Die Architektur der „chata“: Ausstellung zum Phänomen der tschechischen Wochenendhäuser

„Chata“, Architekt Vladimír Kalivoda

Was machen Tschechen am ehesten am Wochenende? Sie fahren auf eine „chata“, ein Häuschen im Grünen. Entweder haben sie selbst eines, oder sie sind bei jemandem anderen zu Besuch. Gerade zu kommunistischen Zeiten war dies eine Möglichkeit, dem grauen Alltag zu entfliehen. Doch das Phänomen selbst entstand bereits in der Zwischenkriegszeit und hat mit dem zunehmenden Wohlstand breiter Schichten zu tun. Ein bisher eher wenig beachteter Aspekt der Datschen ist der architektonische. Genau darauf konzentriert sich aber eine aktuelle Ausstellung im Prager Kunstgewerbemuseum.

Das Phänomen des Häuschens im Grünen, das im Tschechischen als „chata“ bezeichnet wird, kam hierzulande in den 1920er Jahren auf. Zunächst war es die Bewegung der Tramps, die sich einfache Hütten in den Wäldern bauten. In den 1930er Jahren schwappte dann aber auch über die Tschechoslowakei die Welle der Sommer-Frischler, weil sich nun die Mittelklasse oder obere Mittelklasse ein Sommerhäuschen leisten konnte. So entstanden rund um Prag, aber auch anderswo im Land, ganze Kolonien solcher Bauten.

Das Wochenendhaus: Ein Phänomen in der Welt der Architektur | Foto: Museum für angewandte Kunst in Prag

Ihre Architektur sei eng verbunden gewesen mit der aufkommenden Moderne und neuen Materialien sowie neuen Methoden beim Bau von Häusern, sagt Adam Štěch. Er ist einer der Kuratoren der Prager Ausstellung „Chata: Fenomén ve světě architektury“ (Das Wochenendhaus: Ein Phänomen in der Welt der Architektur). Im Interview für Radio Prag International führt er aus:

„In unserer Ausstellung im Kunstgewerbemuseum zeigen wir Wochenendhäuser als Spitzenarchitektur. Das heißt, dass die jeweilige chata von einem professionellen Architekten entworfen wurde. Dies betrifft natürlich ein Minimum im Vergleich zu der großen Zahl der Häuschen im Grünen, die sich die Menschen nach eigenen Vorstellungen gebaut haben, vielleicht anhand einer Broschüre oder einer Bauanleitung für solche Gebäude. Die selbst entworfene chata interessiert uns in der Ausstellung aber nicht so sehr. Sie ist bereits mehr ein soziologisches oder gesellschaftliches Phänomen und kein architektonisches. Wir haben uns aus der Unzahl von Häuschen nur die Schmuckstücke herausgegriffen, mit denen sich professionelle Architekten beschäftigt haben.“

Selbstbauanleitungen aus den 1930ern

Allerdings würden auch einige Selbstbauanleitungen von angesehenen Architekten stammen, gesteht Štěch. Und diese seien bereits ab den 1930er Jahren veröffentlicht worden.

„Die Architekten schilderten in den Anleitungen sehr einfache Entwürfe für das Aussehen der Häuschen. Wenn man sich all die Kolonien und Gegenden mit Wochenendhäuschen anschaut, eint die Bauten durchaus eine gewisse Charakteristik. Das sind etwa das Pultdach, die steinerne Grundmauer, eine Veranda, ein Fensterband und etwa eine Verglasung“, so Adam Štěch.

Adam Štěch | Foto: Danny Bate,  Radio Prague International

Aber auch unter den Wochenendhäuschen aus eigenen Entwürfen der Besitzer gibt es wohl sehr gelungene. Eine der architektonischen Perlen entstand 1972 ganz im Nordosten der heutigen Tschechischen Republik. Und weiter der Kurator:

„Sie hat den Spitznamen Ufo, was auf ihre runde Form anspielt. Und sie schaut auch wirklich wie eine fliegende Untertasse aus. Der Ingenieur Lev Nikel hat sie in den Beskiden für sich selbst gebaut. Er hatte sowohl die Expo 1958 in Brüssel besucht als auch die Expo in Montreal in den 1960er Jahren. Und da er von der experimentellen Architektur dort so verzaubert war, entwarf er ein wirklich sehr futuristisches Wochenendhaus. Dabei war er selbst kein Architekt, sondern Ingenieur.“

Seit dem Tod von Lev Nikel im Jahr 1992 ist das Ufo in den Beskiden jedoch mehr und mehr verfallen. Obwohl vor einigen Jahren ein junger Architekt den Plan hatte, das Objekt zu retten, zeigen die letzten Fotos nur noch das von üppigem Grün umgebene Gerippe des Hauses.

