Der Zweite Weltkrieg und die Tschechen

Am 9. Mai zog die Rote Armee in Prag ein

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, hatten die Tschechen bereits ein halbes Jahr deutsche Okkupation hinter sich. Die meisten von ihnen begrüßten den Kriegsausbruch, denn man erwartete ein schnelles Ende, einen Sieg der Alliierten und die baldige Wiederentstehung der Tschechoslowakei. Bis zu dieser sollten allerdings sechs lange Kriegjahre vergehen. Auch wenn in den Böhmischen Ländern nach Kriegsausbruch keine Mobilmachung erfolgte, da das Protektorat über keine Armee verfügte, kämpften tausende von tschechischen Soldaten. Sie alle hatten sich freiwillig auf Seiten der Alliierten gemeldet. Über 5.000 von ihnen bezahlten den Kampf für die Freiheit ihrer Heimat mit dem Tod.

Münchner Abkommen
Bereits kurz nach der Besatzung der Böhmischen Länder durch die Wehrmacht im März 1939 flohen Tausende aus dem Protektorat - zum einen waren dies Juden, Kommunisten und andere, aus religiösen oder politischen Gründen Verfolgte, zum anderen waren es junge Männer und Berufssoldaten, die vom Ausland aus für die Befreiung ihrer Heimat kämpfen wollten. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab ihnen eine Chance.

In Polen, wohin im Sommer 1939 tausende von Tschechen geflohen waren, entstand eine tschechische und slowakische Legion. Ebenso in Frankreich. In dieser waren nicht nur Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei anzutreffen, sondern auch Tschechen und Slowaken, die bereits seit Jahrzehnten im Ausland lebten.

Besatzung der Böhmischen Länder durch die Wehrmacht
Die auf Seiten der Polen kämpfenden Tschechen und Slowaken griffen im September 1939 kaum in das Kriegsgeschehen ein. Die meisten von ihnen landeten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Als die Sowjetunion im Juni 1941 in den Krieg gegen das Deutsche Reich zog, wurden aus diesen Kriegsgefangenen Soldaten. Im Rahmen der Roten Armee entstand ein tschechoslowakisches Bataillon, das 1943 erstmals zum Einsatz kam. Im September 1944 erfüllte sich ein Traum der tschechoslowakischen Soldaten: sie betraten den Boden ihrer Heimat und befreiten am 21. September 1944 das erste ostslowakische Dorf. Von Osten kommend beteiligte sich das tschechoslowakische Bataillon nun an der Befreiung der Tschechoslowakei. Im März 1945 erreichte es mit der Roten Armee die slowakisch-mährische Grenze und betrat den Boden des Protektorats Böhmen und Mähren.

In Frankreich hatten sich zu Beginn des zweiten Weltkriegs Tausende von Tschechen und Slowaken zur Fremdenarmee gemeldet. Sie alle beteiligten sich bei der Schlacht um Frankreich. Weitere 170 Tschechen und Slowaken dienten direkt in der französischen Luftwaffe und sollen damit ein Viertel der Piloten gestellt haben.

Nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 gelang rund 4.000 tschechoslowakischen Soldaten die Flucht nach England. Bereits im Sommer 1940 entstand hier die erste tschechoslowakische Brigade, zugleich entstanden drei tschechoslowakische Fluggeschwader, die sich in der Luftschlacht um England bewährten. Nach der Invasion der Alliierten im Juni 1944 war die tschechoslowakische Panzerbrigade bei der Belagerung von Dunkerque eingesetzt. Hier erlebten die tschechischen und slowakischen Soldaten auch das Kriegsende im Mai 1945. Der Traum, mit den befreienden Truppen in die Heimat einzuziehen, hatte sich für die meisten nicht erfüllt. Erst nach Kriegsende kehrten die Soldaten, die in den Armeen der westlichen Alliierten gekämpft hatten, in die Tschechoslowakei zurück, wo sie jubelnd begrüßt wurden.

Tschechische Soldaten waren auch an anderen Kriegsschauplätzen anzutreffen. Im Nahen Osten und Nordafrika kämpfte ein tschechoslowakisches Regiment in den Reihen der Alliierten. Auf dem Balkan beteiligten sie sich am Partisanenkampf gegen die Wehrmacht.

Die Rote Armee in Prag  (1945)
Am weitesten entfernt von der Heimat kämpften wohl vierzehn Geschäftsmänner aus der Tschechoslowakei, die sich auf den Philippinen nach Kriegsausbruch freiwillig zur US-Armee gemeldet hatten. Nach der japanischen Invasion gerieten sieben von ihnen in Kriegsgefangenschaft, die sie nicht überlebt haben. Erst vor kurzem wurde auf den Philippinen ein Gedenkstein mit den Namen der gefallenen Tschechoslowaken eingeweiht.

Doch nicht nur in den Reihen der alliierten Armeen waren Tschechen anzutreffen - einige trugen auch die Uniform der Wehrmacht. Bis heute ist in Tschechien kaum bekannt, dass wohl einige Hundert Tschechen oftmals unfreiwillig auf Seiten des Dritten Reichs kämpften. Die meisten dieser tschechischen Wehrmachtsoldaten stammen aus den Gegenden, die nach der Münchner Konferenz von 1938 direkt in das Deutsche Reich eingegliedert wurden. Damit übernahmen viele ihrer Bewohner auch die deutsche Staatsbürgerschaft und mit dieser die Wehrpflicht.

Die Rote Armee in Prag  (1945)
Die Böhmischen Länder blieben zwar weitgehend von direkten Kampfhandlungen verschont, doch auch hier kam es zu Bombenangriffen. Der größte traf Prag am 14.Februar 1945. Rund 100 Häuser wurden damals zerstört, 700 Menschen kamen ums Leben. Ziel der alliierten Bombenangriffe waren von Mai 1943 bis April 1945 in erster Linie tschechische Industriestädte wie Pilsen oder Litvinov, in denen Kriegsmaterial für die Wehrmacht produziert wurde.

Nachdem die Nachricht von Hitlers Selbstmord das Protektorat erreicht hatte, brach am 1. Mai 1945 an vielen Orten ein unkoordinierter Aufstand gegen die deutschen Besatzer aus. Damals befanden sich noch rund eine Million Wehrmachtsoldaten auf dem Gebiet der Böhmischen Länder.

Am 5. Mai begann mit einem Aufruf im Rundfunk der Aufstand in Prag. Vier Tage lang wurde auf Barrikaden um die tschechische Hauptstadt gekämpft, über 1.500 Tschechen, 800 Wehrmachtssoldaten und rund 600 sowjetische Soldaten fielen hier in den letzten Kriegstagen. Heftig umkämpft war damals auch das Rundfunkgebäude im Stadtzentrum. Den nur unzureichend ausgerüsteten Pragern kam die so genannte Vlasov-Armee zur Hilfe. Diese bestand aus sowjetischen Deserteuren, die in den Reihen der Wehrmacht gekämpft hatten, nun aber die Seite gewechselt hatten. Am 8. Mai 1945 unterzeichnete der Oberbefehlshaber der Wehrmacht im Protektorat in Prag die Kapitulation. Den entwaffneten deutschen Soldaten wurde daraufhin der Abzug gen Westen erlaubt. Am 9. Mai zog die Rote Armee in Prag ein. Zwei Tage später war der letzte Widerstand in den Böhmischen Ländern gebrochen.