„Die Herr-Doktor-Republik“ – Der kleine Doktortitel in Tschechien

Andreas Scheuer (Foto: J. Patrick Fischer, Wikimedia CC BY-SA 3.0)

In den vergangenen Wochen war der Doktortitel des neuen CSU-Generalsekretärs ein ständiges Thema in Deutschland, aber auch in Tschechien. Andreas Scheuer hatte 2004 in Prag einen sogenannten „kleinen Doktor“ erworben – und ihn in Deutschland als normalen Doktor geführt. Was aber ist eigentlich ein solcher „kleiner Doktor“? Welche Tradition dahintersteckt und was man tun muss, um ihn zu erwerben, erfahren Sie nun in unserer Sendereihe Schauplatz.

Andreas Scheuer (Foto: J. Patrick Fischer, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
In Tschechien sind sie durchaus verbreitet: die Titel vor dem Namen. Man merkt, dass das Land so einiges aus der österreich-ungarischen Monarchie mitgenommen hat. Auf Briefsendungen und Klingel steht gerne einmal der Magister vor der Frau oder dem Herrn, der Direktor wird mit „Herr Direktor“ angesprochen und natürlich erschallt auch häufig ein „paní Doktorku – Frau Doktor“. Und es gibt hierzulande mehr als nur eine Form des Doktortitels, es gibt nämlich einen „kleinen“ und einen „großen“. Miroslav Kunštát ist Historiker. Der ehemalige Berater von Präsident Václav Havel arbeitet am Lehrstuhl für deutsche und österreichische Studien der Prager Karlsuniversität:

„Im Falle Tschechiens sind dies Titel, die in der Regel vor dem Namen angeführt werden, gemeinsam mit der Bezeichnung der jeweiligen Disziplin. Zum Beispiel PhDr: Doktor der Philosophie oder RnDr: Doktor rerum naturalium.“

Um diesen kleinen Doktor zu erhalten, muss die Magisterarbeit ausgebaut werden und in einem so genannten Rigorosumsverfahren verteidigt werden. Miroslav Kunštát:

„Das ist wohl auch der größte Unterschied zum großen Doktorat. Dieser Titel wird in Tschechien nach dem Namen angeführt, zum Beispiel PhD. Im Umgang werden auch diese englischen Titel angewandt. Und für einen solchen Titel muss man nicht nur die Arbeit verfassen, sondern auch ein dreijähriges postgraduales Studium absolvieren. Das ist mit weiteren Verpflichtungen, wie Prüfungen und schriftlichen Leistungen verbunden.“

Nun ist es vielen Menschen in Deutschland verdächtig vorgekommen, dass CSU-Generalsekretär Scheuer die Prüfung auf Deutsch abgelegt hat. Doch das sei kein Problem, sagt Kunštát:

Miroslav Kunštát (Foto: Archiv der Waldviertel-Akademie)
„Die entsprechenden Normen der Prager Karlsuniversität, die Rigorosumsordnung aus dem Jahr 1999, schließt die Arbeit und Prüfung in einer Fremdsprache nicht aus. Bedingung ist, dass die Prüfungskommission der Fakultät Mitglieder hat, die diese Arbeit in der Fremdsprache begleiten können, und dass auch die mündliche Prüfung in der Fremdsprache abgelegt werden kann. Und das war offensichtlich bei Herrn Scheuer der Fall.“

Seinen Titel hat Andreas Scheuer also durchaus rechtmäßig erworben. Allerdings steht dieser Uni-Abschluss auch an den tschechischen Universitäten nicht für eine wissenschaftliche Qualifikation. Miroslav Kunštát erklärt, warum es ihn trotzdem gibt und wer ihn hauptsächlich ablegt:

„Ich sehe den Vorteil vor allem in dem gesellschaftlichen Umgang. Die tschechische Öffentlichkeit ist immer noch, vor allem wenn sie einen Anwalt oder einen Mediziner braucht, daran gewöhnt, diese Personen Herr oder Frau Doktor zu nennen. Dann ist man also Herr Doktor und das ist in der Tschechischen Republik, oder ich würde sagen in der ‚Herr-Doktor-Republik‘, sehr wichtig.“

Das ist auch der Grund dafür, warum vor allem diese beiden Fakultäten sich gegen eine Reform der Studienordnung stemmen und der „kleine Doktor“ bis heute vergeben wird. Der Wert dieses Titels ist in der deutschen Fachöffentlichkeit aber bekannt. Im Bayerischen Rundfunk sagte der deutsche Politologe Heinrich Oberreuter:

