Deutsche Investoren: Tschechien weiter attraktiv, aber Problemfelder müssen abgebaut werden

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Die Wirtschaftslage und die Investitionsbedingungen in Tschechien – unter diese beiden Hauptgesichtspunkte hat die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK) in Prag auch in diesem Jahr wieder die Konjunkturumfrage unter ihren Mitgliedern gestellt. An der Umfrage beteiligten sich rund 180 vor allem deutsche und weitere im deutsch-tschechischen Wirtschaftsaustausch aktive Unternehmen. Über die Ergebnisse der Umfrage, die vor zwei Wochen veröffentlicht wurden, hat Radio Prag mit dem Leiter der Abteilung Unternehmenskommunikation bei der DTIHK, Hannes Lachmann, gesprochen.

Hannes Lachmann (Foto: Archiv von Hannes Lachmann)
Herr Lachmann, Sie haben heute die Ergebnisse der 14. Konjunkturumfrage Ihrer Kammer vorgestellt. Laut dieser Ergebnisse wird unter anderem festgestellt, dass die tschechische Wirtschaft stagniert. Wie aber schätzen die Mitglieder Ihrer Kammer, die an der Umfrage teilgenommen haben, die Wirtschaftslage in Tschechien konkret ein? Wie fiel der allgemeine Tenor aus?

„Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die insgesamt etwas schlechtere Wirtschaftslage durchaus auch in unserer Umfrage unter den internationalen, insbesondere aber den deutschen Investoren in Tschechien niedergeschlagen hat. Ein entscheidender Punkt ist, dass mittlerweile ein Drittel die Lage als schlecht bezeichnet. Das ist deutlich mehr als im letzten Jahr, als nur 22 Prozent zu dieser Einschätzung gelangten. Vor zwei Jahren waren es sogar nur 12 Prozent. Parallel dazu ist auch die Zahl derjenigen, die die Lage als gut bezeichnen, deutlich zurückgegangen. Dieser Anteil liegt jetzt unter 10 Prozent. Wir können in diesem Zusammenhang eigentlich nur noch von einer halbwegs beruhigenden Nachricht sprechen, und zwar dass knapp 60 Prozent im Moment von einer Stabilität oder befriedigenden Situation ausgehen. Wenn man diese Zahlen betrachtet, ist es allerdings wichtig zu wissen, dass es hier um die Einschätzung der Gesamtwirtschaftssituation geht, während die Situation in den einzelnen Unternehmen, die wir befragt haben, deutlich besser ist. Bei sich selbst gehen die Unternehmen zu rund 30 Prozent von einer Verbesserung aus. Oder anders gesagt: Ihre eigene aktuelle Situation hält ein Drittel der befragten Firmen für durchaus gut. Das ist also im Gegensatz zur gesamtwirtschaftlichen Lage eine positive Nachricht. Es zeigt auch, dass die Binnennachfrage, die im Moment stagniert beziehungsweise rückläufig ist, sich auf die deutschen wie auch internationalen Firmen weniger auswirkt, weil sie sehr exportorientiert sind.“

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Tschechien wird im Standort-Ranking noch als Nummer eins unter den ost- und mitteleuropäischen Ländern wahrgenommen. Ist diese Position in Stein gemeißelt oder fällt hier und da der Putz schon ab?

„Man muss zunächst vorausschicken, dass das Standort-Ranking, das wir heute veröffentlicht haben, eine Perspektive der hier bereits ansässigen Unternehmen widerspiegelt. Das heißt, diese Firmen haben natürlich in der Regel gute Gründe, ihre Investitionsentscheidungen für die Tschechische Republik getroffen zu haben. Schön ist, dass fast 85 Prozent dieser hier ansässigen Investoren laut unserer Umfrage weiterhin in Tschechien investieren würden. Sie sind also zufrieden mit dem Standort. Das ist zunächst einmal die gute Nachricht. Das heißt aber nicht, dass sich die Situation auch in Zukunft gleichbleibend positiv entwickeln wird. Vor allem dann nicht, wenn man sich einmal mehr die weniger erfreulichen Faktoren vor Augen hält, die in der Umfrage am häufigsten genannt wurden. Das ist in erster Linie die Korruption wie auch die Korruptionsbekämpfung auf politischer Ebene. Des Weiteren genannt wurden die politische Stabilität, die Effizienz der öffentlichen Verwaltung und die Rechtssicherheit. Sehr oft hören wir dabei von den Unternehmen, dass sowohl die Dauer als auch die Berechenbarkeit von Ergebnissen öffentlicher Verwaltungsprozesse nicht immer dem entspricht, was sich die Unternehmen wünschen würden. Auch beim Faktor Rechtssicherheit sind die Unternehmen laut unserer Umfrage eher unzufrieden. Der Grund sind ebenfalls sehr lange Verfahrensdauern, aber natürlich auch häufige Gesetzesänderungen, die zudem nicht immer konsistent sind.“

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Sie haben es bereits gesagt: Ein ewiger Dauerbrenner ist die Korruption beziehungsweise die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität. Wirken sich diese und weitere negative Faktoren nicht schon so aus, dass die Unzufriedenheit unter den Unternehmen zunimmt? Oder sind es die positiven Kriterien, die noch alles ausgleichen?

