Theaterstück „Perpetuum Havel“ feiert tschechische Premiere

Die tschechische Premiere des Stücks „Perpetuum Havel“ hat am 10. September im Prager Palais Akropolis stattgefunden. Martina Schneibergová war vorher noch bei der Generalprobe dabei.

Roman Zotov-Mikshin  (Perpetuum Havel) | Foto: Vojtěch Brtnický,  Nationaltheater Prag

Im Jahr des 90. Geburtstags von Václav Havel führt das Theater Laterna magika, das zum Prager Nationaltheater gehört, ein Stück auf, das auf einem wenig bekannten Text des Dramatikers und späteren Staatspräsidenten basiert. Ihre Weltpremiere erlebte die Inszenierung „Perpetuum Havel“ am 4. Juli dieses Jahres beim Theaterfestival in Avignon. Die französischen Kritiker waren begeistert. Nun wird das Stück in Prag gespielt. Am vergangenen Donnerstag fand die Generalprobe im Prager Palác Akropolis statt.

Perpetuum Havel  | Foto: Vojtěch Brtnický,  Nationaltheater Prag

Auf der fast leeren Bühne ist eine Zelle von ein paar Quadratmetern zu sehen. Die Vorrichtung besteht nur aus einem Metallbett, einer schmutzige Decke, einer Latrine und einem Eimer mit einer Zahnbürste. Dort absolviert der Gefangene den Tagesablauf: das Wecken, eine kurze Morgengymnastik, die Hygiene, bei der in der Tür auf einer Projektion das Bild des Aufsehers erscheint. Auf der Seite befindet sich so etwas wie ein winziger Hof, in den der Gefangene durch den Zaun kriechen muss und wo er kaum einen Schritt machen kann. Eine Routine, aus der es keinen Ausweg gibt. Der namenlose Gefangene spannt einen Stacheldraht um sich herum und sieht sich einer zermürbenden Leere gegenüber. Die kurzen Minuten des Nachtschlafs werden von Projektionen begleitet, in denen ein kleiner Junge zu sehen ist, der einen Ritter spielt. Es folgen einige Ausschnitte von der Außenwelt.

Perpetuum Havel | Foto: Vojtěch Brtnický,  Nationaltheater Prag

Gezeigt werden aber in schneller Folge auch Fotos von politischen Gefangenen der Gegenwart. Es ist ein nonverbales Theater, der einzige Darsteller ist der Tänzer und Performer, Roman Zotov-Mikshin. Seine Leistung ist beeindruckend. Hat er Raum zu improvisieren, oder muss er sich streng an die Anweisungen der Regie halten? Der Performer sagte gegenüber Radio Prag International:

„Es gibt eine strenge Regiearbeit, aber gleichzeitig besteht eine zeitliche Freiheit. Es gibt viele Signale, die an mich gerichtet sind, und bevor ich eine bestimmte Geste mache, wird gewartet. Dies bietet mir eine großartige Gelegenheit, den Raum und die Zeit zu nutzen, damit sich die Performance entfalten und auch nachwirken kann. Denn sie ist mit jedem Publikum und in jedem Umfeld anders. Ich bin froh, dass ich diese Option habe. Das System funktioniert sehr streng, und ich muss mich wirklich anstrengen, um damit zurechtzukommen.“

Sieben Tage aus dem Leben eines politischen Gefangenen

Radim Vizváry | Foto: Anna Rychnovská,  Tschechischer Rundfunk

Der Inszenierung „Perpetuum Havel“ liegt ein wenig bekannter Text zugrunde, den Václav Havel im Frühjahr 1989 in einer Zelle im Gefängnis in Pankrác in Prag verfasste. Das Libretto für das wortlose Theaterstück „Perpetuum Mobile“ schildert sieben Tage aus dem Leben eines politischen Gefangenen. Die Theoretikerin der nonverbalen Kunst, Ladislava Petišková, entdeckte den Text 2014 und empfahl ihn daraufhin für die Abschlussprüfungen im Fach nonverbales Theater an der Prager Akademie der Musischen Künste. Dort wurde das Stück unter der pädagogischen Führung von Radim Vizváry zum ersten Mal einstudiert.

