Bei Dvorak auf Vysoka

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Am vergangenen Samstag, dem 8. September, waren 160 Jahre vergangen, seitdem der weltberühmte Komponist Antonin Dvorak im mittelböhmischen Nelahozeves geboren wurde. In Dvoraks Geburtsort wurde aus diesem Anlass eine traditionelle Matinee veranstaltet, ein anderes feierliches Konzert fand wiederum in Prag statt. Doch es gibt noch einen Ort in Mittelböhmen, der für Dvorak von besonderer Bedeutung war: Vysoká bei Príbram. Gerade dorthin wollen Sie nun Marketa Maurova und Olaf Barth führen.

1877 ließ Graf Vaclav Kounic in Vysoka bei Príbram ein Neurenaissance-Schlösschen errichten, das er als Sommersitz nutzte. An Kounic und seine Frau Josefina erinnert heute eine Ausstellung im Schloss. Der zweite Teil der Exposition gilt dem Komponisten Antonin Dvorak. Auch er weilte nämlich sehr häufig auf Vysoka. Die Ausstellung dokumentiert Dvoraks Leben und Werk, besonders aber seine Aufenthalte auf Vysoka und den Einfluss des Ortes und dessen Umgebung auf sein Schaffen. Sie brauchen jedoch nicht selbst nach Vysoka zu reisen, um über Dvoraks Aufenthalte etwas zu erfahren. Es reicht, in den nachfolgenden Minuten gut zu lauschen.

Im Archiv des Tschechoslowakischen Rundfunks befindet sich ein wertvolles Tondokument. Vor vierzig Jahren hat der Schriftsteller Vladimir Kovarik den jüngsten Sohn Antonin Dvoraks, Otakar, in Vysoka besucht. Er wirkte dort damals als Direktor des Museums, das sich in zwei Räumen der ehemaligen Schäferei befand. Otakar Dvorak war die kompetenteste Person, wenn es darum ging, zu erzählen, wie das Leben der Familie Dvorak auf Vysoka ausgesehen hat.

"Wenn ich davon erzählen soll, wie mein Vater nach Vysoka kam, muss ich folgendermaßen beginnen: Mein Vater wurde 1882 von seinem Schwager Kounic eingeladen, die Ferien hier auf Vysoka zu verbringen. Unser Papa hat dieses Angebot natürlich angenommen und Onkel Kounic wies ihm ein Haus im Hof zu. Es ist ein Steingebäude, das er erbaut hat, als er die Verwaltung seines hiesigen Grunds übernommen hatte. Der Vati nahm diese Einladung mit Freude an und er fand großen Gefallen an seinem Aufenthalt - hier, in diesem Milieu, mitten im tiefen Walde. Aber nicht nur die Landschaft, auch die Leute liebte er sehr. Es waren vor allem die hiesigen Bergleute und die Kleinbauern, mit denen er fast täglich in Kontakt kam. Dem Vater hat es hier auf Vysoka so sehr gefallen, dass er noch im selben Jahr, seinen Schwager Kounic bat, ihm einen Meierhof am gegenüberliegenden Ende des Dorfes Vysoka zu verkaufen. Dieses Haus mit einem großen Garten wurde als die Schäferei bezeichnet. Kounic kam ihm entgegen und mein Vater richtete es dem Bedarf seiner Familie entsprechend ein."

Doch wie kam es überhaupt dazu, dass Dvorak den Grafen Kounic zum Schwager hatte? Noch als junger Musiker erteilte Dvorak in der Prager Familie Cermak Musikunterricht. Er verliebte sich in seine Schülerin Josefina, eine begabte Schauspielerin. Doch Dvorak musste eine Niederlage hinnehmen, ihr Herz gehörte nämlich dem jungen Grafen Vaclav Kounic, den sie später auch heiratete. In der Familie Cermak gab es aber noch eine weitere Tochter, Anna, die in Dvoraks Herzen bald die Stelle ihrer älteren Schwester einnahm. Sie war dann die lebenslange Liebe des Komponisten und gründete mit ihm eine glückliche Familie. Dies beweist übrigens auch der folgende Brief, den Dvorak aus Vysoka seiner Frau nach Prag schrieb:

"Liebe Mutti,

die Kinder freuen sich darauf, dich am Montag abholen zu können. Bedenke sie bitte mit Folgendem:

1) Noch eine solche Kanne wie sie Anynka hat.

2) Drei Butterschlagmaschinen, damit die Kinder selbst Butter erzeugen können, so wie es Ottla gestern selbst gemacht hat.

3) Knöpfe für Schuhe und Kleider.

4) Eine Schürze für Toník, denn die seine ist schon ganz zerfetzt.

5) Für mich einen Zwicker und eine Brille.

Heute morgen habe ich den Garten gewässert, meine Hände tun noch weh. Alles ist hier sehr schön und bereitet mir ungeheure Freude, doch trotzdem ist es hier traurig - ohne Dich.

