„Filmische Schnitte, die das Werk spannend machen“ – Dirigent Stefan Veselka über Janáčeks „Jenůfa“
Eine Neuproduktion von Leoš Janáčeks Oper „Jenůfa“ hatte am Donnerstag im Prager Nationaltheater Premiere. Der norwegische Dirigent Stefan Veselka ist derzeit Generalmusikdirektor des Theaters Regensburg und des dortigen Philharmonischen Orchesters. Er hat „Jenůfa“ in Prag musikalisch einstudiert. Martina Schneibergová sprach mit dem Dirigenten kurz vor der Premiere.
Herr Veselka, Sie studieren gerade Janáčeks „Jenůfa“ im Nationaltheater ein. Es ist nicht Ihre erste Erfahrung mit diesem Werk. Worin unterscheidet sich die sehr emotionale „Jenůfa“ von anderen Opern Janáčeks?
„Natürlich sind alle Janáček-Opern sehr emotional. ’Jenůfa‘ ist sehr strukturiert, konzis und knapp, fast wie ein Film. Es sind filmische Schnitte, als wenn wir heute Netflix schauen: Es sind immer kurze Szenen, die sofort ineinander übergehen. Das macht es sehr stringent und unglaublich spannend für die heutigen Zuschauerinnen und Zuschauer. Ich habe ,Jenůfa‘ früher in Frankfurt, in den Niederlanden und in Norwegen einstudiert. Jetzt finde ich es spannend, die Oper hier am Nationaltheater aufzuführen, wo es eine lange Tradition gibt. Es ist eine große Ehre für mich, das Werk in Prag dirigieren zu dürfen. Und es ist auch mein Operndebüt in Prag, deswegen freue ich mich sehr darauf.“
Sie haben zuvor schon im Nationaltheater in Brno dirigiert…
„Ja, das war aber keine dortige Inszenierung, sondern eine Produktion aus Holland mit Regisseur Harry Kupfer. Sie wurde beim Festival ,Janáček Brno‘ aufgeführt.“
Wie ist die Zusammenarbeit mit dem spanischen Regisseur Calixto Bieito?
„Ich denke, es ist die Aufgabe in der heutigen Zeit, die Dinge nicht so zu machen, wie man sie früher gemacht hat – sondern zu versuchen, neue Blickwinkel auf das Stück zu finden.“
„Sehr intensiv. Er kam ein bisschen später dazu, zuvor hatte es seine Assistentin vorbereitet. Ich finde es sehr interessant, denn er hat eine komplett andere Sicht auf das Stück, als es traditionell in Tschechien inszeniert wird. Natürlich werden viele vielleicht sagen: So kennen wir es nicht, es ist nicht das Unsere. Aber ich denke, es ist die Aufgabe in der heutigen Zeit, die Dinge nicht so zu machen, wie man sie früher gemacht hat – sondern zu versuchen, neue Blickwinkel auf das Stück zu finden.“
Calixto Bieito hatte im Prager Nationaltheater vor ein paar Jahren „Katja Kabanowa“ und in der Staatsoper Schulhoffs „Flammen“ inszeniert. Das Prager Publikum könnte ihn also schon kennen. Arbeiten Sie zum ersten Mal mit ihm zusammen?
„Ja. Ich habe natürlich über ihn gelesen und beispielsweise seine ,Tosca‘ in Oslo gesehen. Aber es ist das erste Mal, das ich mit ihm arbeite.“
Die meisten Solistinnen und Solisten, die in „Jenůfa“ singen, kommen vom Opernensemble des Prager Nationaltheaters. Wie finden Sie die Zusammenarbeit mit den Sängern?
„Fantastisch. Viele haben das Werk schon gesungen, und auch das Orchester und der Chor haben das, wie man sagt, unter der Haut. Wir spielen die Brünner Fassung von 1908. Sie ist ein bisschen anders als die Prager Fassung. Janáček wollte nicht diesen opulenten Orchesterklang. Natürlich ist es ein intensiver Klang, sehr roh und manchmal direkt. Das ist wichtig herauszuarbeiten. Er wollte nicht diesen großen romantischen Klang. Und Kovařovic (Operndirektor am Prager Nationaltheater in den Jahren 1900-1920, Anm. d. Red.) hat es bearbeitet. Er hatte damals gedacht, dass Janáček nicht instrumentieren könne. Deswegen hat er das Werk im Orchester sehr aufgebläht. Es klingt auch wunderbar, ist aber eine andere Fassung. Jetzt versuchen wir, die Brünner Originalfassung zu spielen.“
Sie stammen aus Norwegen, haben aber tschechische Eltern. Können Sie sich an die erste Begegnung mit Janáčeks Musik erinnern?
