Glaspalais – Wohnluxus für Prags Mittelschicht in der Zwischenkriegszeit

Glaspalais, 1937

Eine Sonnenterrasse mit einer Bar, eine Tiefgarage, ein Luftschutzbunker, ein Spielplatz und ein Tennisplatz... Das Glaspalais von 1937 war für seine Zeit außergewöhnlich, nicht nur in Prag, sondern in ganz Europa.

Das Glaspalais befindet sich auf dem Platz der Freiheit (náměstí Svobody) im Prager Stadtteil Bubeneč. Dieses sehr luxuriöse Wohnhaus aus der Zwischenkriegszeit, das schon vor fast 90 Jahren einen hohen Lebensstandard bot und attraktiv aussah, steht heute unter Denkmalschutz. Architekturhistoriker Miroslav Pavel führt durch das Gebäude:

„Ich persönlich finde das Glaspalais unter anderem deshalb einzigartig, weil es sich nicht ganz in die Umgebung einfügt. Der gesamte Plan für das umliegende Stadtviertel wurde 1926 ausgearbeitet. Von dem runden Siegesplatz ausgehend begegnen wir Stilen, die das nationale Bewusstsein widerspiegeln, also dem Neoklassizismus, dem nationalen Stil. Das Glaspalais hingegen wird dem tschechischen Funktionalismus zugerechnet.“

Tschechischer Funktionalismus

Das Mietshaus wurde 1936–1937 nach Entwürfen von Richard Podzemný gebaut:

Glaspalais | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk

„Podzemný legte Pläne für einen Bau vor, der vollständig und perfekt den fünf Punkten der modernen Architektur folgt, die der Schweizer Architekt Le Corbusier formuliert hat. Die Besonderheit des Hauses liegt darin, dass es auf einem Eckgrundstück steht und sich vollständig zur Umgebung hin öffnet. Es kommt zur natürlichen Interaktion zwischen dem Bau und dem großen Platz, dessen natürliche Dominante das Gebäude bildet.“

Der Name „Glashaus“ beziehungsweise „Glaspalais“ stammt nicht vom Architekten Richard Podzemný. Er entstand im Volksmund, denn die Öffentlichkeit war von dem Gebäude mit den großen Fenstern begeistert. Der größte Teil der Fassade ist verglast, der Rest mit weißen Keramikfliesen verkleidet:

Architekturhistoriker Miroslav Pavel | Foto: Klára Stejskalová,  Radio Prague International

„Das Haus reicht mit seinen Flügeln in alle Himmelsrichtungen und ist, auch im Erdgeschoss auf Straßenebene, komplett mit Scheiben versehen. Das war im sechsten Prager Stadtbezirk etwas völlig Neues. Die Verwendung eines Stahlbetonskeletts ermöglichte es, die Fassaden mit verglasten Öffnungen zu versehen.“

Miethaus mit Komfort wie in Luxusvilla

Richard Podzemný siegte mit seinem Entwurf in einem Wettbewerb, der von der Landesbank (Zemská banka) ausgeschrieben wurde. Laut Miroslav Pavel hat Podzemný in seiner Arbeit zwei damals aktuelle Pole verbunden, mit denen sich die Architektur in der Tschechoslowakei auseinandersetzte:

„Erstens ging es darum, den sozialen Bedarf zu decken und Wohnraum für sozial Benachteiligte zu schaffen. Und zweitens gab es bereits eine wachsende Mittelschicht, die repräsentative Wohnungen benötigte. Das Glaspalais vertritt eben diese zweite Richtung. Ein ähnliches Haus von Podzemný finden wir in Kutná Hora, wo er ein Wohnhaus für die tschechische Sparkasse (Česká spořitelna, Anm. d. Red.) entwarf. Dort hat er zum Beispiel die Balkons und Wintergärten von hier wiederholt. Den Gegenpol im Sinne einer bescheidenen Architektur vertreten seine Wohnungen für ärmere Menschen im Prager Stadtteil Libeň, die er in derselben Zeit wie dieses Palais entworfen hat.“

Innenraum des Glaspalais | Foto: Klára Stejskalová,  Radio Prague International

Der repräsentative Eingang ins Glaspalais führt durch eine große Halle, die Kunstwerke schmücken. In der Mitte dominiert die Skulptur einer knienden Frau mit einem Kind, die Bedřich Stefan geschaffen hat:

„Beiderseits gibt es Marmorplatten mit Keramikreliefs von Jan Lauda, die Frauen mit Blumensträußen darstellen. Darüber hinaus wurden hier in Richtung der Gänge geätzte Glastafeln mit Tierdarstellungen von Jan Bauch angebracht.“

Im Erdgeschoss des Hauses befinden sich heute ein Festsaal, das Informationsbüro des sechsten Prager Stadtbezirks sowie Ausstellungs- und Ladenräume.