Perpetuum Havel | Foto: Vojtěch Brtnický,  Nationaltheater Prag

Vizváry ist derzeit künstlerischer Leiter der Laterna magika. Er entschied sich, Havels Libretto erneut zu nutzen. Regie hatte Petr Boháč. Es handele sich um das Leben eines Gefangenen, dem sein Körper sowie seine Seele allmählich zu zerfallen drohen, sagte der Regisseur während der Generalprobe:

Petr Boháč | Foto: Petr Šrámek,  Tschechischer Rundfunk

„Denn der Druck ist sehr groß. Die Figur schafft eine Gegenkraft, um zu überleben. Zum Schluss kämpft sie nicht nur gegen das System, sondern auch gegen sich selbst. Havel fasste das Stück in einem seiner Briefe zusammen. Er musste den Text wegen der Zensur noch kürzen, weil er mehr Worte enthielt, als erlaubt waren.“

Ein Gefangener des Gewissens ist laut dem Regisseur jemand, der seine Sicherheit und manchmal auch seine Familie im Namen der Wahrheit opfert.

„Solche Menschen gibt es in vielen Ländern – wie Russland, Belarus, die Türkei, China, Vietnam oder der Iran. Wir würden noch mehr Länder finden, die solche Personen bestrafen, damit diese nicht gesehen und damit sie vergessen werden.“

Roman Zotov-Mikshin  (Perpetuum Havel) | Foto: Vojtěch Brtnický,  Nationaltheater Prag

Gefängnistext von Havel und Erinnerungen anderer politischer Gefangener

Die Vorstellung dauert knapp eine Stunde. Die Aufmerksamkeit des Publikums konzentriert sich natürlich die ganze Zeit auf den einzigen Darsteller Roman Zotov-Mikshin. Wie anspruchsvoll ist das für ihn, auch physisch? Der Performer:

Perpetuum Havel | Foto: Vojtěch Brtnický,  Nationaltheater Prag

„Es ist schon physisch anstrengend. Wir sind das jedoch mittlerweile gewohnt, da die tschechische Premiere erst nach der Weltpremiere in Frankreich stattfindet. Wir haben schon rund zehn Vorstellungen hinter uns, aber anderthalb Monate lang jetzt nicht gespielt. Also muss ich erst richtig reinkommen. Es ist anspruchsvoll, die Spannung eine Stunde lang zu halten und damit zu arbeiten. Es ist mein erster abendfüllender Soloauftritt. Ich spüre das und arbeite daran.“

Das Stück basiert auf einem Gefängnistext von Václav Havel. Inspiriert wurde die Inszenierung jedoch auch durch Erinnerungen anderer politischer Gefangener, darunter der belarussischen Regimekritikerin Palina Sharenda-Panasiuk und des chinesischen Dissidenten und Künstlers Ai Weiwei. Inwieweit diese Texte für den Darsteller Roman Zotov-Mikshin wichtig waren, dazu der Performer selbst:

Aj Wej-wej | Foto: Filip Jandourek,  Tschechischer Rundfunk

„Bei den Vorbereitungen auf die Vorstellung haben wir Havels Text gelesen. Wir haben uns zudem mit den Aussagen mehrerer anderer politischer Gefangener und gesetzwidrig verurteilter Menschen beschäftigt. Das ist keine leichte Lektüre. Es ist nicht die Art von Buch, das man einfach in die Hand nimmt und in einem Rutsch durchliest. Man liest die Erinnerungen bis zum letzten Wort, und eines der Schlusswörter ist sogar in die Vorstellung eingebaut. Es wurde in eine Geste übersetzt. Ich spreche es aus, aber niemand hört es – es wird allein durch meine Lippen und meine Bewegung vermittelt. Die Aussagen werden auf verschiedene Weise eingesetzt, sie stammen vor allem aus Russland und aus Belarus. Wir haben die Texte als Grundlage herangezogen, weil sie sehr spezifische Themen behandeln. Zugleich stellen sie weniger sich selbst in den Mittelpunkt als vielmehr die Gründe, warum die Menschen das tun, was sie tun. Und genau das lieferte uns auch die Motivation für unser Tun. Wir haben es den politischen Gefangenen gewidmet. Sie geben ihre Erlebnisse weiter, damit wir auf dem Laufenden bleiben können.“

Erfolgreiche Weltpremiere in Frankreich

Wie waren die Reaktionen auf das Stück nach der Weltpremiere in Avignon?

