Ausstellung „Devade“: Prager Architektur der 1990er zwischen Strenge und Disco

Blick auf Hradčany mit dem Hotel Don Giovanni

Die tschechischen 1990er Jahre waren wilde Jahre. Sie bedeuteten den Einzug des Kapitalismus in Tschechien und das Ausleben der neu gewonnenen Freiheit. Dieser Wandel spiegelte sich auch in der eigenartigen Architektur des Jahrzehnts wider. Mit ihr befasst sich die neue Ausstellung „Devade“ im Prager Centre for Architecture and Metropolitan Planning.

CAMP | Foto: Klára Škodová,  Tschechischer Rundfunk

Im Herzen Prags befindet sich das „Camp“ – das Centre for Architecture and Metropolitan Planning. Nun wurde dieses Kulturzentrum von den wilden 1990er Jahren in Tschechien erfasst – konkret von der kontroversen Architektur dieser Epoche. Mit ihr befasst sich eine neue Ausstellung des Kreativ-Kollektivs Matěj Beránek, Jan Bureš, Radek Šrettr Úlehla und Adéla Vaculíková.

Der Titel der Schau lautet „Devade“. Es ist die Abkürzung des tschechischen Begriffs „devadesátky“ – also der 1990er. Die Ausstellung basiert auf dem gleichnamigen Buch, in dem die genannten Autoren 30 ausgewählte Gebäude aus den Jahren 1989 bis 2004 vorstellen. Warum wird die Architektur der 1990er Jahre bis heute oft verurteilt? Das hat Radio Prag International den Direktor des „Camp“, Štěpán Bärtl, gefragt…

Štěpán Bärtl | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk

„Sie hat auf jeden Fall einen Ruf und ruft viele Emotionen hervor. Diese können sowohl positiv als auch negativ sein. Es war eindeutig eine Zeit der extremen Freiheit in jeder Hinsicht. Und Architekten wie alle anderen Berufe mussten damit umgehen. Wir nennen dieses Buch und die Ausstellung ‚Zwischen Strenge und Disco‘. Auf der einen Seite gab es die Suche nach einer Kontinuität zur funktionalistischen Architektur der Zwischenkriegszeit und zu Bauformen, die wir in der Tschechoslowakei hatten. Und auf der anderen Seite gab es Disco: sehr grell, viele Farben und Formen. Genau das ist das Schöne daran. Jeder hat eine Meinung dazu“, so Bärtl.

Missverstandene Architektur

Überall in Tschechien sind zum Beispiel auffällig gestaltete Einfamilienhäuser aus der Zeit der Privatisierung zu sehen. Sie wurden als moderne und pompöse Residenzen in Dörfern und Städten gebaut – überwiegend eben in den 1990ern. Für diese Protzbauten hat sich der Begriff „Unternehmerbarock“ durchgesetzt. Denn vor allem die Villen der Unternehmer sahen wie kleine Barockschlösser aus. Genau diese teils geschmacklosen Gebäude verbindet die tschechische Gesellschaft mit der Zeit. Die Ausstellung und das Buch würden diese Sicht jedoch verändern wollen, sagt Bärtl:

Palác Myslbek | Foto: Radio Prague International

„Meist sind es die klischeehaftesten oder auffälligsten Gebäude, die im Gedächtnis bleiben. Doch das Buch und die Ausstellung umfassen 30 Gebäude und 30 Themen. An vielen dieser Gebäuden kommt man täglich vorbei, wie zum Beispiel dem Palác Myslbek, von dem man dachte, er wäre eine Katastrophe für das Prager Stadtzentrum. Aber jetzt, 30 Jahre später, ist er da. Er ist in seine Umgebung eingewachsen, und er funktioniert. Auch diese Gebäude gehören zu den 1990ern – sie zeigen die strengere, nüchternere Seite der Architektur.“

Das Projekt „Devade“ stellt die Architektur nach der Zeitenwende zwar mit offenem Blick dar. Sie wird weder verspottet noch verurteilt. Trotzdem wird die Ausstellung durch satirische Memes des Kollektivs „Dynamický blok“ ergänzt, die die Jahre nach dem Fall des Kommunismus humorvoll beleuchten.

Tanzendes Haus | Foto:  Radio Prague International

„Das Buch ist ernsthafte Forschung. Aber es gibt auch den Versuch, dass wir ein wenig über uns selbst lachen. Denn wenn man sagt, etwas sei ‚90er‘, hat das bestimmte Konnotationen. Deshalb haben wir das Kollektiv ‚Dynamický blok‘ (‚Dynamischer Block‘, Anm. de. Red.), eine sarkastische Plattform, eingeladen, ihre Sichtweise auf das Jahrzehnt beizusteuern. Das mag manch einem kontrovers erscheinen. Aber obwohl 30 Jahre vergangen sind, scheinen die 1990er immer noch sehr zu sein – und deshalb haben viele Menschen starke Meinungen dazu. Diese Ausstellung könnte auch jemanden verärgern, aber ich denke, sie ist ein ernsthafter Versuch, sich einer Art von Architektur zu widmen, um die sich bisher noch niemand richtig gekümmert hat. Über die Nachkriegsarchitektur wurde bereits viel geforscht und diskutiert – aber oft erst, wenn es um ihren Abriss ging. Dies ist ein Versuch, dem zuvorzukommen. Denn die Leute werden fragen: ‚Sollen wir das erhalten?‘ – Das Tanzende Haus in Prag werden sie wahrscheinlich nicht abreißen. Aber die Diskussionen werden kommen“, meint Štěpán Bärtl.