„Die Maßstäbe, die hier angelegt werden, um einen solchen Titel zu erwerben, sind nicht die eines Beitrags zur Wissenschaft oder zur Forschung. Der Kandidat soll nur zeigen, dass er mit Wissenschaft umgehen kann, also wie ein Magister.“

Trotzdem sind die Abschlüsse der Prager Karlsuniversität nun durch die Affäre Scheuer ein wenig in Verruf geraten. Der deutsche Politologe weist diese Verdächtigungen aber weit von sich:

Heinrich Oberreuter (Foto: blu-news.org, CC BY-SA 2.0)
„Dieser Zwischenton ist hörbar, aber ich halte ihn für unqualifiziert. Man muss sich da die Studienordnungen anschauen. Die Prager sagen sehr deutlich, welches Niveau mit diesem kleinen Doktortitel angezählt wird. Das muss man zur Kenntnis nehmen und auf dieser Basis die Arbeit und die Führung dieses Titels einschätzen.“

Dass sich Politiker mit diesem Titel in einen Skandal verwickelt haben, ist aber auch in Tschechien schon einmal passiert, sagt der Historiker:

„Ich erinnere mich da in den 1990er Jahren an den Fall des früheren stellvertretenden Ministerpräsidenten Jan Kalvoda. Dieser Herr führte den Titel JuDr. vor dem Namen, also den ‚kleinen Doktor‘. Aber er war eigentlich nur ein sogenannter promovierter Jurist, er durfte diesen Titel also nicht führen. Nachdem diese Tatsache also bekannt wurde, hat Kalvoda sofort seinen Rücktritt eingereicht.“

Warum aber Bayern den kleinen Doktor aus Tschechien anerkennt, ist nicht einfach zu erklären. Die Sprecherin des bayerischen Bildungsministeriums, Christa Malessa, sagte Radio Prag, Bayern habe eine Richtlinie der Kultusministerkonferenz über die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse aus dem Jahr 2001 umgesetzt. Dies sei jedoch erst im Jahr 2006 geschehen - und erst ab dann sei es erlaubt gewesen, statt des PhDr-Titels einen deutschen Doktor vor dem Namen zu tragen. Diese Erlaubnis wurde jedoch 2007 wieder zurückgenommen, aufgrund eines weiteren Beschlusses der Kultusministerkonferenz. In Tschechien hat der Titel eine viel längere Tradition, erklärt der Historiker Kunštát:

„Als die Republik 1918 entstand, da wurden die alten Hochschulgesetze aus der Zeit der k. u. k. Monarchie übernommen. Da gab es Doktorate, die heute etwa den kleinen Doktoraten entsprechen. Bei den Juristen oder Medizinern genügte es zum Beispiel, nur drei strenge mündliche Prüfungen zu absolvieren. Bei den Philosophen oder Theologen dagegen musste man zusätzlich eine schriftliche Dissertation vorlegen und verteidigen. Diese Regelung galt auch für die Naturwissenschaftler. Und diese Gesetze waren im Prinzip bis 1953 in Kraft.“

Prager Karlsuniversität (Foto: Mirko Kašpar, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
1954 wurden diese Titel dann abgeschafft, aber bereits zwölf Jahre später wieder eingeführt, im Rahmen eines neuen Hochschulgesetzes. Danach gab es ein kombiniertes System: die alten österreichischen Titel vor dem Namen und die dann aus dem sowjetischen System übernommen Titel „Kandidat der Wissenschaften“ oder „Doktor der Wissenschaften“ hinter dem Namen.

„Auch die neuen Hochschulgesetze nach der Wende, 1993 beziehungsweise 1998, haben diese Doppelgleisigkeit beibehalten. Nur diese sowjetisch klingenden Titel wurden abgeschafft. Nun gibt es den PhD-Titel, der in der Praxis den früheren ‚Kandidaten der Wissenschaft‘ ersetzt. Zum Beispiel als Vorbedingung für die Habilitation oder für die Professur.“

Leider führt das System bis heute vor allem in der westlichen Welt zu Verwirrungen. Zumal ein großer Teil älterer, aber durchaus anerkannter tschechischer Wissenschaftler, nur den kleinen Doktortitel vor dem Namen trägt. Sie wollten oder durften damals, häufig auch aus politischen Gründen, nicht den sowjetischen Titel hinter dem Namen erwerben.