Rückkehr nach 102 Jahren: Otakar Ostrčils Oper „Legenda z Erinu“ im Prager Nationaltheater
Kommende Woche Donnerstag hat eine Neuproduktion der fast unbekannten Oper „Legenda z Erinu“ („Legende aus Erin“) im Prager Nationaltheater Premiere. Das Stück von 1920 stammt von Otakar Ostrčil (1879–1935). Martina Schneibergová hat während der Proben mit dem Musikdirektor des Theaters und Dirigenten Robert Jindra gesprochen.
Herr Jindra, Sie haben gegenüber den Medien erwähnt, Sie wollen eine Art tschechisches Triptychon im Nationaltheater aufführen. Welche Stellung hat dabei diese Oper von Ostrčil?
„Ich denke, Otakar Ostrčil war damals eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Bereiche Operntheater. Er war als Dramaturg, dann als Chefdirigent und als Chef der Oper 15 Jahre lang tätig. Das war wirklich eine große Ära. Ostrčil war nicht nur ein Künstler mit Taktstock, sondern vor allem auch derjenige, der in Prag eine europäische Oper haben wollte. Dieses Jahr vergehen 90 Jahre seit seinem Tod, darum wollten wir eines seiner Werke im Nationaltheater vorstellen. Zuerst dachte ich an sein früheres Stück, ,Vlasty skon‘ (,Vlastas Tod‘). Es ist eine Oper, deren Handlung an Smetana ,Libuše‘ und Fibichs ‚Šárka‘ anknüpft. Aber als ich das Libretto mit dem Regisseur besprach, wurden wir sofort unsicher, weil der Text sehr problematisch ist. Wir suchten weiter, und so habe ich ein für mich total unbekanntes Stück gefunden – ,Die Legende aus Erin‘. Die Musik finde ich schon ganz modern und expressiv. Ich meine, sie ist etwas zwischen Impressionismus und Expressionismus. Ich bin total begeistert, dass wir dieses Stück nach 100 Jahren endlich auf der Bühne in Prag vorstellen.“
Das Libretto stützt sich auf das Stück von Julius Zeyer (1841–1901), einen hervorragenden Schriftsteller, der heutzutage ebenfalls ein bisschen vergessen ist. Ist es auch für die heutigen Theaterbesucher verständlich?
„Julius Zeyer war ein wirklich toller Dichter. Seinen Text finde ich sehr farbenfroh. Für heute sind seine Texte, denke ich, ein wenig archaistisch. Aber trotzdem sind sie immer noch schön. Die Kombination von Zeyers Text und Ostrčils Musik ist absolut ideal. Es gibt bisher keine komplette Aufnahme der Oper, da fühlt man sich wie bei einer Uraufführung. Denn niemand weiß, wie es klingen wird. Wir sind kurz vor der Bühne-Orchester-Probe und sind alle gespannt, wie es klingen und wie dieses Gesamtkunstwerk auf der Bühne wirken wird.“
Wie sind Sie vorgegangen? Denn Sie konnten sich auf nichts stützen – nur auf die Partitur, und die soll kompliziert sein…
„Ich finde die Partitur sehr kompliziert. Sie ist mit solchen von Richard Strauss oder Leoš Janáček zu vergleichen. Die kurzen und scharfen Motive sind für die Holzbläser und für die Streicher technisch sehr schwer. Das Wichtigste ist, nicht nur das richtige Tempo zu nutzen, sondern auch die Atmosphäre zu kreieren. Es muss schön und nicht brutal klingen, denn diese Mythologie braucht das.“
Gibt es Arien in dieser Oper? Oder ist es mehr oder weniger eine Konversationsoper?
„Ich finde, dass dieses Stück wirklich keine Nummernoper ist. Wenn der Zuschauer zum Beispiel Wagners Opern gut kennt, könnte er meinen, Ostrčils große Monologe oder die Konversation zwischen Dermat und Grania sind ähnlich wie bei Wagner. Aber die Musik hat damit gar nichts zu tun, das ist eine ganz andere Welt. Ich bin so gespannt, wie das Publikum darauf reagiert. Aber bis jetzt muss ich sagen, dass ich jeden Tag begeisterter bin. Mir gefällt die Arbeit mit der Partitur. Wenn alles klappt, sind wir meiner Meinung nach auf dem richtigen Weg.“
Sie haben bereits einige Premieren oder Neuproduktionen auch in Deutschland dirigiert…
„Sehr interessant war für mich zum Beispiel, in Essen Reimanns ,Medea‘ einzustudieren. Das war aber eine ganz unterschiedliche Situation. Es gab schon Aufnahmen von diesem Stück, und ich konnte es mit dem Komponisten persönlich besprechen. ,Die Legende aus Erin‘ ist ein Stück, das schon mehr als 100 Jahre existiert. Es wurde jedoch fast nicht aufgeführt.“
Ist dies für das Inszenierungsteam nicht besser?
„Ja, absolut. Es ist Tabula Rasa und für alle einfacher. Aber trotzdem, wir müssen den Stil respektieren und die Farben, die die Partitur braucht, zum Ausdruck bringen.“
Können Sie sich vorstellen, dass die Oper auch das ausländische Publikum ansprechen wird?
„Ja. Dieses Thema aus der Mythologie, die Legende aus Irland, könnte auch für das ausländische Publikum interessant sein.“
Die Premiere der Oper „Legenda z Erinu“ findet im Prager Nationaltheater am 16. Oktober statt. Die Vorstellung fängt um 19 Uhr an. Es gibt noch Restkarten. Die zweite Premiere steht am 19. Oktober auf dem Programm. Reprisen gibt es am 21. und 26. Oktober sowie am 7. und 15. November. Mehr erfahren Sie unter www.narodni-divadlo.cz/en.
Verbunden
-
Sonde in das Unterbewusstsein: Cherubinis „Medea“ im Prager Ständetheater
Eine Neuproduktion von Luigi Cherubinis Oper „Medea“ hatte am Donnerstag im Prager Ständetheater Premiere.
-
Fibichs Oper über den Aufstand der Frauen gegen das Patriarchat: „Šárka“ im Prager Nationaltheater
Nach fast 50 Jahren wird im Prager Nationaltheater wieder Zdeněk Fibichs Oper „Šárka“ aufgeführt. Das Stück wurde von einem internationalen Team einstudiert.