Eine Ikone der Prager Architektur aus der Zeit ist das Hotel Don Giovanni. Es wird oft als Symbol des Kitsches der 1990er wahrgenommen. Das monumentale Gebäude mit seiner rosafarbenen Fassade ist im Prager Stadtbild nicht zu übersehen. Bis heute wird es oft scharf kritisiert und verspottet. Bärtl hat aber andere Meinung:

„Ich liebe das Hotel – zumindest von außen. Ich wohne ziemlich nah dran. Vielleicht ist es das Stockholm-Syndrom, aber ich mag es wirklich.“

Don Giovanni hotel | Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk

Vom Kitsch zum Kulturerbe

PVT-Gebäude | Foto: Radek Šrettr Úlehla,  CAMP

Die 1990er Jahre spalten die Gesellschaft bis heute. Die Gebäude, die sie uns beschert haben, werden gehasst und geliebt. Doch wie sieht ihre Zukunft aus? Könnten sie eines Tages zum Kulturerbe werden?

„Ja, definitiv. Und allgemein wird inzwischen viel öfter diskutiert, ob man Gebäude überhaupt abreißen sollte. Vielleicht sollte man eher neue Wege finden, sie zu nutzen. Das ist natürlich ein extremes Beispiel. Aber wenn man die 1990er als Sammlung von Themen betrachtet, entstehen viele Möglichkeiten – mit all ihren Herausforderungen. Ein Thema lautet etwa: Wie baut man eine funktionierende Stadt? Viele dieser Fragen wurden erstmals nach der politischen Wende gestellt, und wir beschäftigen uns immer noch mit ihnen“, erläutert der Experte.

Innenausstattung des Hilton Hotels Prag | Foto: Radek Šrettr Úlehla,  CAMP

Architekten orientieren sich zur Inspiration an der Vergangenheit. In den Städten knüpfen sie an die dortige historische Bebauung an und gehen von bestehenden Formen aus. Das Lernen aus den Werken früherer Generationen spielt eine wichtige Rolle für das Bauen der Zukunft. Was sollte man aus den 1990er Jahren mitnehmen? Štěpán Bärtl:

„Ich bevorzuge Disco, aber das ist wohl Geschmackssache. Lernen können wir aber definitiv etwas: In den 1990ern ging vieles sehr schnell – von der Baugenehmigung bis zur tatsächlichen Fertigstellung. Nach 2000 hat man sich dann davor etwas gefürchtet und alles wieder verlangsamt. Und jetzt versuchen wir es wieder zu beschleunigen, aber vorsichtig. Es ist Aktion und Reaktion:

Die Kirche in Strašnice  | Foto: Radek Šrettr Úlehla,  CAMP

Die 1990er waren ein enormer Energieschub – positiv wie negativ. Danach kam die Gegenreaktion. Und jetzt versuchen wir, mit etwas Abstand auf diese Zeit zu blicken, auch wenn der Abstand noch relativ gering ist.“

Reichen aber 30 Jahre aus, um diese Epoche objektiv zu untersuchen? Die Sicht des „Camp“-Direktors:

„Ich denke schon. Interessant ist auch, dass die Autoren – Matěj Beránek, Adéla Vaculíková, Radek Úlehla und Jan Bureš – alle in den 1990ern geboren sind. Sie haben einen ganz anderen Blick auf die Zeit: ohne Nostalgie, aber auch ohne negative Assoziationen. Das ist eine frische Perspektive. Und im Begleitprogramm zur Ausstellung wollen wir viele Architekten, die in den 1990ern gebaut haben, dazu einladen, in einen Dialog zu treten. Es geht nicht darum, was wir über diese Zeit denken, sondern darum, einen Schritt zurückzutreten und die Dekade mit etwas Abstand zu betrachten.“

Radek Šrettr Úlehla,  Adéla Vaculíková,  Jan Bureš und Matěj Beránek | Foto: CAMP

Nicht zuletzt spricht Bärtl über seine Lieblingsbauten aus den tschechischen 1990ern. Sein Favorit steht ebenfalls auf der Liste der ausgewählten 30 Bauten, und viele Besucher Prags dürften ihn kennen:

Prag – U-Bahnhof Rajská zahrada | Foto: Radek Šrettr Úlehla,  CAMP

„Ich mag tatsächlich die Metrolinie B sehr, die in den 1990ern gebaut wurde. Ich finde die Stationen großartig gestaltet und sehr gut gemacht. Das ist vielleicht keine offensichtliche Wahl, denn das Tanzende Haus ist die große Ikone, aber Stationen wie Rajská zahrada oder Lužiny, die über der Erde liegen, sind wirklich gut gelungen.“

Prager Ausstellungsgelände – Křižík-Pavillons,  Pyramide und Spirale | Foto: Radek Šrettr Úlehla,  CAMP

Der Brückentunnel der Metrolinie B, der mitten durch eine Plattenbausiedlung am westlichen Stadtrand Prags hindurchführt, zählt zu den überraschenden ingenieurtechnischen Leistungen zu Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre. Die Stahlkonstruktion wurde in den legendären Vítkovice-Stahlwerken in Ostrava / Ostrau gefertigt. Zugleich war es erst die zweite Stelle, an der die Prager Metro aus dem Untergrund an die Oberfläche trat.

Der breitere gesellschaftliche Kontext jener Zeit wird bei der Ausstellung in einer großformatigen Videomontage dargestellt. Besucher können dies von den repräsentativen Olga-Stühlen aus verfolgen, die der Glasmacher Bořek Šípek in den 1990er Jahren für den Spanischen Saal der Prager Burg entworfen hat.

Die Ausstellung „Devade“ im Prager Centre for Architecture and Metropolitan Planning (Camp) ist noch bis 17. Mai zu sehen. Die Öffnungszeiten sind täglich außer montags von 9 bis 21 Uhr.

Autoren: Tadeáš Redlich , Hannah Vaughan
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