsozialistischen Behörden. Schon 1939 war das Priesterseminar in Mariaschein geschlossen worden, wogegen Weber vergeblich protestiert hatte. Weitere Eingriffe folgten bald, sagt der Archivar:

Bischofsresidenz mit der St.-Stephans-Kirche (Foto: Karelj, Free Domain)
„Das Gebäude des Diözesanseminars wurde von der Wehrmacht requiriert. Damit die Seminaristen einen Ort zum Studium hatten, zog der Bischof in ein nahegelegenes Kloster und überließ seine Residenz der Priesterschule. Die Nazis kommandierten dann aber die Studenten schrittweise an die Front, so dass in diesem relativ großen Gebäude letztlich nur zwei Seminaristen verblieben. Zu Ostern 1941 kam dann der Befehl, die Residenz sofort zu räumen. Webers Sekretär Rabas schrieb in seinen Erinnerungen, dass er und der Bischof die ganze Nacht über wertvolle Archivalien ins Kloster trugen und diese dort auf dem Fußboden abstellen mussten. Die Bischofsresidenz verwandelte sich in ein Kinderlandverschickungslager, also in ein Heim für Kinder aus den von Luftangriffen bedrohten deutschen Städten.“

Die Ereignisse gingen auch stark auf Kosten der Gesundheit des schon älteren Mannes. Während einer Zugfahrt nach Liberec / Reichenberg im Jahre 1943 brach er zusammen und stand an der Schwelle zum Tod. Zwar konnte er sich noch einmal erholen, die Kräfte kehrten jedoch nicht mehr vollständig zurück. Doch das Leiden war noch nicht zu Ende. Im Mai 1945 wurde Leitmeritz von der Roten Armee befreit - und in der Stadt brach die Zeit der Abrechnung an. Als die Deutschen aus ihren Häusern vertrieben wurden kam auch zu Lynchmorden. Selbst die deutschen Priester wurden zu Opfern, Gottesdienste auf Deutsch wurden zudem verboten. Der Bischof selbst blieb indes von der Gewalt verschont. Von den tschechischen Behörden erhielt er aber den Befehl, alle Entscheidungskompetenzen an seinen tschechischen Vertreter zu übertragen. Archivar Martin Barus:

Beisetzung von Bischof Weber (Foto: Martin Davídek, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Aufgrund seiner deutschen Nationalität wurde Weber zunächst einem Transport nach Deutschland zugeordnet, später aber wahrscheinlich aufgrund der Fürsprache der Leitmeritzer von der Vertreibung ausgenommen. Zwei tschechoslowakische Offiziere sollen ihn sogar zu Hause besucht und sich für den Befehl zur Ausreise entschuldigt haben. Die genauen Umstände sind aber unklar. 1946 erwog Weber angeblich, freiwillig nach Deutschland zu ziehen, sein Gesundheitszustand ermöglichte das aber nicht. Im Herbst 1946 verzichtet er nach Absprache mit dem vatikanischen Nuntius offiziell auf den Bischofsposten.“

In Sommer 1948 wagte sich der bereits emeritierte Bischof auf einen Spaziergang in die Stadt. Dabei erlitt er jedoch einen starken Schlaganfall, was ihn endgültig an den Rollstuhl fesselte. Am 12. September desselben Jahres verstarb der Geistliche schließlich. Sein Nachfolger auf dem Bistumsstuhl, Štěpán Trochta, ließ an Webers Grab eine Tafel errichten: „Ruhe er in ewigem Frieden, welcher ihm in dieser Welt nicht vergönnt war.“