Bedřich Geminder – der Kommunist, der sein Leben am Galgen opferte

Bedřich Geminder (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Die kommunistischen Regime haben in vielen Staaten nicht nur ihre Gegner auf den Richtplatz geschickt, aber aus unterschiedlichen Gründen auch ihre eigenen Leute. Dies war zum Beispiel der Fall von Bedřich – ursprünglich Friedrich – Geminder. Er gehörte zu elf kommunistischen Funktionären, die 1952 in Prag in einem Schauprozess zum Tode verurteilt wurden. Dabei hatte er eigentlich nur für die kommunistische Partei gelebt.

Bedřich Geminder  (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Seine Zeitgenossen beschrieben ihn als einen unsicheren Mann, der seine Angst jedoch mit einem harten, ja sogar aggressiven Auftreten überspielte. Deshalb galt Geminder als gefürchteter Mann, dem man lieber aus dem Weg ging. Geminder hatte keine Familie und laut mehreren Aussagen auch fast keine Freunde. Am nächsten soll ihm Rudolf Slánský gestanden haben, der ehemalige Generalsekretär der KPTsch, der im selben Prozess ebenfalls die Todesstrafe erhielt.

Friedrich Geminder wurde am 19. November 1901 in Ostrava / Ostrau geboren. Sein Vater Moritz war Händler und betrieb einen Laden mit Tabakwaren. Es handelte sich um eine mittelständische jüdische Familie, in der Deutsch gesprochen wurde. Deshalb besuchte Friedrich auch deutsche Schulen, zunächst das Gymnasium in Ostrau, dann die technischen Lehranstalten im nordböhmischen Tetschen (heute Děčín) und in Berlin. Nach dem Ersten Weltkrieg suchte der junge Mann seine Identität zunächst in jüdischen Organisationen. Zdeněk Doskočil ist Historiker an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften:

Zdeněk Doskočil  (Foto: Přemysl Fialka,  Archiv des Instituts für das Studium totalitärer Regime)
„Dort kreuzten sich bereits die Lebenswege von Geminder und Stránský. Beide kamen über die zionistische Bewegung zu den kommunistischen Ideen, also durch Organisationen, die Juden auf das künftige Leben in Palästina vorbereiten sollten. Geminder konkret engagierte sich in einem jüdischen Wanderverein, in dem er die radikalen Linken kennenlernte. In den 1920er Jahren arbeitete er im Komsomol, einem Jugendverein der KPTsch. Nachdem 1929 Klement Gottwald zum Parteivorsitzenden gewählt worden war, begann Geminders Karriere. Die KPTsch stand damals in starker Opposition zum Staat und baute interne Parallelstrukturen auf für den Fall, dass sie verboten worden wäre. Geminder wurde mit dem Aufbau dieser Strukturen beauftragt.“

Zweimal des Landes verwiesen

Heimatrecht  (Illustrationsfoto: Luděk Kovář,  Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Bemerkenswert ist, dass Friedrich Geminder in der gesamten Zwischenkriegszeit kein tschechoslowakischen Staatsbürger war. Seinem Vater nach lag sein Heimatrecht in einem Dorf in Polen. Geminders Einbürgerungsantrag wurde 1921 von einer Kommission in Ostrava / Ostrau abgelehnt. Die entsprechende Urkunde befindet sich im tschechischen Staatsarchiv. Frei übersetzt steht dort:

„Der Antragsteller ist ein Jude deutscher Nationalität. Auf keine Weise hat er bislang eine Hinneigung zur Tschechoslowakischen Republik und zum tschechoslowakischen Volk geäußert. Den staatlichen Bedürfnissen gegenüber verhält er sich passiv. Er erklärt, er bewerbe sich aus Existenzgründen um die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Zurzeit ist er jedoch nicht von Armut bedroht und fällt seiner Heimatgemeinde nicht zur Last. Aus diesem Grund wird dem Antrag nicht stattgegeben.“

Dass Geminder nicht die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft hatte, wurde für ihn zu einem Problem. Anfang der 1930er Jahre wurde er zweimal wegen unerlaubter politischer Agitation in der Armee aus der Tschechoslowakei ausgewiesen. Beide Male leistete er der Ausweisung aber nicht Folge und blieb illegal im Land. In der Zwischenzeit erhielt er die sowjetische Staatsbürgerschaft und siedelte 1935 offiziell in die Sowjetunion um.

Im Pressedienst der KPdSU

Georgi Dimitrow  (Foto: Public Domain)
In Moskau arbeitete der wohl zuverlässige Genosse im Apparat der Komintern, einem internationalen Zusammenschluss der kommunistischen Parteien verschiedener Länder. Unter anderem war er die rechte Hand von Georgi Dimitrow, dem Generalsekretär der Komintern. Eine weitere Aufgabe Geminders war die Leitung der Presseabteilung dieser Organisation. Fast die ganze Kriegszeit lang arbeitete er eng mit Rudolf Slánský zusammen, der 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft auch nach Moskau geflohen war. Über diese Etappe in Geminders Leben ist jedoch nur wenig bekannt, sagt Zdeněk Doskočil.

