Das Rätsel um den Tod von Jan Masaryk: Exhumierter Leichnam wird untersucht

Die Büste von Jan Masaryk im Černín-Palast

Ist er selbst gesprungen, oder wurde er gestoßen? Auch fast 80 Jahre nach dem Tod des damaligen tschechoslowakischen Außenministers Jan Masaryk ist diese Frage unbeantwortet. Im März 1948 war er unterhalb seiner Dienstwohnung im Ministerium tot aufgefunden worden. Vergangene Woche haben Polizeiexperten den Leichnam exhumiert, um ihn nun zu untersuchen.

Leiche Jan Masaryks im Innenhof des Außenministeriums | Foto: Archiv des Zentrums für die Dokumentation der totalitären Regimen

Außenminister Jan Masaryk weile nicht mehr unter uns, zur großen Trauer des Volkes sei er freiwillig aus dem Leben geschieden. So verkündete es am 10. März 1948 der damalige kommunistische Innenminister der Tschechoslowakei, Václav Nosek. Das war die offizielle Version von Masaryks Tod – dass er Selbstmord begangen habe.

Der Sohn von Staatsgründer Tomáš Garrigue Masaryk starb in der Nacht auf den 10. März nach einem Sturz aus dem Badezimmerfenster seiner Dienstwohnung. Früh am Morgen wurde sein lebloser Körper im Innenhof des Ministeriums entdeckt.

Zweifel an einem Selbstmord

Die Polizei in Lány exhumiert die sterblichen Überreste des ehemaligen Außenministers Masaryk aus der Familiengruft auf dem Friedhof in Lány im Raum Kladno | Foto: Michal Růžička,  MF DNES,  LN/Profimedia

Es war etwa einen Monat nach der Machtübernahme durch die Kommunisten in der Tschechoslowakei. Und sofort kamen Spekulationen auf, dass die offizielle Version der Todesursache vielleicht nicht stimme. Die Rede war von Mord an dem pro-westlichen Politiker. Genau dazu hat das Amt zur Dokumentation und Untersuchung kommunistischer Verbrechen (ÚDV) in Tschechien vor einiger Zeit neue Ermittlungen aufgenommen. Derzeit wird der Leichnam von Jan Masaryk mit moderner Kriminaltechnik untersucht. Dazu wurde er vergangene Woche exhumiert. Unter anderem soll herausgefunden werden, was es mit einer angeblichen Wunde hinter Masaryks rechtem Ohr auf sich hat. Jan Kalous ist Historiker am Institut für das Studium totalitärer Regime (ÚSTR):

Jan Kalous | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

„Gemäß jener Leute, die sich mit Masaryks Todesfall beschäftigt haben, könnte diese Wunde von einer Kugel, einem Stich oder von etwas anderem stammen. Dazu könnten die neuen Untersuchungen eine Aufklärung bringen.“

Keine weiteren Verletzungen

Jan Masaryks Grab befindet sich auf dem Friedhof von Lány vor den Toren Prags. Für die Exhumierung wurde das Areal für zwei Tage gesperrt. Der Gerichtsmediziner Jiří Hladík, der die Exhumierung begleitet hat, äußerte sich im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen (ČT). Demnach ist der Körper von Masaryk wegen der Bodenfeuchtigkeit vor Ort konserviert wie eine Wachsleiche. Dadurch sei auch die Haut nicht zerfallen…

Jiří Hladík | Foto: YouTube

„Das weiche Gewebe, damit meine ich die Haut, ist nur durch das Seziermesser beschädigt, aber durch nichts anderes. Hätte es eine Verletzung durch einen weiteren scharfen Gegenstand, durch eine Schusswaffe oder stumpfe Gewalt am Kopf gegeben, wäre das zu erkennen. Doch nichts dergleichen war zu erkennen“, so Hladík weiter.

Aber es gibt womöglich noch weitere Spuren, die auf eine eventuelle Fremdeinwirkung hindeuten, die zum Tod von Masaryk geführt haben könnte. Václava Jandečková ist Vorsitzende des Vereins zur Erforschung der Verbrechen des Kommunismus. Sie verweist auf die Zeugenaussagen der Nachkommen des Pathologen, der vor 78 Jahren Masaryks Körper untersucht hat. Demnach sollen an diesem auch blaue Flecken festgestellt worden sein, die eventuell nicht vom Sturz herrührten.

Václava Jandečková | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Er hatte Blutergüsse und Abschürfungen am ganzen Körper. Zugleich kamen dem Pathologen die Füße nicht ganz gehörig vor, konkret die Fußsohlen. Das hat seinen Worten nach auch von stumpfer Gewalt herrühren können“, sagte Jandečková in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks

Masaryks Leichnam wurde nach der jetzigen Exhumierung unter anderem per Computertomographie, 3D-Scan und Röntgen untersucht. Er ruht bereits wieder in seinem Grab. Nun läuft die Analyse der Aufnahmen. Die Polizei hat noch keine weiteren Informationen veröffentlicht.

Psychische Probleme und innere Kämpfe

Jan Masaryk | Foto: Profimedia

Bis heute sind sich die Forscher nicht einig, welche Version für den Tod von Jan Masaryk richtig ist. Der bereits zitierte Historiker Jan Kalous tendiert eher zur These des Selbstmords. Er erinnert daran, dass der damalige Außenminister unter großem Druck stand, psychische Probleme hatte und innerlich schwer mit der kommunistischen Machtübernahme zu kämpfen hatte:

„Dieser Machtwechsel stellte für ihn eine problematische Hürde dar. Das haben Menschen aus seinem Umfeld angedeutet, wie seine Sekretäre. Aber natürlich lasse ich ein gewisses Maß an Möglichkeit zu, dass man auch zu einer anderen Erkenntnis kommen kann.“

Zuletzt haben sich die Kriminalisten im Jahr 2021 mit dem Fall beschäftigt. Damals war im Archiv des Tschechischen Rundfunks eine historische Aufnahme aufgetaucht, die ausgewertet wurde – aber letztlich keine neuen Erkenntnisse brachte.

Autor: Till Janzer | Quellen: Český rozhlas , Česká televize , ČTK
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