Bildband über Brücken von Ústí: Dramatische Schicksale und beachtenswerte Konstruktionen

 Die Brücken im nordböhmischen Ústí nad Labem / Aussig und die mit ihnen verbundenen dramatischen Schicksale sind das Thema eines tschechisch-deutschen Bildbands, der vor kurzem erschienen ist. Er trägt den Titel „Mosty – Brücken“.

Das zweisprachige Buch über die Brücken in Aussig beschreibt nicht nur die Entstehung und die beeindruckenden Konstruktionen der Elbe-Brücken, sondern auch Geschichten, die mit ihnen zusammenhängen. Der Bildband „Mosty –Brücken“ knüpft an die gleichnamige Ausstellung an, die zuvor im Regionalmuseum in Ústí gezeigt wurde. Diese wurde von Martin Krsek kuratiert. Krsek ist zusammen mit seinem Team auch Autor des tschechisch-deutschen Bildbands über die Elbebrücken der nordböhmischen Kreisstadt. Das Buch wurde vor kurzem unter der Beneš-Brücke, die derzeit saniert wird, feierlich präsentiert. Warum gerade an diesem Ort? Martin Krsek dazu:

„Wir haben nach einem passenden Veranstaltungsort für diesen Anlass gesucht – und wo ließe sich das besser realisieren, als genau an dem Ort, von dem das Buch handelt. Die Beneš-Brücke, die derzeit umfassend saniert wird und deren Konstruktion bloßgelegt wurde, erschien uns als eine höchst passende Kulisse.“

Nieten als Motiv

Krsek hat sich seinen Worten zufolge erlaubt, zusammen mit seinem Team anlässlich der Buchpräsentation noch etwas Ungewöhnliches zu verwirklichen.

Martin Krsek | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Wir haben die Rolle der Nieten in diesen Brücken-Geschichten hervorgehoben. Die meisten der historischen Stahlbrückenkonstruktionen sind genietet. Das Motiv der Nieten war das Motto der Ausstellung. Auf dem Einband des Buches findet sich auch dieses Nieten-Motiv. Wir haben uns entschieden, den 3D-Effekt noch zu verstärken, indem wir den Bildband tatsächlich vernieteten. Dazu haben wir Metallnieten genommen, die an den am Einband markierten Stellen vollständig hindurchgingen.“

Im Fokus des Buchs stehen drei Elbebrücken, die aus drei Epochen stammen. Es wird zudem die Lage im damaligen Aussig beschrieben, bevor die Brücken erbaut wurden. Martin Krsek erläutert:

„In Ústí gab es eigentlich vier Brücken. Zudem haben wir die Fußgängerbrücke über die Schleusenkammern einbezogen, die beide Ufer miteinander verband. Diese ist auch ein Brückenbau.“

Demonstration gegen Mauterhebung

Derzeit stehen drei Brücken in Ústí. Die erste sogenannte „Elbbrücke“ wurde 1874 in der Stadt erbaut. Das obere Stockwerk trug Eisenbahngleise, das untere eine Fahrbahn und einen Fußweg. 1958 wurde sie wegen einer Modernisierung der Bahnstrecke durch eine neue Eisenbahnbrücke ersetzt. In seinem Buch beschreibt Krsek die Entstehungsgeschichte der Brücken, ihre Konstruktion sowie den Verlauf des Baus und das Einzigartige daran. Die Beneš-Brücke, die von den Aussigern „Benešák“ genannt wird, wurde in den Jahren 1934 bis 1936 erbaut. Am neuesten ist die Marienbrücke, die in den Jahren 1994 bis 1998 entstand. Diese sei 1999 vom Europäischen Stahlverband als eines der schönsten Bauwerke der Welt im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet worden, erzählt Martin Krsek und merkt an:

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Alle diese Brücken sind einzigartige Bauwerke. Die Beneš-Brücke war beispielsweise zu ihrer Zeit die Brücke mit der größten Bogenspannweite in der Tschechoslowakei. Deshalb verdienen die Bauwerke eine ausführlichere technische Beschreibung. Uns hat jedoch auch die Perspektive individueller Schicksale interessiert. Wir haben eine Reihe von Geschichten gewissermaßen auf die Brücken projiziert.“

