Geglückte Fluchtaktion: Vor 75 Jahren fuhr der „Freiheitszug“ in den Westen
An diesem Freitag erinnert sich die ganze Welt an die Terroranschläge vom 11. September 2001, also vor genau 25 Jahren. Aber in der tschechisch-deutschen Geschichte gibt es an diesem Datum noch einen Jahrestag: Vor 75 Jahren fuhr nämlich der sogenannte „Freiheitszug“ von Aš nach Bayern und ermöglichte einer Gruppe von Tschechoslowaken die Flucht nach Westdeutschland.
Der Zug mit der Dampflok fuhr zunächst von Prag nach Cheb, und dann als Personenzug Nummer 3717 weiter in die Grenzstadt Aš. Dort sollte die Reise am 11. September 1951 jedoch nicht enden. Denn Lokführer Jaroslav Konvalinka und Fahrdienstleiter Karel Truksa hatten eine Aktion geplant, die zu den bekanntesten Gruppenfluchten aus der kommunistischen Tschechoslowakei gehört.
Der dritte Mitorganisator der Zugentführung war der Arzt Jaroslav Švec. Alle drei waren bis dahin schon als Fluchthelfer im Widerstand gegen das kommunistische System aktiv gewesen. Auf die Waggons war an diesem Tag nun eine Gruppe von insgesamt 27 fluchtbereiten Menschen verteilt, meist Angehörige der drei Organisatoren. Deren Motivation erläutert der Historiker Jan Kalous vom Institut für das Studium totalitärer Regime (ÚSTR):
„Die Flucht folgte aus ihrer antikommunistischen Einstellung und ihren vorangegangenen Bemühungen, gegen das neue kommunistische Regime zu kämpfen, das im Februar 1948 errichtet worden war. Als ihnen klar wurde, dass dies nicht so einfach und nicht möglich ist, entschieden sie sich, die Situation zu nutzen und ins Exil zu gehen.“
Einfach durchgefahren
Die Regimegegner erkannten ihre Chance darin, dass die Gleisverbindung von Aš nach Bayern trotz geschlossener Grenze noch in Betrieb war – allerdings nur für notwenige Kohlelieferungen, nicht aber für Personenzüge. Als der Zug aus Cheb an diesem 11. September in Aš einfuhr, zog Konvalinka diesmal nicht die Bremse, sondern durchfuhr den Bahnhof in hoher Geschwindigkeit. Es war etwa 15 Uhr nachmittags, als die Dampflok die Grenzsperre nach Westdeutschland durchbrach. Gerta Jetlebová saß mit in einem der Waggons und erinnerte sich vor 20 Jahren für das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen (ČT):
„Auf einmal hielt der Zug an. Ich streckte den Kopf aus dem Fenster. Auf dem Feld arbeitete eine Frau, und sie sagte uns, dass wir in Deutschland seien.“
Konvalinka steuerte den Zug dann weiter bis in die Stadt Selb. Mehr als 100 Tschechoslowaken fanden sich dadurch plötzlich im Westen wieder. Die meisten von ihnen kehrten jedoch am nächsten Tag wieder in ihr Land zurück – sie waren nämlich einfache Reisende, die von der Flucht nichts gewusst hatten. Kalous schildert:
„Darunter waren natürlich Schulkinder, aber auch Angehörige der Sicherheitskräfte, also Soldaten und Polizisten. Es waren Ansässige, die in ihrer Region üblicherweise mit dem Zug fahren.“
Obwohl diese Menschen nur durch Zufall in das Ereignis hineingeraten waren, wurden sie zurück in der Tschechoslowakei strengen Verhören unterzogen. Im Westen erregte die geglückte Fluchtaktion sogleich viel Aufmerksamkeit. Das Orchester von Radio Free Europe etwa komponierte eigens ein Lied zu Ehren des Lokführers, es trug den Titel „Mr. Konvalinka“.
Hohe Strafen für Angehörige
Die Menschen in der Tschechoslowakei sprachen bald vom Vlak svobody, vom „Freiheitszug“. Die Regierung hingegen startete eine Propagandakampagne gegen die Flüchtlinge. So war eine Woche später, am 18. September, im Rundfunk zu hören:
„Am 11. September hat eine Gruppe von Terroristen, die von amerikanischen Agenten gelenkt und mit Geld sowie auch Waffen ausgestattet wurden, die Entführung der Reisenden eines Schnellzuges durchgeführt, der von Cheb nach Aš fuhr.“
Freunde und Angehörige der drei Organisatoren, die im Land geblieben waren, wurden im Folgenden von den Sicherheitskräften verfolgt. Im Zusammenhang mit der Fluchtaktion und ihrer Vorbereitung fielen in der ČSSR über 70 Gerichtsurteile, die lange Haftstrafen sowie eine nicht ausgeführte Todesstrafe zur Folge hatten. Die Gleisverbindung zwischen Aš und Selb wurde zudem komplett geschlossen.








