Die Könighofer und Grünberger Handschriften

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Vor 115 Jahren beschäftigte ein wissenschaftlicher Streit um mittelalterliche Handschriften die Gemüter in den Böhmischen Ländern. Die Diskussion um die Echtheit der sog. Grünberger und Königinhofer Handschriften war nicht nur ein Streit unter Gelehrten, sondern spaltete auch das Volk. Warum, das erfahren Sie im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte. Zu diesem begrüßt Sie Katrin Bock.

Zu Beginn des Jahres 1886 brach der Streit um die Echtheit der angeblich mittelalterlichen Handschriften nach der Veröffentlichung eines kritischen Artikels in aller Heftigkeit aus. Dies war nicht das erste Mal, dass die Grünberger und Königinhofer Handschriften in den Böhmischen Ländern für Wirbel sorgten. Bereits kurz nach ihrer angeblichen Entdeckung im Jahre 1817 bzw. 1818 sowie im Jahre 1859 äusserten einige Gelehrte ihre Zweifel an der Echtheit der altslawischen Handschriften. Doch erst 1886 weitete sich der Streit auf alle Gesellschaftsschichten aus und nahm leidenschaftliche Formen an, persönliche Beleidigungen in der Tagespresse waren dabei keine Seltenheit. Bevor wir uns weiter mit dem Streit um die Handschriften beschäftigen, sollten wir Ihnen diese natürlich erst einmal vorstellen:

Im Rahmen der nationalen Wiedergeburt der Tschechen zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden eifrig Quellen und Beweise dafür gesucht, dass die Tschechen eine den Deutschen vergleichbare ruhmvolle nationale Vergangenheit haben. In den 200 Jahren nach der Niederlage der böhmischen Stände in der Schlacht am Weissen Berg 1620 und der anschliessenden Unterdrückung alles Tschechischen von Seiten der Habsburger waren sowohl die tschechische Sprache als auch tschechische Legenden und Geschichten in Vergessenheit geraten. Diese wieder zu beleben, sahen die nationalen Erwecker des 19. Jahrhunderts als ihre Aufgabe an.

So wurde fleissig Material gesammelt, alte Gegenstände, Schriftquellen, Pergamentrollen, kurz, alles, was über die Vergangenheit der Tschechen etwas aussagen konnte. 1817 wurde zu diesem Zwecke das böhmische Landesmuseum gegründet, das sich dieser Sammelwut der Tschechen annahm und alles katalogisierte. Nach 1818 hatte das Museum seinen Sitz im Sternberg-Palast in der Prager Burgstadt, 1845 zog es ins Prager Zentrum um. Zu den Spendern für das Nationalmuseum zählte übrigens auch Johann Wolfgang Goethe, der seine in Westböhmen gesammelten Mineralien dem Museum zur Verfügung stellte.

Im Archiv des Nationalmuseums wurden Schriftstücke über die Vergangeneheit der Tschechen gesammelt. Insbesondere alte Chroniken füllten die Regale. Was aber fehlte, war ein Heldenepos nach dem Vorbild der Nibelungen oder aber Homers Ilias. Solch ein Heldenepos hätte beweisen können, dass die Tschechen bereits im frühen Mittelalter ein gebildetes Volk waren. Zudem wäre es eine gute Grundlage für das neuerwachte tschechische Nationalbewusstein im 19. Jahrhundert gewesen.

Und plötzlich war es da. Im September 1817 "entdeckte" der damals 26jährige Vaclav Hanka in der Krypta der Kirche von Dvur Kralove-Königinhof Bruchstücke angeblich alttschechischer Dichtungen: insgesamt 12 Pergamentblätter sowie zwei Streifen mit altslawischen Texten. Hanka datierte seinen Fund auf das 13. Jahrhundert und erklärte, dass es sich um einige Kapitel eines Buches altslawischer Geschichte handele. So wurde zum Beispiel der Sieg der Tschechen über die Polen 1004 besungen bzw. die Niederlage der Tataren bei Olmütz 1241. Der Fund war eine Sensation und sein Finder Vaclav Hanka über Nacht ein berühmter Mann. Er wurde vom russischen Zaren persönlich ausgezeichnet und erhielt zahlreiche Ehrendoktortitel und Auszeichungen in ganz Europa. Führende wissenschaftliche Gesellschaften erklärten Hanka zu ihrem Ehrenmitglied. Keiner zweifelte an der Echtheit der Pergamentblätter - die Königinhofer Handschrift wurde als eines der wichtigsten schriftlichen Zeugnisse des Abendlandes betrachtet und wurde in so gut wie alle europäische Sprachen übersetzt.

