Drama vor 30 Jahren - Tschechoslowakische Geiseln in Angola

Foto: Archiv von Lumír Novotný

Vor 30 Jahren, im März des Jahres 1983, wurde eine Gruppe tschechoslowakischer Entwicklungshelfer Opfer des Bürgerkriegs in Angola. Die Widerstandsbewegung Unita kidnappte die Fachkräfte in dem südwestafrikanischen Land und marschierte mit ihnen fast 1300 km durch den Busch. Erst nach 85 Tagen wurden die Gefangenen auf Lastwagen weitertransportiert und schließlich auf einem Stützpunkt der Rebellen festgehalten. Die Frauen, Kinder und die männlichen Kranken und Verletzten wurden im Juli 1983 freigelassen, die letzten 20 Männer erst im Juni 1984.

Angola (Quelle: Uwe Dedering, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Das Außenministerium der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik wurde bevollmächtigt darüber zu informieren, dass am Sonntag, dem 13. März, auf dem Gebiet der Stadt Alto Catumbela in der Volksrepublik Angola tschechoslowakische Bürger gefangenen genommen wurden. Sie haben im Rahmen eines tschechoslowakisch-angolanischen Abkommens über wirtschaftliche Zusammenarbeit als Fachleute beim Betrieb einer Fabrik zur Herstellung von Zellulose und Papier mitgeholfen. Gemeinsam mit ihnen wurden auch ihre Familienangehörigen, inklusive der Kinder, gefangen genommen.“

Was die Sprecherin des Tschechoslowakischen Rundfunks am 17. März 1983 in recht bürokratischen Worten verkündete, sollte der Beginn einer Odyssee von 66 Tschechoslowaken durch den Busch Südwestafrikas werden.

Foto: Čt24
1975 erhielt Angola seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Portugal. Die früheren Unabhängigkeitsbewegungen FNLA, MPLA und Unita führten dann einen blutigen Bürgerkrieg um die Macht in dem Land. Die sozialistisch orientierte MPLA (Volksbewegung zur Befreiung Angolas) schaffte es mit kubanischer Militärhilfe, diesen Konflikt für sich zu entscheiden. Sie errichtete ein sozialistisches Einparteiensystem und erhielt militärische und wirtschaftliche Hilfe aus Kuba und der Sowjetunion. Die beiden anderen Rebellengruppen konnten aber nie endgültig besiegt werden, sie wurden lediglich in unwegsame Gebiete abgedrängt.

Nach der Unabhängigkeit schloss Angola ein Abkommen mit der Tschechoslowakei über technische Zusammenarbeit, 1977 begannen die ersten Experten mit der Arbeit in einer Zellulose- und Papierfabrik. Zunächst waren 30 Tschechoslowaken in Alto Catumbela eingesetzt, sie wurden regelmäßig abgelöst. In einem Dokumentarfilm für das Tschechische Fernsehen erinnerte sich Lubomír Sazeček inmitten der Überreste seiner alten Wirkungsstätte in Angola:

„Das hier war unsere Station in der Fabrik CCPA, hier hatten wir unseren Arbeitstisch. In diesem Büro sind wir auch immer zu Arbeitstreffen mit der Leitung der Anlage zusammengekommen, und hier haben wir auch Momente der Ruhe während der Arbeit verbracht.“

Aber nicht nur Techniker und Ingenieure kamen nach Angola, sondern auch Ärzte und Krankenschwestern.

Da die Situation sicher schien und die Bewohner freundlich gesinnt waren, nahmen immer mehr Spezialisten auch ihre Familien mit nach Afrika. In Angola hatten sie nicht nur besseres Wetter, sondern sie kamen, fern von der Heimat, auch in den Genuss von vielen Privilegien, wie zum Beispiel einem Swimmingpool und dem Zugang zu westeuropäischen Konsumgütern. Lubomír Sazeček:

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„Es ging uns hier sehr gut, wir hatten in der Umgebung, wo wir uns aufgehalten, gelebt und gearbeitet haben, ausgezeichnete Wohnverhältnisse und beste klimatische Bedingungen. Darüber hinaus wurde aus der tschechoslowakischen Straße ein kulturelles und gesellschaftliches Zentrum für ganz Alto Catumbela. Was dann später passiert ist, war für uns wie ein Schlag ins Gesicht.“

Am 12. März 1983 überfiel die Unita Alto Catumbela. Die Rebellen wollten dort die industrielle Infrastruktur zerstören. Erst kurz vor ihrer Aktion stellten die Kämpfer fest, dass in Alto Catumbela Ausländer lebten. Einer von ihnen war auch Viktor Labounek:

