„In die Höhe wachsen wollen wir nicht“: Die FairBio-Rösterei und ihr soziales Unternehmertum
Damit ein kleines Unternehmen nachhaltig ist, muss es um mehr gehen, als um finanziellen Gewinn. Das ist das Credo der FairBio-Kaffeerösterei in Kostelec nad Labem. Seit 2014 werden dort fair gehandelte Bohnen verarbeitet. Und gegenseitiger Respekt ist auch die Devise in dem 20-köpfigen Team, das aus Menschen mit und ohne Behinderung besteht. Ein Besuch in dem sozialen Unternehmen.
In der FairBio-Rösterei hat man gern Besuch. Gäste werden herzlich empfangen und bekommen als Geschenk farbenfrohe Bildchen, die die Mitarbeiter selbst gezeichnet haben. Margita etwa gibt bereitwillig Auskunft über ihre Aufgaben. Sie packe den Kaffee ab, der übrigens hervorragend sei, wie sie betont. Die Bohnen würden gewogen, die Tüte zugeschweißt, dann komme alles in eine Kiste und werde abgeschickt, berichtet Margita.
Seit drei Jahren ist sie in dem sozialen Kleinunternehmen tätig, das Menschen mit mentaler Behinderung einen Arbeitsplatz, ein eigenes Einkommen und einen respektvollen Umgang bietet. Die Atmosphäre ist freundschaftlich, offen und lebhaft. Die Rösterei hat ihre Räumlichkeiten in einem Flachbau im Hof zwischen lauter Einfamilienhäusern. Wir befinden uns in Kostelec nad Labem, etwa 15 Kilometer nördlich von Prag.
Lebhafte Atmosphäre
Das Rathaus des Ortes lasse sich den FairBio-Kaffee quasi seit dem Tag liefern, als er hier vor Ort erstmals geröstet wurde, schmunzelt Martin Třešňák. Er leitet das soziale Unternehmen und hat es von Anfang an mit aufgebaut. Die Initiative ging von der Ökumenischen Akademie aus, einer NGO in Prag, die zu den Fairtrade-Pionieren in Tschechien gehört. Neben Großhandel und Weltladen gründete sie auch eine Genossenschaft, die 2014 eben die Kaffeerösterei eröffnete. Am Anfang hätten EU-Projektgelder für fünf Mitarbeiter und vor allem seine persönliche Leidenschaft gestanden, blickt Třešňák zurück:
„Ich saß in einem weißen Büro, das frisch gestrichen war, aber keinen Tisch und nur einen Stuhl hatte. Ich hatte nicht einen Angestellten, keinen Kaffeeröster, und über Kaffee wusste ich, dass ich Fan war und zu Hause eine Espressomaschine hatte. Das war alles. Der Rest kam nach und nach. Wir sagen immer, wir sind ein Slow Business. Wir drängen nirgendwohin und stopfen da keine Millionen hinein, um die Firma anzutreiben. Wir wachsen organisch. Dies ist nachhaltig, und vor allem ist es für unsere Mitarbeiter der richtige Weg. Große Veränderungen sind nämlich nichts für sie.“
Menschen mit Behinderung stellen den Großteil im Team. Seit den Anfangstagen besteht eine Kooperation mit der Organisation Vyšší Hrádek – einem Sozialdienstleiter in Brandýs nad Labem, der in der Region Menschen mit mentaler Behinderung betreut. Momentan hat die Rösterei 15 Angestellte mit gesundheitlicher Einschränkung, die Teilzeitverträge haben.