So wird im Buch beispielsweise bei der ursprünglichen Eisenbahnbrücke daran erinnert, dass früher Maut auf den Brücken bezahlt wurde. Der Experte:

„Im Alltag stellte das vor allem für Menschen aus niedrigeren sozioökonomischen Schichten eine hohe finanzielle Belastung dar. Es liegt ein Bericht über ein dramatisches Ereignis von 1910 vor. Damals fand auf der Brücke eine Demonstration gegen die Mauterhebung statt. Die Lage war so angespannt, dass eine Polizeikette aufgeboten wurde – mit auf die Demonstranten gerichteten Gewehren und Bajonetten. Den örtlichen Persönlichkeiten ist es zu verdanken, dass sich die Lage beruhigte, nicht eskalierte und dass es zu keinen schweren Verletzungen kam.“

Symbol der tschechisch-deutschen Zusammenarbeit

Mit der Beneš-Brücke sind gleich einige dramatische Ereignisse verbunden. Zuerst habe sie als ein Symbol für die Zusammenarbeit der Tschechen und der Deutschen gegolten, sagt Martin Krsek.

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Diese war ein Ergebnis der Zusammenarbeit der tschechischen und deutschen Kommunalpolitiker. Die Stadt wurde damals von deutschen Sozialdemokraten geleitet. Der damalige Bürgermeister, der Sozialdemokrat Leopold Pölzl, benannte die Brücke als Akt der Versöhnung nach dem tschechoslowakischen Staatsoberhaupt Edvard Beneš. Der Bürgermeister ahnte damals nicht, was für eine traurige Rolle Beneš in der weiteren Entwicklung der tschechisch-deutschen Beziehungen spielen würde.“

Der sozialdemokratische Politiker Leopold Pölzl starb 1944 in einem Krankenhaus in Aussig. Sein Tod geht auf das Konto nationalsozialistischer Ärzte. Diese leisteten ihm laut Zeitzeugenaussagen keine medizinische Hilfe, als er sie brauchte.

Massaker an Sudetendeutschen von 1945

Die Beneš-Brücke war dann nach dem Krieg am 31. Juli 1945 Schauplatz eines der grausamsten Massaker an den Sudetendeutschen. Martin Krsek:

„Auf der Brücke spielte sich am helllichten Tag der brutalste Teil eines Lynchmordes ab: Ein gewalttätiger Mob warf Menschen, die mit einer weißen Armbinde gekennzeichnet waren, von der Brücke in die Elbe. Einige Menschen starben gleich, andere überlebten die Attacke. Als die Gewalt weiter eskalierte, wurden auch sie ermordet. Das Massaker war Ergebnis einer dramatischen Ereigniskette. Der Auslöser war eine Explosion im Munitionslager von Krásné Březno. Dabei kamen 20 Menschen ums Leben. Den besten Blick auf den Brand hatte man von der Brücke aus. Die Menschenmenge gab sofort den Deutschen die Schuld.“

Öl ins Feuer goss ein fanatischer Nazi, der auf den Brückenbogen kletterte und zu skandieren begann, das Dritte Reich sei noch nicht gefallen. Die Menge warf ihn in die Elbe. In der auf der Brücke und ihrer Umgebung versammelten Menschenmenge sei Hass gegen alle vorbeikommende Deutsche aufgeflammt, sagt Martin Krsek.

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Leider wurde dieser Hass von den Sicherheitskräften und der Armee – weder von der tschechoslowakischen, noch von der sowjetischen – nicht eingedämmt. Die sogenannten ,Revolutionsgarden‘ unterstützen die Gewalt sogar. Die Passanten wurden von der Brücke geworfen oder auf der Straße totgeschlagen. Das war wahnsinnig. Viele Tschechen versuchten, die Deutschen zu schützen. Es war gerade der Zeitpunkt, als die Schichten in den Fabriken wechselten. Zeugen berichten, wie die mit weißen Armbinden gekennzeichneten Deutschen über die Brücke gingen, praktisch in den Tod. Es gab tschechische Bewohner der Stadt ohne hasserfüllte oder nationalistische Gesinnung, die die Deutschen davon abhielten, zur Brücke zu gehen. Auch ein disziplinierter Teil der Armee riet ihnen, die Brücke zu meiden, wo sich die Grausamkeiten abspielten. Dieses Ereignis vom Juli 1945 ist am engsten mit der Brücke verbunden.“

Die Täter wurden, wie Martin Krsek ergänzend sagt, nie zur Rechenschaft gezogen.

