„More is Now!“ – neue tschechische Architektur im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt
Unter dem Titel „More is Now!“ wird seit diesem Samstag im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt eine Ausstellung über neue tschechische Architektur gezeigt. Noch vor der Eröffnung der Ausstellung hat Martina Schneibergová vorige Woche mit der Kuratorin Helena Huber-Doudová von der Nationalgalerie Prag gesprochen.
Frau Huber-Doudová, bald wird eine Ausstellung über die neue tschechische Architektur im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt eröffnet. Was war der Anlass?
„Der eigentliche Anlass ist der Gastlandauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse, wobei das Deutsche Architekturmuseum immer eine Ausstellung des jeweiligen Landes organisiert. In diesem Jahr ist Tschechien das Gastland. Ich wurde vom Architekturmuseum angefragt, ob ich eine solche Ausstellung zusammenstellen möchte. Seit ungefähr einem Jahr arbeiten wir an der Ausstellung ,More is Now!‘, einer Präsentation der neuen tschechischen Architektur. Die Ausstellung versucht einen Bezug zu dem Erbe der Moderne von Ludwig Mies van der Rohe herzustellen.“
In der Brünner Villa Tugendhat gab es zuvor eine Symposium, eine Art Ouvertüre der Ausstellung. Was stand im Fokus?
„Wir haben festgestellt, dass dieses Jahr das 140. Jubiläum von Ludwig Mies van der Rohe ist. Wir haben Vertreter der Mies van der Rohe Foundation aus Barcelona in die Villa Tugendhat eingeladen, um gemeinsam dieses Jubiläum zu feiern. Zudem haben wir auch zeitgenössische Architekten und Architektinnen angesprochen. Nach Brünn kam auch der US-amerikanische Wissenschaftler Barry Bergdoll, der ehemalige Kurator der MoMA in New York, der über Mies van der Rohe und seinen Raumbezug gesprochen hat. Ein Thema, das für uns wichtig war, war der Beitrag von Lilly Reich in der Zusammenarbeit mit Mies van der Rohe – anhand von der Villa Tugendhat, aber auch von anderen Beispielen. Dazu haben wir einen Film gezeigt – dieser heißt ,On set with Lilly Reich‘.“
Wie haben Sie die Projekte junger tschechischer Architektinnen und Architekten ausgewählt?
„Wir zeigen 28 Architekturprojekte von jungen Architekturbüros. Denn Mies van der Rohe war 42 Jahre alt, als er die Villa Tugendhat entworfen hat – gemeinsam mit Lilly Reich. Die Auswahlkriterien waren zum einen die Konstruktionsinnovation zum Beispiel, aber auch die klassischen Architekturkriterien, die man aus der Moderne kennt: die Konstruktionsinnovation, Arbeit mit Transparenz, Raum, Experimente mit Materialien, Nachhaltigkeit. In unserem Fokus waren konzeptionelle Grundlagen des Modernismus sowie die Fähigkeit, auf Trends und Veränderungen im eigenen Umfeld kritisch zu reagieren.“
Unter den präsentierten Projekten sind viele, die außerhalb von Prag realisiert worden sind. Können Sie ein paar Beispiele nennen und einige der bekannteren Bauten beschreiben?
„Wichtig für uns war, dass die jungen Architektinnen und Architekten ihre ersten bedeutenden Werke meist durch gewonnene öffentliche Wettbewerbe realisieren konnten. Das war zum Beispiel der Fall der Prager Štvanice-Brücke. Diese besteht aus hochwertigem, ultrahochfestem Faserbeton und ihre Oberfläche erinnert an glänzenden weißen Marmor. Die Brücke ist zur Dominante am Moldauufer geworden. Weiter gibt es zum Beispiel das Projekt von Adaptive Reuse der Winternitz-Mühlen in Pardubice, wo Silo-Gebäude zugänglich gemacht wurden und Konferenzräume und eine Dachterrasse errichtet wurden. Präsentiert wird auch das Projekt des Hauptsitzes der Glashütte Lasvit in Nový Bor.“
Unter den Projekten findet sich auch ein moderner Sakralbau, der hierzulande verhältnismäßig bekannt ist…
„Ja, es gibt auch noch die Kapelle, die in Nesvačilka steht. Die finanziellen Mittel wurden durch Fundraising von der Dorfgemeinde zusammengetragen. Der junge Architekt Jan Říčný hat die Kapelle über Jahre experimentell entworfen und gebaut. Er hat dabei traditionelle Methoden der Holzbearbeitung mit der CNC-Technologie kombiniert. Dadurch ist dieses faszinierende Bauwerk entstanden.“
Mit wem arbeiteten Sie an dieser Ausstellung zusammen?
„Wir sind sehr dankbar, dass die Ausstellung vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert worden ist. Wir arbeiten mit dem Deutschen Architekturmuseum (DAM), mit dem Direktor Peter Cachola Schmal und mit einem Board of Experts zusammen. Das sind Experten von der Tschechischen Architektenkammer sowie von den Tschechischen Zentren. Zudem arbeiten wir mit unabhängigen Experten zusammen – zum Beispiel mit Karolína Vránková, der Chefredakteurin des Architekturportals EARCH. Sie haben alle quasi methodisch die Auswahl begleitet und auch teilweise mit Texten in das Ausstellungskatalog beigetragen.“
Ist die neue Architektur aus Tschechien im Ausland bekannt?
„Ich denke, es ist nicht so sehr der Fall. Mitteleuropa bleibt immer noch ein bisschen ein blinder Fleck. Auf der Karte ist das Land auch nicht so groß, aber in bestimmten Jahren oder Jahrzehnten wurde die tschechische Architektur ziemlich bekannt, zum Beispiel in der Zwischenkriegszeit. Aus dem Ausland kennen wir eine niederländische Architekturströmung aus den 2000er Jahren – die SuperDutch-Architektur. Von daher könnten wir hoffen, dass in den kommenden Jahren die neue tschechische Architektur auch ein internationales Publikum finden wird.“
Wie kann man sich die Ausstellung vorstellen? Wie wird sie konkret aussehen?
„In der Hauptausstellung präsentieren wir 28 Projekte in Fotografien und Plänen auf großen Lightboxen. Und dann gibt es einen speziellen Raum, das heißt Haus im Haus. In diesem Haus im Haus mit einem Satteldach, von Oswald Mathias Ungers entworfen, präsentieren wir die Restaurierung der Villa Tugendhat aus Brünn in den Jahren 2010 bis 2012. Die Villa ist nicht nur ein ikonisches Bauwerk im Kontext der Brünner Moderne, sondern das Hauptwerk ihres Architekten. Sie wurde bisher als das einzige bauhistorische Denkmal der Moderne in Tschechien in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.“
Die Ausstellung zur neuen tschechischen Architektur ist im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt bis 17. Januar nächsten Jahres zu sehen.














