Mährisch-Ostrauer Offensive 1945: Erbitterter Kampf um die frühere Tschechoslowakei
Das sogenannte „Protektorat Böhmen und Mähren“ blieb im Zweiten Weltkrieg relativ lange von Kampfhandlungen verschont. Die vergleichsweise heftigsten Gefechte entfachte erst die Mährisch-Ostrauer Offensive der Roten Armee, die von tschechoslowakischen Truppen unterstützt wurde. Diese Militäroperation begann vor 80 Jahren.
Während die große Winteroffensive bereits rollte, versuchte die Rote Armee ab 10. März 1945 zusätzlich, im Süden von Polen und dem Westen der Slowakei ins „Protektorat Böhmen und Mähren“ vorzudringen. Dieser Versuch heißt auf Deutsch „Mährisch-Ostrauer Operation“ und auf Tschechisch „Ostravsko-opavská operace“, also: Ostrau-Troppauer Operation. Gemeint sind die Städte Ostrava / Ostrau und Opava / Troppau als wichtigste Zentren in dem damals umkämpften Gebiet.
Der Historiker Jiří Neminář vom Muzeum Hlučínska in Hlučín / Hultschin hat sich mit den Umständen dieser Offensive befasst. Um die Bedeutung dieser Kamphandlungen richtig einzuordnen, empfiehlt er einen Blick auf die Landkarte:
„Das mährisch-schlesische Gebiet in der Nähe von Ostrau lag nicht in der Hauptrichtung des sowjetischen Angriffs. Das wichtigste Ziel war Berlin. Es handelte sich also um einen Flügel. Diesen mussten die Sowjets aber sichern.“
Denn die Rote Armee fürchtete einen deutschen Angriff von dieser Seite. Doch nicht die Industriestadt Ostrau war das eigentliche Ziel der Offensive, obwohl dies später die Propaganda in der kommunistischen Tschechoslowakei gerne so darstellte. Vielmehr sei es den Sowjets um die Mährische Pforte gegangen und der Wehrmacht darum, genau diese zu verteidigen...
„Denn wenn man über die Mährische Pforte kommt, kann man bis nach Wien vordringen. Dadurch wären die deutschen Streitkräfte weiter südlich bedroht gewesen, oder es bestand sogar die Möglichkeit, dass einige Truppenteile in Ungarn oder der Slowakei eingekesselt würden“, so der Experte.
Die Mährische Pforte ist die Talwasserscheide zwischen den Einzugsgebieten der Oder und der March. Sie ist der flachste Landschaftsteil zwischen Erzgebirge und dem Karpatenbogen.
Bunte tschechoslowakische Einheit
Die Offensive habe also vor allem strategische Bedeutung gehabt, betont Neminář. Nimmt man die Zahl der Soldaten und den Umfang der Militärtechnik, dann war sie nach Erkenntnissen der Experten die größte militärische Operation auf tschechischem Boden. Doch genaue Zahlen gebe es nicht, betont Neminář, und sagt:
„Man schätzt zwischen 100.000 und 150.000 Soldaten auf beiden Seiten. Die Stärke der Streitkräfte wurde aber im Laufe der Offensive aufgestockt. Am Ende sind es dann über 300.000 gewesen.“
An der Rückeroberung dieser Gebiete beteiligten sich auch tschechoslowakische Truppen, die in der Sowjetunion gebildet worden waren. Sie hatten in der Folge zum Beispiel Kiew mit befreit und waren am Dukla-Pass in der Slowakei von den deutschen Verbänden zurückgeschlagen worden. Und weiter der Historiker:
„Von dem tschechoslowakischen Armeekorps, das in der Slowakei gekämpft hatte, wurde die Panzerbrigade abgetrennt und in Richtung Ostrau geschickt. Zudem wurde die tschechoslowakische gemischte Fliegerdivision eingesetzt, sie bestand aus drei Regimentern. Das war nicht nur eine symbolische Beteiligung, sondern eine handfeste Unterstützung.“
Neminář verweist auf einen weiteren interessanten Umstand. Denn die tschechoslowakische Einheit war bunt besetzt...