Doch damit nicht genug. Im folgenden Jahr erhielt das Nationalmuseum anonym ein weiteres alttschechisches Epos. Dieses wurde von seinem Archivar, der kein anderer als Valcav Hanka war, sogar auf das 9. Jahrhundert datiert. Diesmal handelte es sich um Bruchstücke über das Gericht der sagenhaften Fürstin Libuse über ihre Brüder. Hanka konnte den Fundort ausmachen - das Schlösschen Grünberg bei Prag. Den Text erklärte er zur ältesten erhaltenen slawischen Handschrift überhaupt. Ersten Zweifel, die diesmal von einigen Historikern geäussert wurden, wurde keine Beachtung geschenkt. Die Handschrift diente einige Jahrzehnte später als Vorlage einer der bekanntesten tschechischen Opern: Bedrich Smentana vertonte einige der Textstellen der Handschriften in seiner Oper "Libuse".

Der 1791 geborene Vaclav Hanka gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der nationalen Erwecker. Hanka verfasste Gedichte, übersetzte aus anderen slawischen Sprachen und befasste sich mit der Herausgabe alttschechischer Texte. Hanka war einer der besten Sprachwissenschaftler seiner Zeit und gehörte zu den angesehensten Kennern der slawischen Sprachen und Literaturen. Zudem war er einer der aktivsten Anhänger des Panslawismus. 1817 bis 1824 gab Valcav Hanka eine Sammlung alttschechischer Texte heraus - mit der Sprache und dem Aussehen solcher Texte war der Bibliothekar und Archivar des Nationalmuseums also vertraut.

Der Fund der Königinhofer und Grünberger Handschriften war eine Sensation für die tschechischen Patrioten und die Euphorie darüber, sich Griechen, Deutschen und Franzosen gleichstellen zu können, kannte keine Grenze. Die Handschriften erschienen 1840 in der umfassenden Anthologie "Die ältesten Denkmäler der böhmischen Sprache". An ihrer Echtheit gab es keinen Zweifel bzw. Zweifel wollte angesichts der enormen Bedeutung der Handschriften für die Auslegung der tschechischen Geschichte keiner zulassen. Denn der antideutsche Grundtenor der Handschriften passte in jene Jahre des erwachenden tschechischen Nationalbewusstseins. Dieser war denn auch in der grossangelegten "Geschichte der Böhmischen Länder", die Frantisek Palacky 1836 verfasste, anzutreffen. Palacky, der führende tschechische Historiker des 19. Jahrhunderts schilderte die tschechische Geschichte auf Grundlage der Handschriften als einen permanenten Kampf der friedliebenden slawischen Ureinwohner gegen die gewaltsam eingedrungenen und unterjochenden Germanen - ein Geschichtsbild, dass bis heute in gewissen tschechischen Kreisen verbreitet ist.

Die Handschriften dienten zudem als Inspiration zahlreicher Künstler des 19. Jahrhunderts. Die bekanntesten tschechischen Maler schufen Historiengemälde mit Motiven der Grünberger oder Königinhofer Handschriften. Kurz gesagt, die 1817 bzw. 1818 gefundenen Pergamentrollen waren von enromer Bedeutung für das tschechische Nationalbewusstein und trugen dazu bei, dass dieses einen antideutschen Grundtenor hatte.

Der Gedanke, dass es sich bei den sensationellen Funden um Fälschungen handeln könnte, kam bereits zu Lebzeiten ihres Entdeckers Vaclav Hanka auf. 1858 erschien in der Zeitung "Tagesbote aus Böhmen" ein anonymer Artikel, in dem die Handschriften als Fälschungen und ihr Entdecker Vaclav Hanka als Fälscher bezeichnet wurden. Die tschechische Öffentlichkeit war empört. Hanka verklagte den Herausgeber der Zeitung. Nach langwierigem Prozess wurde dieser verurteilt, doch ein Gnadengesuch bei Kaiser Franz Josef bewahrte ihn vor einer Gefängnisstrafe. Sofort war in den tschechischen nationalen Kreisen eine neue Theorie erwacht: Wien war daran interessiert, die Handschriften als Fälschungen zu deklassieren, um so den Tschechen die Grundlage ihres Nationalbewusstseins zu entziehen.

Der Gerichtsprozess und die Anschuldigung ein Fälscher zu sein, hatten Vaclav Hanka mitgenommen. Am 12. Januar 1861 verstarb er knapp 70 jähirg. Auf dem Sterbebett soll er in Anwesenheit mehrerer Priester geschworen haben, die Handschriften nicht verfasst zu haben. Sein Begräbnis auf dem Prager Ehrenfriedhof Vysehrad wurde zu einer Kundgebung des tschechischen Nationalismus, 10.000en sollen Hanka die letzte Ehre erwiesen haben.