Pultdach und Veranda

Allgemein betont Adam Štěch, dass er und seine Kollegen das Phänomen der tschechischen chata für die Ausstellung in den internationalen Kontext eingebettet hätten:

„Chata“ des Ehepaars Kudělka,  Architekt Vladimír Kalivoda | Foto: Adam Štěch

„Im Laufe der Entwicklung der avantgardistischen Architektur in den 1920er und 1930er Jahren erschienen auf den Seiten italienischer, französischer oder auch tschechoslowakischer Zeitschriften unterschiedliche Entwürfe für minimalistische Objekte. Diese hatten häufig nur einen Raum, eine kleine Veranda und ein leicht geneigtes Pultdach, das übersteht und vor allem die Veranda schützt. Das ist auch der Typ von Häuschen, den es in ganz Europa gibt. Und zwar egal, ob das ein Strandhäuschen in Katalonien ist, ein Chalet in den italienischen Alpen oder auch eine kleine chata an der Sázava in Tschechien.“

Beispiele aus den Alpen sind zum Beispiel die Panorama-Blockhütten im Dorf Borca di Cadore nahe Cortina d'Ampezzo. Oder etwa das sogenannte Zelthaus des Zürcher Architekten Justus Dahinden. Es steht auf der Rigi in der Zentralschweiz.

Volk der Heimwerker

Allerdings sieht der Kurator unter dem soziologischen oder gesellschaftlichen Aspekt durchaus die Unterschiede in Europa:

„Die chata ist mit dem spezifisch tschechischen Wesen des Wochenendhäuschendaseins verbunden. Ihre Besitzer fahren zu ihrem Häuschen, machen den Garten und bessern immer irgendetwas aus. Das ist der Lebensstil. In ein Sommerhaus in Italien hingegen, ob in den Alpen oder am Mittelmeer, fährt man, um einfach Ruhe zu haben und vielleicht etwas zu lesen.“

„Chata“ Frau A,  Architekt Jiří Gočár | Foto: Adam Štěch

Dieses Phänomen des Heimwerkertums im Wochenendhäuschen sei erst in den 1960er Jahren in der Tschechoslowakei entstanden und habe in den beiden folgenden Jahrzehnten seinen ersten Höhepunkt gehabt, so Adam Štěch. Anders stehe es hingegen um den architektonischen Aspekt…

„In den 1970er und 1980er Jahren klang der schöne Hauch der Freiheit von Ende der 1960er Jahre eigentlich nur noch aus. Das brachte eher jene Häuschen im Grünen hervor, die die Architekten für sich selbst entwarfen. Die architektonisch interessanten Bauten kommen hingegen vornehmlich aus der Zwischenkriegszeit und dann noch einmal in kleinerem Umfang aus den 1960er Jahren. Obwohl auch da einige interessante Entwürfe entstanden, so zum Beispiel vom Architekten Jaroslav Vaculík, der bei Le Corbusier in Paris gearbeitet hatte. Er war von seinem Praktikum in Paris zurückgekommen und wurde in der Tschechoslowakei nach einem Schauprozess ins Gefängnis gesteckt, nur weil er im westlichen Ausland gewesen war. Als er wieder freikam, entwarf er eine ganze Reihe an typischen Häuschen, die er in Serie herstellen lassen wollte. Sie sollten wie aus dem Baukasten sein“, erläutert Štěch.

„Chata“ V1,  Architekt Jaroslav Vaculík | Foto: Adam Štěch

Dazu sei es aber leider nie gekommen, sagt der Kurator. Und so gibt es nur einige wenige Wochenendhäuser, die von Vaculík entworfen wurden. Sie stehen vor allem am Moldau-Stausee Slapy südlich von Prag. Gebaut wurden sie in den Jahren 1958 bis 1964.