Dafür gibt es vom Arbeitsamt Zuschüsse, die laut Třešňák etwa 20 Prozent der Gesamteinnahmen der Rösterei ausmachen. Mittlerweile hätte auch die öffentliche Verwaltung erkannt, dass soziales Unternehmertum für den Staat mehr Einnahmen als Kosten bedeute – etwa durch Steuererträge oder Einsparungen bei der Sozialhilfe. Und weiter sagt der Leiter:
„Es ist also in jeder Hinsicht sinnvoll. Die größte Bedeutung besteht für uns darin, dass wir diese Menschen sozialisieren und integrieren. Sie haben ein würdevolles Leben, was auf der finanziellen Seite gar nicht eingerechnet werden kann. Ein wichtiger Aspekt ist auch, wie wir mit den Kollegen arbeiten. Wir verhalten uns ihnen gegenüber wie zu jedem anderen auch und geben ihnen Gelegenheit, sich weiterzuentwickeln. Wir stellen individuelle Pläne auf, worin sie sich noch verbessern können. Und von ihrer Seite sehen wir, dass sie die Arbeit schätzen. Es ist eben etwas anderes, als wenn sie irgendwo am Fließband sitzen würden. Und wir bemühen uns auch anderweitig, zahlen zum Beispiel zehn Prozent mehr als nur den Mindestlohn.“
David etwa ist sichtlich zufrieden mit seinem Arbeitsplatz in der FairBio-Rösterei. Seit mehr als acht Jahren ist er schon dabei. In den Pausen kümmert er sich um den kleinen Vorgarten und gießt die Paprikapflanzen. Aber hauptsächlich wiegt er frisch geröstete Kaffeebohnen für die Drei-Kilogramm-Behälter ab, die als verpackungsfreie Variante an Firmenkunden gehen.
Jeder hat so seine Herausforderungen
Zunächst müsse er dafür die richtige Sorte aussuchen, sagt David und zeigt auf die blauen Fässer. Darin befindet sich Kaffee aus Nicaragua oder aus Brasilien und auch eine spezielle Arabica-Robusta-Mischung mit dem Namen „Ranní vzpruha“ (Morgendlicher Antrieb). Dann wird auf der Waage dreimal ein Kilogramm abgemessen und in den hohen Behälter geschüttet, der im Laden oder im Café direkt als Spender dient. Fertig, meint David. Aber Markéta Ficová erinnert ihn gewitzt daran, dass etwas fehle. Na klar, sagt David, das Etikett des fertigen Behälters müsse noch ins System eingelesen werden. Ficová steht den Mitarbeitern der FairBio-Rösterei als Assistentin zur Verfügung. Sie berät, bespricht die Aufgabenverteilung und hilft weiter. Und welche besonderen Herausforderungen gibt es dabei?
„Ich denke, jeder von uns hat so seine Herausforderungen. Wir lernen eine Menge neuer Dinge. Manches gelingt besser, manches ist schwieriger, und immer gibt es etwas zu besprechen. Wichtig ist auf jeden Fall die Kommunikation. Wir versuchen, Freunde zu sein und den bestmöglichen Umgang miteinander zu finden.“
Das Engagement und die persönlichen Geschichten aus der FairBio-Rösterei begleiten den Kaffee bis zu seinen Verbrauchern. Das Kleinunternehmen habe sich über mehrere Jahre hinweg ein genaues Profil seiner Zielgruppe erarbeitet, unterstreicht Martin Třešňák:
„Vor ein paar Jahren haben wir den Begriff des motivierten Kunden eingeführt. Das bedeutet, dass dieser Kunde auf jene Werte reagiert, die wir präsentieren. Uns ist klargeworden, dass wir uns nicht an solche Firmen wenden können, für die der Preis der Hauptaspekt ist. Aber sobald sich eine Firma als nachhaltig bezeichnet und bestimmte Kriterien zu Umwelt, sozialen Fragen und Unternehmensführung unterstützt, dann wissen wir schon, dass wir dort auf Gehör stoßen. Und wenn es eine CSR-Abteilung gibt, können auch wir unsere Werte einbringen.“
