Begegnungen im Dreiländereck

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Friedlanter Ausläufer, Dreiländereck an der tschechisch-polnischen und polnisch-sächsischen Grenze, neun Ansiedlungen mit insgesamt 1340 Einwohnern - das sind die Eckdaten der Gemeinde Visnova, wo man nach über 50 Jahren der Trennung und Isolation mit der Grenzöffnung 1995 wieder Kontakte zu den nahen Nachbarn aufgenommen hat. Visnova haben wir Ihnen schon vor zwei Wochen vorgestellt, heute - wie versprochen - noch einmal Visnova, Teil zwei. Am Mikrophon ist Jitka Mladkova.

Nach der politischen Wende 1989 ist man sozusagen mit Power darangegangen, die gegenseitigen Beziehungen an dieser Nahtstelle wiederzubeleben, wo Jahrhunderte lang Tschechen und Deutsche neben- und miteinander lebten. Die Bürgermeisterin von Visnova, Marie Matuskova, die einen großen Anteil an der Annäherung zwischen ihrer Region und der des nahe gelegenen Ostritz hat, sagte uns über die Koexistenz Folgendes:

"Sie haben hier Seite an Seite gelebt. Die Deutschen haben sogar ihre Kinder in die tschechische Schule geschickt, die besser war (höheres Niveau hatte). Dann ist passiert, was passiert ist - also die in mehreren Etappen durchgeführte Abschiebung der Deutschen. Ich weiß viel darüber, denn es sind uns Abschriften alter Chroniken von Andelka/Engelsdorf erhalten geblieben, und so weiß ich tatsächlich, welche Familie an welchem Tag weg musste. Mit dem nahen Ostritz waren wir u.a. durch die Kirche verbunden. Obwohl sich in der Region des Friedlanter Ausläufers die Entkatholisierung in hohem Masse vollzogen und der Protestantismus durchgesetzt hatte, blieb gerade in Engelsdorf eine katholische Kirche mit einem Friedhof erhalten. Dort liegen verstorbene Verwandte vieler Deutscher. Einige haben ihre Hacken in der Sakristei deponiert, um die Gräber pflegen zu können, wenn sie kommen."

Es ist mittlerweile Gang und Gebe geworden: Man trifft sich hier bei verschiedenen Gemeinschaftsveranstaltungen, wie wir bereits vor zwei Wochen berichtet haben. Wie sehen heute die Bewohner von Visnova die historische Tatsache, dass auf diesem Gebiet viele Deutsche lebten, die dann vertrieben worden sind? Wie geht man damit um? Marie Matuskova:

"Es ist ganz interessant, und es lässt sich diesbezüglich eine gewisse Entwicklung erkennen. Anders war es meiner Meinung nach im nahen Polen. Dort hatten die Leute weniger Vertrauen in die Zukunft, da sie aus der Ukraine in das leergewordene Gebiet von Stalin beordert und glaubten nicht, dass es so bleiben sollte. Sie haben die Häuser überhaupt nicht renoviert und deshalb sieht es dort viel verkommener als bei uns aus. Auf der tschechischen Seite kamen die Leute in die Grenzregion, zogen in deutschen Häusern ein und setzten sich faktisch an deutsche Tische mit deutschem Geschirr und deutschen Tischdecken. Ein Teil von ihnen packte bald ein, was zu packen war, und zog wieder weg, die anderen blieben und kümmerten sich einigermaßen um die Häuser."

Heute lebt in der Region von Visnova praktisch nur tschechische Bevölkerung, und doch ist sie buntgemischt.

"Diejenigen Deutschen, die nicht abgeschoben wurden, gingen im Laufe der Zeit freiwillig weg. Sie standen unter großem Druck. Im Dorf setzte sich die sog. Kollektivierung durch, bei der der private Grundboden an eine landwirtschaftliche Genossenschaft abgegeben werden musste. Auch hier herrschte natürlich die kommunistische Partei. Also, die Bevölkerung könnte man schon zum Teil als buntgemischt bezeichnen, da einst Leute aus verschiedenen Regionen der ehemaligen Tschechoslowakei hierher gekommen waren. Von der ursprünglichen deutschen Bevölkerung sind aber nur die wenigsten zurückgeblieben. Die kann man wirklich an den Fingern einer Hand abzählen. Ich habe z.B. einen alten Kameraden in Andelka, der ein Deutscher ist. Seine Familie kümmert sich seit mehreren Generationen um die Kirchenuhr, und er ist ein Zeitzeuge."