Modernistische Elemente

Aus der Zwischenkriegszeit gehören die Architektenbrüder Čestmír und Lubomír Šlapeta zur Spitze des Trends. Vor allem entwarfen sie Villen, aber sie projektierten auch Wochenendhäuser in den Beskiden. Viele ihrer Pläne seien nicht umgesetzt worden, doch einige Bauten entstanden eben doch, sagt der Kurator:

Mojžíšs chata“,  Architekt Jiří Mojžíš | Foto: Adam Štěch

„Das sind solche Kisten aus Holz, wie man sie bezeichnen könnte. Sie haben häufig eben ein Pultdach. Die von ihnen entworfenen Wochenendhäuschen verbinden modernistische Elemente mit traditionellen walachischen. Die meisten dieser Bauten stehen in Ostravice, einer beliebten Wochenendfrische vor allem der Bewohner von Ostrau.“

Gerade die Anpassung der Architektur an die jeweilige Landschaft ist laut Štěch ein weiteres Kennzeichen von Häuschen im Grünen. Als Rarität bezeichnet er wiederum die Entwürfe von František Kavalír, einem Schüler von Jan Kotěra.

„1932 stellte er seinen Prototyp einer chata in der Werkbundsiedlung Baba in Prag aus. Dies war eine Musterhaussiedlung im funktionalistischen Stil. Und dort wurden auch zwei Wochenendhäuschen gebaut. Später setzte František Kavalír ein entsprechendes Projekt für seine Verwandten um, und zwar 1935 in Zlenice am Fluss Sázava, einem schönen Ausflugsziel. Dort stehen auch noch einige weitere interessante Bauten aus demselben Jahrzehnt“, so der Experte.

Sein Objekt entwarf Kavalír als erstes Selbst-Montage-Wochenendhaus in der Tschechoslowakei.

„Chata“ von Bohumil Hrabal | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Angesehene Architekten

Ebenfalls ein Schüler von Kotěra war der wohl bekannteste Architekt aus Brno / Brünn, Bohuslav Fuchs.

Foto: Adam Štěch

„Er baute mehrere Wochenendhäuser. Nahe Brünn etwa ein sehr besonderes mit rundem Grundriss. Zu nennen ist ebenso Mojmír Kyselka, der vor allem am Stausee von Brünn einige Häuschen im Grünen errichtete. Zugleich entwarf er Luxus-Häuschen. Zu diesen gehört das Jagdhaus für Václav Dvořák, das auch ‚Slawische Festung‘ heißt. Es stammt aus dem Jahr 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Václav Dvořák war ein bedeutender Brünner Bauunternehmer. Ohne Zögern würde ich ihn als einen der reichsten Menschen der damaligen Tschechoslowakei bezeichnen. Und er hat sich einen Wochenendhaussitz bauen lassen, der bis heute steht. Es handelt sich um wunderbare Architektur, die unter anderem vom US-Amerikaner Frank Lloyd Wright und seiner organischen Architektur inspiriert ist“, weiß Štěch.

Auch aus der Nachkriegszeit gebe es einige bemerkenswerte Beispiele, ergänzt der Kurator. Er nennt etwa die chata für Ilja Sedlák, die der Architekt Karel Dudych 1958 in Jíloviště südlich von Prag entworfen hat.

Sedláks „chata“,  Architekt Karel Dudych | Foto: Adam Štěch

Die Forschung zur Architektur der Häuschen im Grünen steht laut Adam Štěch erst am Anfang. Und in den meisten Fällen gebe es nur die Möglichkeit, die Objekte vor Ort aufzusuchen, um sich von ihrer architektonischen Bedeutung zu überzeugen, empfiehlt der Kurator.

Die Ausstellung „Chata: Fenomén ve světě architektury“ ist auf Tschechisch und Englisch. Zu sehen ist sie noch bis 13. September im Kunstgewerbemuseum in Prag. Die Öffnungszeiten sind Dienstag von 10 bis 20 Uhr sowie Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Mehr Informationen auf www.upm.cz.

Autoren: Till Janzer , Zuzana Filípková | Quelle: Český rozhlas
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