„Verkürzt gesagt, können in einem Panzer ein Slowake, ein Ukrainer, ein Jude, ein Soldat aus der Wehrmacht und ein Tscheche aus Wolhynien zusammengetroffen sein. Das ist natürlich symbolisch gemeint. Aber auch die Grabmäler zeigen, dass die Zusammensetzung so durchmischt war“, so der Geschichtswissenschaftler.
Deutsche waren also ebenfalls darunter, konkret aus jenen Gebieten, die die Tschechoslowakei nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 an das Deutsche Reich hatte abtreten müssen:
„Wir wissen, dass zur Einheit auch einige ehemalige Wehrmachtssoldaten gehörten. Sie stammten mindestens aus dem Hultschiner Ländchen, aber wohl auch aus dem Sudetenland. Es ist jedoch sehr schwierig, diese Menschen in historischen Quellen ausfindig zu machen. Sie mussten nämlich ihre Identität wechseln. Wenn sie sich freiwillig aus der Gefangenschaft zur tschechoslowakischen Armee meldeten, durften sie sich nicht gerade als Deutsche ausgeben, sondern mussten ihre wahre Herkunft tarnen. Die Leute haben oft nicht gesagt, dass ihre Muttersprache Deutsch war.“
Zwei Anläufe schlagen fehl
Von den tschechischsprachigen Mitgliedern der Einheit kamen viele aus Wolhynien. So etwa Alexander Záslocký. Er wurde 1923 im heutigen ukrainischen Sdolbuniw geboren. Die Deutschen hatten ihn zur Zwangsarbeit in einem Bahndepot gezwungen. Als die Rote Armee in seine Heimat vordrang, meldete er sich zur Panzerdivision der tschechoslowakischen Einheit. Ab März 1945 nahm er an der gesamten Mährisch-Ostrauer Operation teil, und zwar als Kommandant eines Panzers. Seine Erinnerungen hat Záslocký vor mehr als 20 Jahren in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks geschildert:
„Wir waren damals in die polnische Stadt Wadowice gelangt, sie liegt östlich von Ostrau. Mehrere Tage verbrachten wir dort bei wechselhaftem Wetter. Man muss sich das einmal vorstellen: An manchen Tagen haben wir zweimal die Panzer gewaschen und weiß angestrichen, um sie zu tarnen. Aber nach dem Schnee kam gleich wieder Regen.“
Dann wurde am 10. März des Jahres zum Angriff geblasen...
„Leider war das Wetter so, dass weder die Flugzeuge abheben noch die Geschütze abgefeuert werden konnten. Denn es gab Schneeverwehungen, Regen und Schneefall. Die Offensive war also erfolglos und wurde auf Befehl aus Moskau am 18. März gestoppt. Das wurde dann als erste Phase der Mährisch-Ostrauer Operation bezeichnet“, so Záslocký.
Die Pläne wurden nun geändert. Zunächst ging es darum, direkt von Norden anzugreifen. Diese zweite Phase lief vom 24. März bis 7. April. Doch die Truppen gelangten immer noch nicht auf früheres tschechoslowakisches Gebiet. Denn die Deutschen verteidigten Ostrau, seine Kohlegruben und die Schwerindustrie, wie es nur ging. Historiker Neminář:
„Die Wehrmacht verstärkte ihre Einheiten. Sie hatte Angst, dass die Sowjets wirklich durch die Mährische Pforte hindurchgelangen. Ihre Abwehr war ziemlich stark.“
In der dritten Phase drang die Rote Armee ab 15. April weiter westlich vor, und zwar im Zipfel von Osoblaha / Hotzenplotz. Zunächst sollte weiter östlich die Stadt Troppau eingenommen werden. Und dort stellten die Flüsse Oder und Opava /Oppa natürliche Hindernisse dar. Auch dies führte manchmal zu tagelangen Gefechten um einzelne Orte – mit den erwartbaren Folgen.