In diesem entlegenen Winkel der nordböhmisch-sächsischen Grenzregion wurden rege Handelskontakte unterhalten. Es gehörte zum Alltag, dass man z.B. hausgemachte Butter zum Markt in Osteritz brachte. Viele fanden einen Job in der Textilfabrik von Osteritz, so dass dort eine tschechische Arbeiterkolonie entstand. Eines schönen Tages verwandelte sich hier die grüne Grenze in eine streng bewachte Trennlinie. Ein Grenzübergang wurde erst nach mehr als 50 Jahren wieder errichtet. Seitdem brechen viele Tschechen des öfteren nach drüben auf. Der Grenzübergang ist aber nicht eine Einbahnstrasse, bestätigt die Bürgermeisterin:

"Es kommen auch Deutsche und wollen sich z.B. das Haus ihres Großvaters ansehen. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Jemand hat z.B. Angst, dass man ihm ein Bild mit der hl.Familie wird wegnehmen wollen. Also ich an seiner Stelle würde das Bild sofort abgeben. Diese Deutschen wollen nicht zurück. Sie verlangen auch nicht ihr Eigentum, obwohl am Anfang, als derartige Tendenzen in Deutschland zu verzeichnen waren, kamen einige zu mir und verlangten eine Bestätigung, dass ihr Haus immer noch existiert. Die Zeitspanne, in der es geschah, war aber sehr kurz."

Nicht nur die Menschen, sondern auch selbst zahlreiche Lokalitäten der Region wurden von historischen Ereignissen gezeichnet. Marie Mauskova erinnert sich:

"In Visnova gab es einen Friedhof, wo nur Deutsche bestattet waren. Dieser wurde in den 70-er Jahren gezielt liquidiert: Einige Grabsteine wurden in der hiesigen Brücke eingemauert, einige entwendet, ein Bulldozer tat dann das übrige. Nach der Grenzöffnung kamen logischerweise Leute, um die Gräber ihrer Verwandten zu besuchen. Was sie vorfanden, war nur ein verwüstetes Gelände. Damals schrieb jemand an die Kirchenwand, dass die Tschechen Halbmenschen seien. Das irritierte mich natürlich. So ließ ich dort ein Kreuz aufstellen, mit einem tschechisch-deutschen Text beschriftet - zum Andenken an diejenigen, denen geschichtliche Umbrüche und Schicksalsschläge keinen ruhigen Schlaf erlaubten. Außerdem haben wir mit Unterstützung des Phare-Programms ein Projekt mit dem Titel "Pietät ohne Grenzen" realisiert, das uns ermöglichte, den Friedhof zum Teil zu erneuern. Für eine vollständige Rekonstruktion fehlt uns aber das Geld."

Und wie kommt so ein Projekt, das an das Schicksal der Deutschen in der Region erinnert, bei der Bevölkerung an?

"Ich habe den Eindruck, dass unsere Leute es rational sehen. Sie wären froh, wenn der ganze Friedhof renoviert wäre. Sie könnten nämlich auch ihre verstorbenen Verwandten hier bestatten bzw. von anderen Friedhöfen hierher verlegen. Und das hat wiederum mit der Verwurzelung in der Region zu tun, wo man eines Tages selbst seine letzte Ruhestätte haben möchte."

Seit etwa 6 Jahren können die Einwohner der Mikroregion um die Gemeinde Visnova Beziehungen zu ihren deutschen Nachbarn pflegen bzw. ausbauen. Ob sie in den zurückliegenden Jahren eine Entwicklung durchgemacht haben, fragte ich abschließend Frau Matuskova:

"Hundertprozentig! Ich weiß, dass bei der gegenseitigen Annäherung keine heroischen Aktionen helfen können, viel mehr aber ein Fußballspiel, ein gemeinsamer Tanzabend oder eine gemeinsame Wanderung. Trotz des anfänglichen Misstrauens, das auf mangelnden Kenntnissen ruhte, haben die Leute begriffen, dass sie sich im Prinzip durch nichts voneinander unterscheiden. Sie gehen freundlich miteinander um und wollen sich gegenseitig nichts Böses antun. Ich glaube, die Angst, dass man sein Haus zurückgeben müsste oder dass die Deutschen die Rückgabe ihrer Häuser verlangen, gibt es nicht mehr. In den letzten 10 Jahren ist es mir gelungen, irgendwelche Xenophobie zu verdrängen."