„Meine Mama, der Böhmerwald und ich“ – die Bildergeschichte von Elisabeth Donoughue

Am Treffen der Nachfahren, das vor einem Monat in der Böhmerwaldgemeinde Kvilda / Außergefild stattgefunden hat, nahm auch Elisabeth Donoughue teil. Sie zeigte dort mehrere ihrer Zeichnungen, die durch die Heimatregion ihrer Vorfahren inspiriert worden sind. Martina Schneibergová hat bei dieser Gelegenheit mit Elisabeth Donoughue gesprochen.

Frau Donoughue, Ihre Mutter stammte aus dem Böhmerwald – aus welchem Ort konkret?

Elisabeth Donoughue | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Meine Mutter kam aus Rabitzerheid (Hrabická Lada, Anm. d. Red.), das liegt in der Nähe von Neugebäu / Nový Svět und von Borová Lada – früher Ferchenhaid. Winterberg (Vimperk, Anm. d. Red.) ist die nächste Stadt.“

Der Zyklus von Zeichnungen, den Sie hier präsentieren, ist dank Ihrer Mutter oder für sie als Erinnerung entstanden?

„Das ist eine lange Geschichte. Meine Mutter hat mir schon immer vom Böhmerwald erzählt, als ich noch ein Kind war. Irgendwann wurde mir das Zeichnen dann ein großes Bedürfnis. Ich habe als Kind auch schon Bildergeschichten gezeichnet und vor etwa zwölf Jahren dann intensiv damit angefangen. So setzen sich die Fragmente zusammen, ähnlich wie ich auch immer wieder Scherben gefunden habe und versuchte, diese zusammenzusetzen.“

Haben Sie mit Ihrer Mutter ihren Heimatort im Böhmerwald besucht?

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Wir sind sehr oft hergefahren. Es gab so einen Punkt, als ich versucht habe, für sie sowas wie eine Versöhnung hinzubekommen. Ich habe sie zu einem Zeitzeugenprojekt der Universität Augsburg bei Frau Professor Marita Krauss gebracht. Dieses wurde von Sarah Scholl-Schneider betreut. Für meine Mutter war ganz wichtig, dass sie ihre Geschichten erzählen konnte. Die hat sie auch aufgeschrieben, daher habe ich verschiedene Quellen. Wir sind aber auch ganz oft hergefahren, und mein Bedürfnis war, hier in Tschechien zu übernachten. Sonst fuhren wir immer nur schnell her und dann wieder zurück. Meine Mutter hatte auch anfangs viele Ängste. Durch verschiedene Versöhnungsaktionen, wie zum Beispiel die Rekonstruktion des Friedhofs in Neugebäu und der Martinskirche, haben sich dann ihre Vorbehalte aufgelöst. Und ich habe eine Familie gefunden, wo wir übernachten konnten. So konnte ich diese Landschaft ,aufsaugen‘, in mich aufnehmen. Es war für mich wie ein Wiedererkennen, ich habe eine ganz besondere Beziehung zu dieser Landschaft. Dann hat meine Mutter erzählt. Je älter sie wurde, je öfter und je länger wir da waren, desto mehr Erinnerungen kamen hervor. Ich habe mitnotiert und auch gezeichnet – das ist mein Fundus, daraus entstehen meine Geschichten.“

Hat Ihre Mutter den Böhmerwald auch schon vor der Wende besucht?

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Ja, da gibt es diese Geschichte von 1977, als sie das erste Mal da gewesen war. Sie hat den Friedhof gefunden, aber das Haus war weg, die Kirche war weg. Ich war damals nicht dabei. Sie haben in den Grabsteinhaufen herumgesucht und versucht, das Grab vom Urgroßvater zu finden. Dann kam jedoch ein Soldat und hat ihnen die Pässe abgenommen. Das war für meine Mutter wie eine Retraumatisierung. Sie hat furchtbar Angst gehabt und dann gesagt, sie komme nie mehr in dieses Land. Dabei ist es jedoch nicht geblieben. Es gab danach immer wieder einige Fahrten – wie beispielsweise zu der Tusset-Kapelle. Aber dieses längere Bleiben, das hat sie erst mit mir gemacht.“

Schauen wir uns die Zeichnungen an. Sie haben sie fast immer mit einigen Sätzen oder einem Satz ergänzt. Wie entstanden diese kurzen Texte?