CSR steht für Corporate Social Responsibility, also eine soziale Unternehmensverantwortung. Welche ökologischen Werte die Rösterei in Kostelec nad Labem außerdem vertritt, steht schon in ihrem Namen – FairBio. Alle ihre Kaffeebohnen stammen aus dem fairen Handel, die meisten sind auch mit einem Bio-Siegel zertifiziert. Ein Qualitätsexperte, der vor kurzem mit ins Team aufgenommen wurde, konzentriert sich ganz auf den Geschmack der rund zwölf Sorten im Sortiment. Třešňák fährt fort:
„Ich bin froh, dass wir unsere Kunden gefunden haben, und das auch dank der Qualität unseres Kaffees. Für uns ist wichtig, dass wir ein tolles Produkt anbieten können. Dies steht an erster Stelle. Und erst danach kommen die Aspekte soziales Unternehmen, Fairtrade, Bio-Siegel, Nachhaltigkeit und Ökoverpackung. Wichtig ist, dass den Menschen der Kaffee schmeckt.“
Genossenschaft ist nicht gewinnorientiert
Es ist die Produktqualität, in die Třešňák und sein insgesamt 20-köpfiges Team in nächster Zukunft weiter investieren wollen. Dank der staatlichen Zuschüsse sind Lohn- und Assistenzkosten zu einem guten Teil abgedeckt, sodass über die Verwendung der Einnahmegewinne in der Genossenschaft recht frei diskutiert werden kann.
Der Zusammenschluss hat derzeit 24 Mitglieder. Jede und jeder Beteiligte muss zu Beginn einen Anteil von 5000 Kronen (gut 200 Euro) einzahlen. Laut Satzung werden 51 Prozent des Jahresgewinns grundsätzlich in den Betrieb investiert, der Rest würde theoretisch den Genossenschaftlern zustehen.
„In all den Jahren wurden bis jetzt aber immer 100 Prozent in die Rösterei zurückgeführt. Keines der Mitglieder hat also bisher daran eine Krone verdient. Dies ist auch gar nicht das Ziel der Genossenschaft. Bisher brauchen wir das Geld, um zu investieren und uns weiterzuentwickeln. Wir erhöhen natürlich auch schrittweise den Lohn unserer Angestellten. Lange lagen wir auf dem typischen Lohnniveau des NGO-Sektors, was langfristig aber einfach nicht nachhaltig ist.“
Und typisch für diese Branche ist ebenso der Hang zur Selbstausbeutung, dem sich auch Třešňák in den Anfangsjahren der Rösterei nicht zu entziehen wusste. Geholfen habe diesbezüglich die Einführung einer firmeninternen Richtlinie, die klare Strukturen festgelegt habe, berichtet der Leiter. Parallel dazu hätten Digitalisierungsprozesse stattgefunden, durch die sich die FairBio-Rösterei von einem Mikrounternehmen zu einem Kleinunternehmen gewandelt habe.
Und weiter? Welches Potenzial sieht Martin Třešňák für die nahe Zukunft?
„Unser Ziel ist es jetzt, die Qualität unserer Dienstleistungen zu erhöhen. Wir wollen noch mehr Expertise zum Thema Kaffee anbieten sowie einen besseren Service für unsere Kunden, vor allem im Großhandel. Daneben wollen wir uns auch weiter unseren Angestellten widmen.“
Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass in den nächsten Jahren neue Mitarbeiter hinzukommen, ergänzt Třešňák. Mit der FairBio-Rösterei sei es gelungen, ökonomische Nachhaltigkeit mit einem solidarischen und sozialen Aspekt zu verknüpfen, fasst der Leiter nicht ohne Stolz zusammen und stellt sich in den Trend eines neuen Unternehmertums:
„Ich habe nicht das Gefühl, dass es in unserer Genossenschaft eine Sehnsucht danach gibt, jetzt unbedingt in die Höhe zu wachsen. Wir wollen eher in der Breite wachsen, indem wir weiter an der Qualität arbeiten und daran, dass wir alle gut leben können.“