Perpetuum Havel | Foto: Vojtěch Brtnický,  Nationaltheater Prag

„Zum einen ist Havel in Frankreich sehr bekannt. Jeder von jung bis alt kannte den Namen: Die Reaktionen waren sehr positiv. Es wurden mehr als zehn Rezensionen veröffentlicht. Im Großen und Ganzen gab es kaum etwas zu beanstanden – was eigentlich ein wenig seltsam ist. Aber andererseits haben Kritiker die Angewohnheit, gar nichts zu schreiben, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Doch zehn Rezensionen sind eine beachtliche Zahl. Die Kraft, die von der Bühne auf das Publikum ausging, gepaart mit der Schlichtheit der Struktur, wurde allenthalben hervorgehoben.“

Roman Zotov-Mikshin betonte, dass die Prager Inszenatoren versuchten, das Stück nicht durch komplizierte Schichten zu verschleiern, sondern es so zu formulieren, wie sie es im Moment für notwendig hielten:

Perpetuum Havel | Foto: Vojtěch Brtnický,  Nationaltheater Prag

„Denn wir Menschen beginnen oft, die Dinge so kompliziert zu gestalten, dass wir einander nicht mehr verstehen – ganz ähnlich, wie Havel es in seinen Theaterstücken schrieb, in denen die Personen lange Passagen vortragen und niemand den anderen versteht. Jeder redet, aber es gibt keinen Dialog. Wir bemühten uns hingegen, in der Vorstellung sehr konkret zu sein.“

Das Stück dauert fast eine Stunde und erreicht zum Abschluss den Höhepunkt. Der Performer dazu:

„Ich weiß nicht, ob ich noch eine halbe Stunde durchhalten würde. Meinen letzten Tanz nennen wir ,Ritter‘ oder ,Don Quijote‘. Ich denke, damit wird alles gesagt, es ist dann abgeschlossen. Ich weiß nicht, was noch passieren müsste, damit eine Fortsetzung Sinn ergäbe. So wirkt es in sich abgeschlossen, und ich bin froh über den runden Abschluss.“

Regimekritikerin Sharenda-Panasiuk aus Belarus miteinbezogen

Im Publikum bei der Generalprobe war auch die belarussische Regimekritikerin Palina Sharenda-Panasjuk. Die Bürgerrechtlerin verbrachte 1491 Tage in Haft, 270 Tage davon in der Isolationshaft. Sie sagte gegenüber Radio Prag International, die Darstellung des Lebens eines Gefangenen in der Zelle sei sehr treffend:

Von links: Kryscina Šyjanok,  Roman Zotov-Mikshin und Palina Sharenda-Panasjuk | Foto: OfficeBLRinCZE

„Wieder einmal wird mir bewusst, wie präzise sich das widerspiegelt, sowohl körperlich als auch seelisch – dieser Zustand eines Menschen, der in vier Wänden gefangen ist und dort unter enormem Druck so viel Zeit verbringt. Während ich im Publikum saß, hatte ich manchmal das Gefühl, direkt wieder dort zu sein. Tatsächlich ist es nicht nur die großartige schauspielerische Leistung, die sehr wichtig ist. Sondern auch die Seele des Schauspielers und das Mitgefühl, das er zweifellos für das Ganze empfindet.“

Palina Sharenda-Panasjuk berichtet, sie sei von ihren Freunden in Tschechien vor etwa einem Jahr angesprochen worden, weil sie von den Vorbereitungen der Inszenierung gewusst hätten. Sie sei anschließend zu den Proben nach Prag gekommen:

„Ich habe gemeinsam mit einigen weiteren Frauen, ebenfalls politische Gefangene, Feedback gegeben. Wir haben Ratschläge erteilt, was man genauer darstellen könnte und wie es damals für uns war. Ich bin sehr froh, dass ich nun zur Premiere eingeladen wurde.“

Foto: OfficeBLRinCZE

Die belarussische Regimekritikerin erklärte, Václav Havels Name sei in der demokratischen Bewegung in Belarus sehr bekannt.

„Nicht nur sein Name, sondern auch sein Schicksal ist bekannt. Für uns ist er ein glückliches Beispiel eines Dissidenten, der nicht im Gefängnis starb, sondern ein guter und bekannter Staatspräsident geworden ist.“

Palina Sharanda-Panasjuk wurde im Februar letzten Jahres freigelassen. Sie lebt derzeit in Polen. Die Situation in Belarus hält sie für tragisch, sie bezeichnet sie als einen „stillen Krieg“. Die Dissidentin schätzt, dass drei bis vier Millionen  Menschen von den rund zehn Millionen Einwohnern wegen des Lukaschenko-Regimes gestorben oder emigriert seien.

Das Stück „Perpetuum Havel“ wird im Palác Akropolis in Prag am 4. und 5. Oktober jeweils um 19.30 Uhr aufgeführt. Am 5. Oktober findet noch eine Vorstellung am Vormittag um 11 Uhr statt. Weitere Reprisen gibt es am 20. Dezember um 17 Uhr, am 21. Dezember um 19.30 Uhr und am 28. Februar nächsten Jahres um 17 Uhr. Es gibt noch Restkarten. Mehr erfahren Sie unter www.narodni-divadlo.cz/en/show/perpetuum-havel-UmymnrWnRvC2a_KyhqKeWQ.

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