„Ich war zwei oder drei, lag unter dem Flügel mit dem Hund und habe die Werke gehört. Da war mir natürlich nicht bewusst, dass es Janáček war.“
„Wir hatten einen Hund, meine Mutter war Pianistin und hat geübt – Smetana, Dvořák, Janáček. Ich war zwei oder drei, lag unter dem Flügel mit dem Hund und habe die Werke gehört. Da war mir natürlich nicht bewusst, dass es Janáček war. Aber ins Blut kommt das schon rein. Das war meine erste Erfahrung.“
Wie ist Ihre Beziehung zur tschechischen Musik? Als Pianist haben Sie später das komplette Werk von Antonín Dvořák eingespielt…
„Die Musik war für mich quasi ein zweites Heimatland.“
„Das war viel Arbeit, es gibt fünf CDs. Ich habe acht Jahre daran gearbeitet. Meine Eltern hatten die Tschechoslowakei verlassen, wir haben natürlich zu Hause tschechisch gesprochen oder mährisch. Die Musik war für mich quasi ein zweites Heimatland. Es gab eine Art Verbundenheit durch die Musik und durch die Sprache, obwohl ich in Norwegen aufgewachsen bin. Es waren zwei verschiedene Welten, die aufeinander prallen. Aber auch sehr spannend, denn es war eine ideelle Heimat, die ich durch die Musik empfunden habe.“
Während der kommunistischen Zeit durften Sie die Tschechoslowakei natürlich nicht besuchen…
„Meine Oma und Opa mütterlicherseits konnten uns später einmal im Jahr für einen Monat besuchen. Es war jedoch bürokratisch sehr schwierig. Ich glaube, sie kamen drei, vier Jahre hintereinander zu uns. So konnte ich endlich meine Oma und meinen Opa kennenlernen. Das war sehr schön und etwas Besonderes.“
Nach der Wende von 1989 haben Sie erst ihre Besuche nachholen können…
„Da konnte ich erst die Onkel, Tanten und andere Verwandten treffen. Viele von ihnen kommen nun auch zur Premiere nach Prag, ich freue mich darauf.“
Haben Sie eine besondere Beziehung zu einem der tschechischen Komponisten?
„Das ist schwer zu sagen. Janáček ist mir sehr nahe, weil die Musik auch mährisch ist. Der Geigenlehrer meines Vaters, František Kudláček, kannte Janáček sehr gut. Deswegen hat mein Vater viele Geschichten über den Komponisten gehört, er war bei uns zu Hause sehr präsent. Aber Dvořák liebe ich natürlich über alles. Deswegen habe ich die Klavierwerke eingespielt. Smetana liebe ich ebenso. Martinů hat auch tolle Sachen geschrieben.“
Wie bekannt beziehungsweise beliebt ist die tschechische Musik in Skandinavien?
„Sehr. Ich würde sagen, Janáčeks Opern werden oft gespielt und Orchestermusik hauptsächlich von Dvořák. Von Smetana erklingt häufig die Ouvertüre zur ,Verkauften Braut‘. Aber Dvořák ist der meist gespielte tschechische Komponist, würde ich sagen.“
Inwieweit sind Sie von Ihren Lehrern beeinflusst worden – als Pianist und später als Dirigent?
„Zuerst hat mich mein Klavierlehrer Hans Leygraf sehr beeinflusst – vielleicht nicht mit seiner Klaviertechnik, sondern damit, wie er die Werke analysiert hat. Ich vergesse nie, wie er sagte: Wenn ein Stück sehr frei ist, wie zum Beispiel Liszts Klaviersonate, muss man es umso strenger interpretieren. Und wenn man Beethovens Sonaten spielt, die sehr streng komponiert sind, muss man sie viel freier spielen. Damals, als ich sehr jung war, habe ich das nicht ganz verstanden. Aber während ich jetzt älter werde, verstehe ich es mehr und mehr. Als Dirigent ist es mit dem Einfluss schwieriger. Man hat Vorbilder, man sieht und hört Karajan oder Bernstein. Carlos Kleiber war ein Idol. Als Dirigent muss man eine eigene Handschrift finden, man lernt das meiste durch die Arbeit mit verschiedenen Orchestern. Es ist learning by doing, wie die Amerikaner sagen. Karajan hat einmal gesagt, man wird interessant als Dirigent, wenn man über 50 ist. Natürlich gibt es viele junge tolle Dirigenten. Die Erfahrung, die man während der Jahre mit verschiedenen Orchestern sammelt, ist aber Gold wert.“
Kennen Sie persönlich einige der gegenwärtigen tschechischen Dirigenten? Petr Popelka, der Chefdirigent der Prager Rundfunksymphoniker und der Wiener Symphoniker, war eine Zeit lang auch in Oslo tätig…
„Als er in Oslo war, habe ich dort parallel auch etwas gemacht, da haben wir uns kurz getroffen. Robert Jindra habe ich kennengelernt, weil er hier am Haus ist (Jindra ist Musikdirektor des Nationaltheaters Prag, Anm. d. Red.). Natürlich kenne ich auch die Namen von Tomáš Netopil und Jakub Hrůša, aber persönlich bin ich ihnen noch nicht begegnet.“
Die zweite Premiere von Janáčeks Oper „Jenůfa“ findet am Samstag, 24. Mai, im Prager Nationaltheater statt. Die Vorstellung fängt um 19 Uhr an. Es gibt noch Restkarten. Reprisen gibt es am 29. Mai und am 6., 13. und 27. Juni.