„Die Zerstörungen waren unheimlich groß. Vor allem die Orte im Hultschiner Ländchen, die in der Hauptrichtung des Angriffs lagen, wurden oft zu 80 und einige auch zu 90 Prozent zerstört. Städte wie Troppau oder Hotzenplotz waren besonders stark betroffen. Hotzenplotz wurde fast dem Erdboden gleichgemacht. Troppau als eine der schönsten Städte auf tschechischem Boden wurde so stark beschädigt, dass sie ihre Pracht für immer verlor“, schildert der Historiker.
In der letzten Phase drang die Rote Armee bis Ostrau vor. Die Industriemetropole wurde am Morgen des 30. April befreit. Für manche der Soldaten aus der tschechoslowakischen Einheit war dies etwas Besonderes, aber nicht nur, weil einige in ihre Heimat zurückkehrten. Nikolaj Ivasjuk leitete damals den ersten Panzer, der die Brücke über den Fluss Ostravice / Ostrawitza passierte und von Panzerfäusten getroffen wurde. Er selbst überlebte aber. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks erinnerte sich Ivasjuk vor einigen Jahren an die Einfahrt in die Stadt:
„Ich war zum ersten Mal in einer so großen Stadt wie Ostrau, denn ich komme aus den Karpaten. Zunächst hatte ich mit mir selbst zu tun, um mich überhaupt in den Straßen zu orientieren. Damals haben wir uns auch mit Händen und sonstwie verständigt, aber es ging.“
Die Mährisch-Ostrauer Offensive war verlustreich. Auf Seiten der Roten Armee fielen 24.000 sowjetische und tschechoslowakische Soldaten, auf Seiten der Wehrmacht werden die Opfer mit 70.000 Soldaten angegeben. Zudem starben mehrere Hundert Zivilisten.
Panzer als Denkmäler
Obwohl Ostrau eigentlich ein Nebenschauplatz des Zweiten Weltkriegs war, ist diese Militäroperation heute keinesfalls vergessen. Jiří Neminář:
„Von Anfang an wurde sehr stark an diese Offensive erinnert. Die Rote Armee hatte besondere Einheiten, die schon ein paar Monate später Denkmäler aufstellten. In jedem Dorf steht also solch eine Säule im Andenken an die ‚Helden‘ der Roten Armee.“
In der kommunistischen Tschechoslowakei wurde die Offensive ein wichtiges Narrativ für die Befreiung des Landes durch die Rote Armee...
„Sie stellte ein Erinnerungsort dar. Man baute auf ihr einen Mythos auf. So wurde zum Beispiel erzählt, die Sowjets hätten Ostrau schützen wollen. Deswegen sei die Stadt nicht so bombardiert und die Kämpfe in andere Gebiete verlagert worden. Das war eine Lüge, aber sie war effizient“, so der Historiker.
Unter anderem wurde Militärtechnik der damaligen Einheiten zu Ausstellungsstücken umgearbeitet. Darunter auch der T-34-Panzer mit der Nummer 51, den Nikolaj Ivasjuk geleitet hatte:
„Dieser Original-Panzer, der als erster die Brücke überquert hatte, steht hier in Ostrau. Auch in Zauditz (auf Tschechisch Sudice, Anm. d. Red.) ist ein Panzer, genauso wie in Smolkau (Smolkov, Anm. d. Red.). Und vor der politischen Wende waren ebenso in Štítina Panzer als Denkmal installiert. Nicht weit von Ostrau befand sich das zentrale Mahnmal der Mährisch-Ostrauer Operation, und zwar in Hrabín. Heute ist dies eine Gedenkstätte des Zweiten Weltkriegs.“
Nicht zuletzt finden sich in der Gegend zahlreiche Soldatenfriedhöfe. Dieser Teil der Kriegsgeschichte sei also durchaus präsent in Mährisch-Schlesien, betont der Neminář. Und an den Jahrestagen finden auch heute noch regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt.







