"Der Ruhm der barocken Bohemia. Kunst, Kultur und Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert"

r_2100x1400_radio_praha.png

Herzlich willkommen beim heutigen Kulturspiegel von Radio Prag sagen Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, dessen Autorin Markéta Maurová und Jürgen Webermann. Da wir uns heute zum ersten Mal im Jahre 2001 beim Kulturmagazin treffen, möchte ich von einem besonderen Projekt sprechen, auf das wir uns im Laufe des gerade begonnenen Jahres freuen können. Vielleicht können sich einige von Ihnen noch an die große Ausstellung über Rudolf II. erinnern, die das Prager Kulturleben im Sommer 1998 bereicherte. Etwas Ähnliches, vom Unfang her jedoch Größeres wird auch in diesem Jahr veranstaltet. Die geplante große Ausstellung sowie das reiche Begleitprogramm sind nun der Barockzeit, dem 17. und 18. Jahrhundert gewidmet, wie aus dem Titel der Ausstellung hervorgeht: "Der Ruhm der barocken Bohemia. Kunst, Kultur und Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert."

Die Ausstellung ist konzipiert als das Hauptprojekt der Nationalgalerie in Prag für das Jahr 2001. Sie knüpft insbesondere an die legendäre Ausstellung "Prager Barock" von 1938 an. In vier Hauptausstellungsräumen werden um 1700 Exponate gezeigt und der bisherige Forschungsstand zusammengefasst. Im Unterschied zu früheren Ausstellungen will man sich nun aber nicht nur der Kunst widmen, sondern auch einen kulturhistorischen Blick auf die Zeit werfen, um die Verknüpfung zwischen der historischen Epoche und ihrer Kultur zu unterstreichen. Der Barock: was soll man sich unter diesem Terminus vorstellen? Das Lexikon spricht klar und deutlich:

"Barock - europäische Kunstepoche, die neben den bildenden Künsten die Literatur, Philosophie und Musik umfaßt; ursprünglich ein negativ gemeinter Begriff, der alles Regelwidrige, Formlose, dem guten Geschmack wiedersprechende bezeichnete. Der Barock ist der letzte große gemeineuropäische Stil, der alle Lebensbereiche formte. Er verkörpert in seinen Ausdrucksformen nicht so sehr Maß und Ordnung, sondern eher Kraft, Bewegung, Leidenschaft, Pathos. ... Der Barock entstand in Italien durch Weiterentwicklung von Elementen der Spätrenaissance und des Manierismus. Er war die offizielle Kunstform der Gegenreformation und hat sich daher am glanzvollsten und mächtigsten in allen katholischen Gebieten manifestiert."

Soviel die nüchterne Darstellung des "Großen Knaurs" aus dem Jahre 1966. Die Interpretation der Barockzeit war jedoch in der Vergangenheit weder so einfach, noch so eindeutig, wie man aus dieser Definition schlussfolgern könnte. Man kann sogar sagen, dass sich nur wenige Epochen der böhmischen Kulturgeschichte einer so widerspruchsvollen Beurteilung erfreuten, wie der Barock. Abhängig von politischen Standpunkten und gesellschaftlichen Umständen wurde diese Zeit abwechselnd als die Periode des größten geistigen Aufschwungs und der tiefsten nationalen Erniedrigung betrachtet. Die Erinnerung an den Jubel der barocken Feiern wurde durch den Schatten der Niederlage auf dem Weißen Berg und die Tragik der Schicksale verdrängt, die sich der darauffolgenden Gegenreformation nicht unterwarfen. Der künstlerische Reichtum, den der Barock in Böhmen hinterlassen hat, erweckt daher bis heute sowohl Begeisterung, als auch Kritik.

Wie der Kurator der Ausstellung, Doz. Vít Vlnas hervorhebt, sei es ein großes Glück, dass man heute durch keine ideologischen Barrieren mehr beschränkt sei. Sein Autoren-Team wolle vor allem die Tatsache unterstreichen, dass diese Zeit weder schlimmer, noch besser als andere Zeiten in der Geschichte war, dass sie weder eine finstere Epoche, noch ein Gipfel der Geschichte war. Weiteres erfahren Sie aus dem folgenden Gespräch mit Doz. Vít Vlnas. Wie will also die heutige Ausstellung zur Interpretationen der Barockzeit beitragen?

"Meiner Meinung nach ist schon die Tatsache, dass wir diese Ausstellung machen und ihr soviel Aufmerksamkeit widmen, ein gewisser Ausdruck unseres Verhältnisses zu dieser Epoche. Die Barockzeit lockt uns gerade dadurch, dass sie als keine eindeutige Epoche gilt, sowohl positiv als auch negativ interpretiert wird und dass unser Verhältnis dazu zwischen Verurteilung und Idealisierung schwankt. Wir wollen zeigen, dass man zu dieser Epoche auch ein normales Verhältnis haben kann, wir wollen zeigen, dass der Barock ein bisschen anders war, als es in Schullesebüchern geschildert wird."