„Im Moment kann man ganz klar sagen: Die positiven Kriterien überwiegen. Darin würde ich aber, wie bereits gesagt, keine Garantie sehen für die Zukunft. Und wir haben auch schon Rückmeldungen von Unternehmen, dass sie ihre Investitionsentscheidungen in Zukunft auch davon abhängig machen werden, wie sich hierzulande die Problemfelder entwickeln. Und natürlich, wie sich ähnliche Bereiche in potenziellen Alternativstandorten wie zum Beispiel der Slowakei oder Polen entwickeln. Trotzdem möchte ich betonen: 85 Prozent der hier ansässigen deutschen Unternehmen beziehungsweise Investoren, die wir befragt haben, würden hier wieder investieren. Das ist eine sehr gute Zahl, die sich gegenüber dem letzten Jahr kaum verändert hat. Das hat ganz bestimmte Gründe. An erster Stelle – und das ist nicht überraschend – die sehr positiv gesehene EU-Mitgliedschaft. Ebenso wichtig aber ist auch die Produktivität und Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer, die zudem in einem positiven Verhältnis zu den Arbeitskosten steht. Ein weiterer, wenn auch weniger bekannter Faktor, der positiv zu Buche schlägt, ist die Qualität und Verfügbarkeit lokaler Zulieferer. Diese Unternehmen sind besonders bei den hoch technisierten und optimierten Produktionsprozessen im Just-and-Time-Prinzip und Ähnlichem sehr wichtig. Außerdem zu nennen sind die Qualifikation der Arbeitnehmer und die akademische Ausbildung. Man muss jedoch hinzufügen: Die Qualifikation ist im Moment noch sehr gut, aber wir beobachten auch in Umfragen, dass sie aufgrund des Ausbildungssystems immer problematischer wird.“

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Ein oft kritisierter Faktor war in den zurückliegenden Jahren der weiter drohende Fachkräftemangel in Tschechien. Unter den Top Five der schlechten Kriterien ist er aber in dieser Umfrage nicht mehr zu finden. Hat sich in diesem Bereich auch dank der Initiative, die die DTHIK im vergangenen Jahr angeschoben hat, schon einiges zum Besseren getan?

„Die Tatsache, dass die Fachkräfteverfügbarkeit einschließlich deren Verschlechterung in dieser Umfrage nicht explizit unter den Negativkriterien erscheint, liegt einerseits darin begründet, dass wir hier die aktuelle Situation betrachten. Wenn wir aber, wie in anderen Umfragen, konkret nach der Verfügbarkeit in nächster Zukunft fragen, dann sehen wir, der Fachkräftemangel droht. Wir wissen aber auch, und das zeigt sich in dieser Umfrage in einer Verschlechterung der Ergebnisse, dass in einigen Branchen und Regionen der Fachkräftemangel schon jetzt ein Problem ist. Er ist aber offenbar aus Sicht der Mehrheit noch kein so großes Problem, wie Korruption, ineffiziente Verwaltung, politische Instabilität und fehlende Rechtssicherheit.“

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Das Überraschende an Ihrer Umfrage für mich aber war auch, dass mehrere Firmen dort angegeben haben, in absehbarer Zeit mehr Leute einstellen zu wollen. Das heißt, diese Firmen haben wahrscheinlich Kapazitäten, die sie noch erschließen könnten. Wie ist die konkrete Situation?

„Das ist richtig. Hier ist der Trend der deutschen und anderer ausländischer Investoren eigentlich entgegengesetzt der Makroprognosen, wonach die Arbeitslosigkeit sich eher erhöhen soll. Das heißt also, die Arbeitgeber, die wir befragt haben, wollen im Wesentlichen ihren Bestand halten, nur wenige möchten Stellen abbauen. Demgegenüber wollen einige Firmen, und zwar mehr als ein Viertel, die Mitarbeiterzahl ausweiten. Wir sehen daran, den deutschen Unternehmen geht es relativ gut, auch weil sie hauptsächlich exportorientiert und damit wenig abhängig von der Binnennachfrage sind. Das schlägt sich auch in den Beschäftigungszahlen nieder. Allerdings mit Blick auf die Beschäftigungspläne wissen sie natürlich nicht, ob diese Unternehmen auch tatsächlich die Fachkräfte finden, die sie brauchen. Deswegen bleiben wir als Kammer weiter sehr aktiv, sowohl mit Pilotprojekten als auch mit unserer Öffentlichkeits- und Interessenarbeit. Denn wir wollen Wege finden, den drohenden und teilweise manifesten Fachkräftemangel zu mildern.“