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Das sind unterschiedliche Stadien, die wir hier sehen. Das oberste Bild basiert auf dem ältesten Foto des Hauses. Da sind der Urgroßvater und die Uroma mit den beiden kleinen Kindern abgebildet. Als hätte eines der Kinder an die Tante geschrieben und gesagt, wie groß sie schon sind:  ‚Schau mal, liebe Tante!‘ Sie haben diese Karte jedoch nie abgeschickt. Das muss ein Foto gewesen sein, nicht von Seidel, aber von einem der fahrenden Fotografen. Damit habe ich angefangen, das war um 2008 herum. Das andere, da habe ich sozusagen mein eigenes Programm – das nennt man Storyboard, so ganz kleine Zeichnungen. Die habe ich dann einfach mit großer Schrift übersetzt und sage da, was ich gerne getan hätte: nämlich meine Mutter von diesem Schmerz zu erlösen.“

Stützen Sie sich viel auf die alten Fotos?

„Ja. Wir haben das Glück, dass wir ein Fotoalbum aus der Zeit vor dem Krieg oder aus der Kriegszeit haben, weil einer der Großonkel eine Kamera hatte und viel fotografiert hat. Für mich ist das Zeichnen ein Medium, mehr über meine Vorfahren zu verstehen, mich in sie hineinzuversetzen und sie einfach auch wieder lebendig werden zu lassen.“

Als Sie damit anfingen, haben Sie das für sich und Ihre Mutter gemacht? Oder auch dafür, das einmal der Öffentlichkeit zu zeigen?

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Wenn man etwas zeichnet, dann möchte man das irgendwann auch zeigen. Und mein Bedürfnis war, dass auch Erzählungen entstehen. Es gibt verschiedene Ebenen. Natürlich ging es auch darum, meiner Mutter so etwas wie ein Geschenk zu machen. Hoffentlich sind auch Nachfahren in unserer Familie daran interessiert, die nicht mehr so den Bezug haben. Aber für mich selber ist das Zeichnen auch ein Erkenntnisprozess. Ich bin jetzt dieses Jahr dabei und sage, ich zeige die Zeichnungen, auch wenn es ein Zwischenstand ist. Es entsteht immer noch etwas, und es sind Fragmente und einzelne Sequenzen, die vielleicht noch mehr verbunden werden sollen. Ich bin jetzt zu so einer Zwischenlösung gekommen. Wenn letztendlich ein Buch daraus werden will, dann muss es natürlich ein bisschen vereinheitlicht und überall Schrift eingefügt werden, und man braucht Übergänge.“

Ein Buch in der Form eines Comics?

„Ich stelle mir eine Graphic Novel vor. Es ist  kein typischer Comic, sondern es sind eher Bildergeschichten, die mit wenig Text auskommen. Oft ist dies eine innere Stimme. Sie geht von meiner Mutter aus, weil ich O-Töne von ihr habe. Manchmal ist es aber auch meine eigene Stimme. Und manchmal gibt es Dialoge. Das alles ist immer sehr nah an der Realität.“

Einige der Bilder unterscheiden sich von den anderen durch die Farbe…

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Fast alles ist bei mir schwarz-weiß und mit Bleistift gezeichnet. Ich habe dann eine sehr positive Erfahrung gemacht und gedacht, jetzt probiere ich mal etwas mit Farbe. Mit der Abklatschtechnik gestaltete ich diese Sequenz mit den Farben grün und blau. Für mich ist es ganz wichtig, dass inzwischen auch Verbindungen entstanden sind, also Beziehungen zu Menschen, die hier leben. Das Museum in Außergefild spielt dabei eine wichtige Rolle. Ich habe einmal ein Projekt gemacht an der Grundschule in Borová Lada. Der Leiter des Museums, Radek Thér, hat mich zudem durch sein Interesse an den Zeichnungen sehr ermutigt.“

Darum nehmen Sie auch an diesem Treffen der Nachfahren in Kvilda (Außergefild) teil?

„Tatsächlich. Das ist eine Verbindung, die über das Museum entstanden ist. Dort habe ich Heidi kennenlernen können, die das Treffen organisiert. Für uns beide als Angehörige der zweiten Generation ist die Herkunft wichtig. Wir möchten nicht geschichtsvergessen leben. Wir denken zudem, dass es in der Familie zu transgenerationalen Weitergaben kommt. Und dass es einfach eine Verpflichtung sowie eine wunderschöne Aufgabe ist, sich damit zu beschäftigen, was die Vorfahren gemacht haben.“