„Unumstritten ist es, dass sich Geminder in der Propaganda der Komintern engagiert und dass er Kontakte zwischen den kommunistischen Parteien vermittelt hat. Die Einzelheiten sind aber nicht bekannt, das müsste man in den Moskauer Archiven nachforschen. Als 1943 Stalin die Komintern auflöste, wurde Geminder in die Presseabteilung der KPdSU versetzt. Dort beteiligte er sich an der sowjetischen Propaganda im Ausland und war für die sowjetischen Radiosendungen ins Ausland verantwortlich. Das war zwar eine unauffällige, zugleich aber sehr einflussreiche Position. Geminder verfügte über viele Hintergrundinformationen zur sowjetischen Politik und wusste auch über einzelne Personen sehr viel. Dies ist ihm meiner Meinung nach schließlich zum Verhängnis geworden. Er wusste einfach zu viel.“

Die Tschechoslowakei wurde größtenteils durch die Rote Armee befreit,  aber die Bevölkerung lasse später die Begeisterung für die Sowjetunion nach  (Foto: Karel Hájek,  Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Zu Ende des Zweiten Weltkriegs ist jedoch der erfahrene Propagandist noch hoch geschätzt. Er kehrt nicht gleich in die Tschechoslowakei zurück, sondern beobachtet die Situation zunächst noch aus der Ferne. 1946 verfasst er einen Bericht, in dem er schreibt, dass die tschechoslowakische Bevölkerung immer stärker unter „westlichen“ Einfluss gerate und die Begeisterung für die Sowjetunion nachlasse. Aus faktischer Sicht war die Behauptung mindestens diskutabel, sie sollte vielleicht die Sowjets zu mehr Wachsamkeit gegenüber der Tschechoslowakei bringen. Noch im selben Jahr kommt Geminder nach Prag. Warum genau, darüber lässt sich laut Doskočil nur spekulieren:

„Wir wissen, dass sich Rudolf Slánský für die Rückkehr von Geminder eingesetzt hat. Diesem Schritt mussten aber auch Klement Gottwald und die Sowjets zustimmen. In der Tschechoslowakei übte Geminder praktisch die gleiche Funktion aus wie in Moskau: Er wurde Leiter der internationalen Abteilung der KPTsch, was ein sehr einflussreicher Posten war. Geminder war für die Parteipropaganda im Ausland und für die Kontakte zu den verbrüderten Parteien verantwortlich. Zu seiner Agenda gehörte auch die finanzielle Hilfe für die kommunistische Partei Frankreichs, für die Flüchtlinge aus Griechenland, nachdem die Linke dort den Bürgerkrieg verloren hatte, sowie für die Opposition gegen Tito in Jugoslawien. Deswegen beteiligte sich Geminder regelmäßig an den Tagungen des Parteivorstands, obwohl er nicht Vorstandsmitglied war.“

Mit Slánský zusammen angeklagt

Rudolf Slánský  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Die Karriere von Bedřich Geminder dauerte bis September 1951. Dann wurde Rudolf Slánský von seinem Posten als Generalsekretär der KPTsch abberufen – und seinem Mitgenossen musste klar sein, dass sich auch die Schlinge um seinen Hals zuziehen werde. Die guten Beziehungen beider Genossen zueinander waren allgemein bekannt, Geminder wohnte sogar bei den Slánskýs zu Hause. Am 24. November 1951 wurden dort beide festgenommen und wegen Hochverrats angeklagt. Von dem Gerichtsprozess ist keine Tonaufnahme erhalten, nur das schriftliche Protokoll. Die Zeitschrift „Spiegel“ veröffentlichte 1956 in deutscher Übersetzung einen Auszug davon. Er zeigt die Absurdität dieses Prozesses. Das Gespräch zwischen Geminder und dem Staatsanwalt verlief demnach etwa so:

„Geminder, welche Schulen haben Sie besucht?“

„Ich habe besucht die deutschen Schulen in Ostrava. Ich habe die Tschechoslowakei verlassen bereits im Jahre 1919 und das Mittelschulstudium in Berlin abgeschlossen, wo ich maturierte. Auch nach Beendigung der Studien verkehrte ich im kleinbürgerlichen, kosmopolitischen, zionistischen Milieu, wo ich mit Personen deutscher Nationalität in Beziehungen stand, was dann auch hatte darauf einigen Einfluß, daß ich die tschechische Sprache leider gar nicht beherrsche gut.“

„Und Sie haben während dieser ganzen Zeit nicht gut Tschechisch sprechen gelernt, nicht einmal im Jahre 1946, als Sie in die Tschechoslowakei kamen und eine verantwortliche Funktion im Apparat der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei eingenommen hatten?“

„Jawohl, ich habe nicht gelernt, gut tschechisch sprechen.“

„Welche Sprache beherrschen Sie vollkommen?“

„Die deutsche!“

„Können Sie tatsächlich gut Deutsch?“

„Ich habe schon lange nicht mehr gesprochen deutsch, aber ich beherrsche diese Sprache.“

„Beherrschen Sie die deutsche Sprache ungefähr so wie die tschechische?“

„Ja!“

Foto: spekulator,  Free Images
„Nun, so können Sie überhaupt keine Sprache ordentlich. Sie sind ein typischer Kosmopolit. Mit diesen Eigenschaften haben Sie sich in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei hineingedrängt.“

Bedřich Geminder versuchte nicht, sich vor Gericht zu verteidigen. Im Gegenteil: Er gehörte zu jenen, die die ihnen vorgeschriebene Rolle möglichst glaubwürdig spielen wollten. Die Partei forderte von ihm die Selbstaufopferung – und er als ergebener Kommunist spielte mit. Am 3. Dezember 1952 starb er wie seine zehn Mitgenossen am Galgen.