Und warum ist gerade die Barockzeit so umstritten, warum gibt es gerade bei dieser Epoche so viele Fragen, so viele Blickwinkel?

"Meiner Meinung nach ist das deshalb so, weil es eine Zeit ist, die am Anfang unserer Gegenwart liegt. Die Zeitspanne des 17. und 18. Jahrhunderts ist eine sehr wichtige Zeit, in der sich eine ganze Reihe Voraussetzungen für unser gegenwärtiges Leben formte. Gerade dort findet man die Wurzeln, aus denen wir hervorgegangen sind. Aus diesem Grunde wird diese Zeit ein bisschen anders als jene Etappen wahrgenommen, die historisch entfernter liegen."

Der Untertitel der Ausstellung heißt "Kunst, Kultur und Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert". Dies deutet ein breiteres Wirkungsfeld an, als nur eine Kunstausstellung bieten könnte...

"Sie wird sich sicher nicht nur auf die Spitzen der bildenden Kunst und auf die Spitzenwerke orientieren, wenn auch diese dort zu finden sein werden. Einige davon wurden neu restauriert und einige sogar für diese Ausstellung ganz neu entdeckt. Die Ausstellung will aber einen breiteren Kontext zeigen, aus dem diese hervorragende Barockkunst hervorwächst. Sie will die materielle Kultur zeigen, und zwar nicht nur die materielle Kultur der Aristokratie und der Geistlichen, sondern auch die materielle Kultur der Städte und der böhmischen Provinz im 17. und 18. Jahrhundert. Man findet dort neben Kunstwerken auch alltägliche Gebrauchsgegenstände oder Werke, die aus künstlerischer Perspektive ganz wertlos, aber historisch von großer Bedeutung sind."

Die Ausstellung wird in vier Ausstellungsräumen stattfinden - in der Gemäldegalerie der Prager Burg, im Waldsteiner Reitsaal, im St.Georg-Kloster auf der Prager Burg und ein großer Teil auch im Kinsky-Palais auf dem Altstädter Ring. Sie will vor allem originale Kunstgegenstände zusammenbringen und zeigen. Einer der Höhepunkte der Barockkunst ist aber die Barockarchitektur, die nur schwierig in einer Ausstellung präsentiert werden kann.

"Wir denken daran. Die Architektur wird alle Ausstellungsteile durchdringen, und wird in Form von Veduten, d.h. Darstellungen von Landschaften und bedeutenden Gebäuden präsentiert, die im 17. und 18. Jahrhundert entstanden sind. Und wir zeigen auch eine große Sammlung alter architektonischer Entwürfe und Pläne, die zum Großteil sehr schön sind und spezifische Kunstwerke darstellen. Und auch das Begleitprogramm der Ausstellung konzentriert sich auf Besuche bedeutender Barockobjekte nicht nur in Prag, sondern in ganz Böhmen."

Große Ausstellungen sind in der ganzen Welt nicht nur Anlass dafür, die bisherigen Forschungsergebnisse der Geschichtswissenschaft und Kunsthistoriographie zu zeigen, sondern auch neue Forschungen anzuregen.

"Die Forschung läuft natürlich schon, und zwar sozusagen auf mehreren Ebenen. Begleitend zur Ausstellung wird ein großer wissenschaftlicher Katalog, ein Sammelband mit Aufsätzen vorbereitet, die den gegenwärtigen Forschungsstand erfassen. Unumstritten ist die Tatsache, dass schon das eigentliche Ausstellen einiger Exponate weitere Entdeckungen anregt - bei jeder großen Ausstellung ist das so. Es laufen Restaurierungsarbeiten und technologische Forschungen, die in vielerlei Hinsicht große Überraschungen bereiten. Und in Prag wird in diesem Jahr auch eine große Konferenz veranstaltet, die neue Ergebnisse zutage fördert."

Abschließend möchte ich nach dem Namen der Ausstellung fragen. "Der Ruhm der barocken Bohemia". Handelt es sich dabei um eine Erfindung der Ausstellungsautoren, oder um eine Anspielung auf ein barockes literarisches oder anderes Kunstwerk?

"Es ist beides. Bohemia als Personifizierung des böhmischen Landes ist eines der feststehenden Barocksymbole oder Barockbilder. Sie kommt als Frau vor. Diese Frau ist in einen Mantel gekleidet, den Löwenköpfe, d.h. Köpfe des böhmischen Wappentiers schmücken. Und auf dem Kopf trägt sie die königliche Krone, oder eine Krone aus den Stadtmauern. Sie ist also eine Personifizierung Böhmens und ein Barockemblem. "Der Ruhm der barocken Bohemia" ist ein Name, den wir mit unseren Kollegen gewählt haben, weil es dem Charakter dieser Ausstellung entspricht. Wir wollen nämlich keine isolierten Äußerungen der Barockkultur, sondern diese Kultur als ein Ganzes zeigen."

Autor: Jürgen Webermann
abspielen