Für 25 Jahre ruhte der Streit um die Handschriften, dann war eine neue Generation von Wissenschaftlern herangewachsen, die die Welt mit realistischen Augen sahen und sich von nationalen Gefühlen nicht beeidrucken liessen. Der Sprachwissenschaftler Jan Gebauer veröffentlichte zu Beginn des Jahres 1886 einen Artikel, in dem er die Echtheit der Handschriften anzweifelte. Unterstützt wurde er von zwei jungen Dozenten der 1882 neugegründeten tschechischen Universität in Prag, dem Historiker Jaroslav Goll und dem Soziologen Tomas Masaryk. Die drei führten wissenschaftliche Beweise für ihre Behauptungen an und lösten damit eine Lawine des Protests aus. Von der Mehrheit der tschechischen Bevölkerung wurden sie als Landesverräter verurteilt. Die Diskussion um die Echtheit der Handschriften war nun nicht mehr wie 1859 eine Frage der deutsch-tschechischen Auseinandersetzungen, sondern eine rein tschechische Angelegenheit zwischen romantischen Nationalisten und einer neuen Generation rational denkender Wissenschaftler. Die Verteidiger der Handschriften fuhren schwere Geschütze auf - sie sahen sich als die Retter des Nationalbewusstseins und warfen den Zweifeln vor, Verbündete der deutschen Erzfeinde zu sein.

In den führenden tschechischen Zeitungen und Zeitschriften erschienen glühende Artikel gegen diese Frevler, die es wagten, Zeugen der ruhmreichen tschechischen Vergangenheit anzuzweifeln. Die Echtheit der Handschriften in Frage zu stellen, bedeutete auch, die Autorität führender Historiker, Sprachwissenschaftler und Politiker zu untergraben, die ihre Hauptwerke auf Grundlage der altslawischen Pergamentrollen verfasst hatten. Sollten die Handschriften als Fälschungen entlarvt werden, hiesse dies, die tschechische Geschichte umzuschreiben - und das war in den Augen vieler unmöglich. Der spätere erste tschechoslowakische Präsident Tomas Masaryk liess sich von all diesen Überlegungen nicht beeindrucken und erklärte, dass ein Volk seine Geschichte und damit seine Existenz nicht auf Lügen aufbauen dürfe. Die Sittlichkeit und Mannhaftigkeit einen Fehler zuzugeben, so Masaryk, sei grösser als die Verteidigung von Fehlern, an die das gesamte Volk glaube.

Der Handschriftenstreit und die während ihm gesammelten Erfahrungen bestärkten Masaryk in dem Gedanken, selbst in der Politik tätig zu werden. Ein paar Jahre später wurde er Reichsratsabgeordneter, im Jahre 1900 gründete er dann seine eigene Partei, die seinen Anschauungen entsprechend "Realistenpartei" genannt wurde. Als eindeutiger Sieger im Handschriftenstreit gingen Masaryk und seine Verbündeten, auch wenn deren Zahl ständig zunahm, allerdings nicht hervor. Masaryk musste unter anderem wegen seiner Meinung im Handschriftenstreit auf seine Ernennung zum Professor bis 1897 warten. Die Diskussion um die Echtheit der Handschriften schwelte auch nach dem Ersten Weltkrieg weiter.

Auch in neuerer Zeit liessen die Handschriften einigen Wissenschaftlern keine Ruhe und so begann 1967 eine erneute exakte chemische Überprüfung der Pergamente und Tinte. Diese Untersuchungen wurden allerdings Opfer der politischen Geschehnisse nach dem Prager Frühling. Erst nach der Samtenen Revolution wurden ihre Ergebnisse veröffentlicht - die Chemiker der Prager Hochschule und des kriminalistischen Instituts kamen zu dem Schluss, dass es sich bei den Handschriften eindeutig um Fälschungen handele. Heute gibt es keinen Zweifel daran, dass es keine schriftliche Darstellung der tschechischen Geschichte aus dem 13. oder gar 9. Jahrhundert gibt. Allgemein wird Vaclav Hanka als Fälscher bezeichnet, doch gibt es bis heute viele, die Hanka verteidigen und ihn als Opfer einer weitangelegten Verschwörung sehen. Ihrer Meinung nach gibt es keinerlei Beweise dafür, dass ausgerechnet Hanka die Handschriften gefälscht habe.

Heute werden die Grünberger und Königinhofer Handschrift in Lehrbüchern als Beispiel der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts angeführt, als Beispiel einer patriotischen, die tschechische Vergangenheit verherlichenden romantischen Dichtung. Im Nationalmuseum wurden sie längst aus der Sammlung mittelalterliche Texte entfernt und in die Abteilung für Literatur des 19. Jahrhunderts einsotiert. Doch so ganz lassen sie auch heute noch nicht die Gemüter einiger Tschechen in Ruhe. Vor zwei Jahren erschien der Roman "Posledni Tecka za Rukopisy" ( der letzte Punkt hinter die Handschriften) von Josef Urban. In diesem Roman enttarnt Urban die wahren Fälscher der Handschriften - zwei Frauen, die auf diese Weise den Weg für die ersten tschechischen Feministinnen bereiten wollten - Josef Urban unterlegt seine Theorie mit "klaren" Beweisen, wie etwa Briefwechseln und Tagebucheintragungen - es bleibt dem Leser zu beurteilen, ob es sich dabei um Fälschungen oder Originale handelt. Und so ist anzunehmen, dass auch der Roman "Der letzte Punkt hinter die Handschriften" noch lange nicht der letzte in diesem Streit sein wird.