Protestaktion 1968: Roter Stern verschwindet in der Elbe

Der Historiker erinnert noch an ein weiteres Ereignis, das sich auf der Beneš-Brücke abspielte, jedoch 1968 – am Tag des Einmarsches der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei.

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Während der Ausstellung über die Brücken von Ústí meldete sich ein Zeitzeuge, der genau am 21. August 1968 auf den Bogen der Brücke geklettert war – in jenem Augenblick, als die sowjetischen Militärfahrzeuge darunter vorbeifuhren. Ihm war damals ein großer fünfzackiger Stern ins Auge gefallen, der bei verschiedenen kommunistischen Jubiläen über der Brücke leuchtete. Es gelang ihm, die Schrauben zu lösen, und der Stern fiel herunter, überschlug sich über das Geländer und fiel in die Elbe.“

Der Mann emigrierte bald danach nach Deutschland. Dort lebt er bis heute, aber besucht oft seine Geburtsstadt Ústí nad Labem.

Schiffsunglück und berühmtes Gemälde der Romantik

Auf die erste Brücke über die Elbe mussten die Bewohner von Ústí lange warten, denn diese wurde erst 1874 erbaut. Der Bildband beginnt mit dem Kapitel über die Zeit der „bezmostí“ – also der brückenlosen Zeit. In dieser waren die Bewohner an beiden Ufern auf den Fährverkehr angewiesen. Martin Krsek:

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Mit den Elbe-Fähren sind zwei außergewöhnliche Geschichten verbunden. Eine davon ist tragisch. 1732 kam es auf dem Fluss zum größten Schiffsunglück in der tschechischen Geschichte. Ein überlastetes Schiff, an dessen Bord Pilger waren, sank. Fast 60 Menschen kamen damals ums Leben. Die Strömung war sehr stark und die Elbe noch wild. Aus der Zeit des brückenlosen Ústí stammt jedoch auch eine schöne Geschichte. Damals entstand eines der berühmtesten deutschen Gemälde der Romantik – die ,Überfahrt am Schreckenstein‘. Ludwig Richter malte es 1837.“

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

Tonnenschwere Exponate

Der Bildband dokumentiert nicht nur die Geschichte der Brücken in Ústí, sondern auch die Entstehung der Ausstellung über die Brücken, die im Regionalmuseum gezeigt wurde.

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Die Ausstellung war für uns außergewöhnlich, aber auch außerordentlich schwer. Denn wir haben unter anderem verhältnismäßig große Brückenteile im Museum gezeigt, sie wogen rund eine halbe Tonne. Von der Beneš-Brücke haben wir beispielsweise während ihrer Sanierung historische Teile der genieteten Konstruktion aufbewahrt, die für den Schrott bestimmt waren. Wir haben sie zerschnitten und in der Ausstellung installiert. Gleichzeitig haben wir aus der Elbe ein Pfeilerstück von der ältesten Eisenbahnbrücke von 1874 geborgen. Beim Transport ins Museum half uns sogar die Feuerwehr.“

Der Bildband ist dank seiner speziellen grafischen Gestaltung ein Hingucker. Martin Krsek und sein Team haben das Buch daher beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in Jihlava zum Wettbewerb um das schönste Dokumentarbuch des Jahres angemeldet.

„Uns freut sehr, dass der Bildband in die engere Auswahl von 30 Büchern aufgenommen wurde. Im September wird entschieden, ob sich das Buch als Dokumentarwerk besonders hervorhebt – und womöglich eine Auszeichnung bekommt.“

Der tschechisch-deutsche Bildband „Mosty – Brücken“ wurde vom Regionalmuseum in Ústí nad Labem herausgegeben. Außer vielen historischen Fotografien enthält er auch Kopien der von den Architekten gezeichneten Entwürfe der Brücken. Der Band hat 199 Seiten und kostet im Museumsshop 450 Kronen.

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