Dein, Dein, für immer Dein Antonin."

Nach der Erinnerung Otakars war es gerade die Mutter, die darauf drängte, dass Dvoraks Haus in Vysoka den Namen "Rusalka" erhält, d.h. den Namen der bekanntesten Opernheldin Dvoraks. Einige Schritte weiter im Wald finden wir auch einen kleinen Rusalka-See. Der Überlieferung nach soll der Komponist gerade dort Inspiration zur seiner Märchenoper über die Waldwassernixe gefunden haben. Seit 1883 kamen die Dvoraks regelmäßig nach Vysoka, jeden Sommer, bis zum Tode des Vaters. Nur ein einziges Jahr stellte eine Ausnahme dar, als die Familie die Ferien in Spilville im US-amerikanischen Staat Iowa verbrachte. Doch begeben wir uns wieder nach Vysoka. Wie ein üblicher Sommertag des Komponisten und seiner Familie auf Vysoka aussah, schildert Otakar Dvorak.

"Die Tagesordnung meines Vaters, die ich hervorheben möchte, sah folgendermaßen aus: Er stand um 4 oder um halb fünf morgens auf. Zunächst machte er einen Spaziergang, ohne Frühstück. Die anderen Familienmitglieder schliefen noch zu jener Zeit und so ging er alleine. Nach einer Stunde war er zurück, er frühstückte und sobald er mit dem Frühstück fertig war, ging er an seinen Arbeitstisch, wo er bis zum Mittagessen blieb. Zum Mittagessen traf man sich in diesem Speisesaal; und der Platz meines Vaters war auf dem Divan am Fenster. Hier saßen alle sechs Kinder, die Mutter und der Vater, also acht Personen. Der Tisch stand zunächst in unserer Prager Wohnung und an diesem Tisch ist unser Vater während des Mittagessens am 1. Mai 1904 auch gestorben."


Kehren wir aber noch zu den glücklicheren Tagen auf Vysoka zurück. Der Tag wurde in der bisherigen Erzählung mit dem Mittagessen abgeschlossen. Wie ging er weiter?

"Nach dem Essen ging er nach oben in sein Arbeitszimmer zurück, aber nicht um zu arbeiten, sondern um sich auszuruhen. Bis heute steht dort eine Liege, in der er halb sitzend halb liegend etwa 10, manchmal 12, höchstens 15 Minuten schlief. Danach ging er spazieren und nach der Rückkehr arbeitete er bis zum Abend. Auf den Mittagsspaziergang nahm er ab und zu mich oder meinen Bruder mit, manchmal auch uns beide, aber in der Regel nur einen von uns. Es passierte sehr oft, dass wir nur einige hundert Schritte hinter uns hatten, und ich auf einmal feststellte, dass in seinem Kopf neue Ideen, neue Motive für seine Arbeit keimten. Er kehrte plötzlich um, ging nach Hause, setzte sich an den Tisch und komponierte."

Nach dem gemeinsamen Abendessen mit der Familie pflegte Dvorak in der Gaststätte "U Fenclu" einzukehren, wo er mit den dortigen Bergleuten und Bauern zusammentraf und diskutierte:

"Dort entlud sich seine Erzähllust, manchmal sogar so stark, dass ich gespürt habe, dass er den Leuten Geschichten erzählte, die der Realität nicht entsprachen, sondern glattweg erfunden waren. So passierte es z.B., dass er etwa über die Niagara-Fälle oder über London erzählte, oder über Wien, wo er seinen guten Freund Bruckner und den Komponisten Brahms besuchte. Er trank ein Glas Bier und ich und mein Bruder durften auch eines zusammen trinken, und bevor er die Gaststätte verließ, sagte er: Das, was ich heute erzählt habe, war ein bisschen wild, nicht wahr? Es entsprach nicht ganz der Wahrheit."

Und was meint der Sohn, war sein Vater in der Bevölkerung von Vysoka beliebt?

"Er imponierte ihnen vor allem dadurch, dass er an jedem Sonntag in der Kirche in Trebsko Orgel spielte. Die Leute sangen gerne unter seiner Begleitung. Und auch sonst traf er sich mit ihnen und verfolgte ihre Schicksale. Ich kann mich z.B. sehr gut daran erinnern, wie ihn die damalige Bergkatastrophe in der Anna-Berggrube schwer erschüttert hat, bei der etwa 400 Bergleute umgekommen sind. Er pflegte auch gern Kontakte mit den hiesigen Bauern, verfolgte alle Veränderungen in der Natur, sprach mit ihnen gerne über die Ernte, wie sie aussieht, was sie verspricht usw. Und er mochte im allgemeinen alles, was mit der Natur zusammenhing."

Autoren: Olaf Barth , Marketa Maurova
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