Einbaumöbel, Klimaanlage und Fußbodenheizung

Das monumentale Haus hat einen trapezförmigen Grundriss – sein zentraler siebenstöckiger Teil ist auf den Freiheitsplatz ausgerichtet, daran schließen zwei kürzere sechsstöckige Seitenflügel an. Dort befinden sich die Wohnungen:

Glaspalais | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk

„In die oberen Etagen gelangt man dank Aufzügen. Diese waren seinerzeit münzbetrieben, was heute natürlich nicht mehr der Fall ist. Die einzelnen Wohnungen hatten die Besonderheit, dass sie einen Ausblick in alle Himmelsrichtungen boten. Es wurde darauf geachtet, dass ein Teil der Wohnung nach Süden ausgerichtet war und gleichzeitig auch die anderen Bereiche lichtdurchflutet waren. Diese Besonderheit konnte durch den Grundriss erreicht werden. Denn durch jedes einzelne Stockwerk verläuft ein Verbindungsgang, von dem aus man die einzelnen Wohnungen betritt.“

Die Größe der Wohnungen variiert von Studio- bis Vierzimmerwohnungen, die meisten verfügen jedoch über zwei Zimmer. Die überwiegende Mehrheit der Wohneinheiten hat entweder eine Loggia oder einen Wintergarten.

„Die Wohnungen wurden unter anderem mit Einbaumöbeln ausgestattet. Außerdem gab es hier eine Klimaanlage und eine Fußbodenheizung. In den Bädern gab es sogar eine Heizung in den Wänden, was auch heute noch nicht üblich ist.“

Dem Architekturhistoriker Pavel zufolge war das Gebäude für seine Zeit nicht nur in Prag, sondern in ganz Europa außergewöhnlich. Dies liege unter anderem an der vollständigen Trennung des Wohnraums und des technischen Bereichs. Es habe dort zum Beispiel die zentrale Müllabfuhr gegeben, sagt er:

Glaspalais | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk

„Das Gebäude war für die Bewohner so angelegt, dass sie mit dem Auto ankamen und direkt vom Platz in die Tiefgarage fuhren. Von dort aus konnten sie zu den Wohnungen in den oberen Stockwerken gelangen. Gleichzeitig befanden sich im Untergeschoss neben der Tiefgarage auch etwa die Wäschereien und Trockenräume. Das sind Räumlichkeiten, in die nicht die Eigentümer selbst, sondern die Bediensteten gingen.“

Die Garagen wurden durch Oberlichter mit Glassteinen im Hof erhellt. Und im Untergeschoss befand sich auch ein Luftschutzbunker.

Garten, Tennisplatz, Dachterrasse

Für die Besitzer und Bewohner war aber vor allem das Erdgeschoss bestimmt:

„Über den Garagen gab es einen gemeinsamen Garten, einen Tennisplatz und einen Kinderspielplatz. Das trug dazu bei, dass sich in dem Gebäude gesellschaftliches Leben abspielte. Es war also nicht einfach nur ein Mietshaus, sondern ein Kompromiss zwischen dem Leben in einem Privathaus, vielleicht einer Villa, und dem Leben in der Großstadt. Dieses Haus war in der Lage, beide Aspekte zusammenzufügen.“

Das Angebot für die Hausbewohner und ihre gemeinsamen Freizeitaktivitäten ging mit dem Dach weiter:

„Dort befand sich eine Terrasse zum Sonnenbaden, es gab dort Duschen und sogar eine Bar für die Einwohner. Das entspricht dem großen Traum von Le Corbusier. Ihm zufolge sollte das Haus im Erdgeschoss mit seiner Umgebung interagieren und nicht zu viel Raum einnehmen. Auf dem Dach sollte es einen zweiten Garten geben oder einen Raum, in dem die Bewohner ihre Freizeit verbringen können. Das bedeutet, den verfügbaren Raum vollständig zu nutzen.“

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