Im Unita-Lager
„Nach einem kurzen Moment habe ich eine starke Explosion gehört, der gesamte vordere Teil unseres Hauses wurde zerstört, und uns fielen die Ziegel auf den Kopf. Soldaten der Unita schossen ihre Ladungen über unsere Köpfe, und der Putz fiel auf uns herab. Für einen Moment war Ruhe. Auf einmal spürte ich aber, wie mich einer der Soldaten mit dem Fuß anstieß. Als ich mich bewegte, zeigte er mit dem Gewehr, dass ich aufstehen soll. Er führte mich dann vor das Haus, und das war das Schlimmste. Ich habe ihn noch gebeten, ob ich mir etwas anziehen könnte, ich hatte nur Monteurhosen und ein Hemd an, aber der Soldat lehnte das ab und führte mich vom Haus weg.“

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Bei dem Überfall zerstörte die Unita die Papierfabrik sowie das örtliche Umspannwerk. Alle Ausländer wurden zum Rand des Urwalds gebracht, in eine kleine Schlucht. Die meisten fürchteten das Schlimmste, zum Beispiel erschossen zu werden. Doch vor Ort notierte nur ein Führer der Rebellen ihre Namen. Lange konnten die Kämpfer die Stadt jedoch nicht halten, die eintreffenden Regierungskräfte drängten die Unita in die Berge und den Urwald. Die Rebellen entschlossen sich, die Ausländer als Geiseln mitzunehmen. Im Tschechischen Fernsehen wurde darüber berichtet:

„Laut den Nachrichten aus Angola, sind die gefangenen tschechoslowakischen Bürger gesundheitlich in einem guten Zustand. Die Kolonne der Unita, die den bewaffneten Überfall auf Alto Catumbela durchgeführt und unsere Mitbürger gefangen hat, bewegt sich nun zu Fuß durch das angolanische Hinterland. Die Kinder werden auf improvisierten Tragen transportiert. Um den Gesundheitszustand aller wird sich gekümmert, denn unter den Gefangenen sind auch eine Ärztin und zwei Krankenschwestern.“

Foto: Archiv von Lumír Novotný
Nachdem sich die Soldaten der Unita mit ihren Geiseln in den Busch geschlagen hatten, mussten sie eine Entscheidung treffen. Was sollte mit den insgesamt 66 Tschechoslowaken, unter ihnen 17 Frauen und 21 Kinder, geschehen? Stanislav Svoboda war stellvertretender Außenminister, davor bekleidete er den Posten des tschechoslowakischen Botschafters in Angola. Er war damals für den Entführungsfall zuständig:

„Aus späteren Erklärungen ging hervor, dass die Entführer die Geiseln zunächst erschießen wollten. Dann aber kam die Anweisung, die Ausländer zur Militärbasis der Unita im Süden Angolas zu bringen. Weil man auf einen solchen Transport nicht vorbereitet war, bedeutete dies für die Gefangenen großes Leid. Sie mussten zu Fuß etwa 1300 Kilometer durch den Urwald und durch Sümpfe gehen. Sie sahen sich allen möglichen Krankheiten ausgesetzt, weil die Kolonne nicht ausreichend ausgestattet war, weder mit Lebensmitteln, noch mit Medikamenten. Es wurde komplett improvisiert.“

Die Soldaten der Unita behandeln ihre Gefangenen so gut wie möglich. Die Ausländer erhalten Maisbrei, viele der Kinder und Frauen werden von ihren Begleitern getragen. Trotzdem werden viele krank. Sie leiden an Durchfall, Erschöpfung, Parasitenbefall und anderen Beschwerden. Das Ziel der Kolonne ist der wichtigste Militärstützpunkt der Unita an der Grenze zu Namibia. Um Angriffen der Regierungstruppen zu entgehen, führen die Unita-Kämpfer ihre Geiseln auf Umwegen zunächst nach Norden und schließlich durch die Berge nach Süden.

Während die Kolonne durch Busch und Urwald marschiert, versucht die Unita Kontakt zur tschechoslowakischen Regierung aufzunehmen. In Prag ist man aber sehr zurückhaltend: Die Unita wird von den USA und von Südafrika unterstützt, während die Tschechoslowakei auf der Seite der regierenden sozialistischen MPLA steht. Dementsprechend brisant ist daher auch die einzige Bedingung der Unita: Sie fordert die politische Anerkennung ihres Kampfes durch die Tschechoslowakei.

Foto: ČT24
Die Odyssee der Geiseln geht unterdessen ihrem Ende zu. Sie können nach 1300 Kilometern Fußmarsch auf Lastwagen umsteigen, mit denen sie weitere 1800 Kilometer zur Basis der Unita zurücklegen. Dort angekommen, lässt die Rebellenbewegung die Frauen und Kinder sowie sieben kranke Männer als Zeichen des guten Willens frei – die übrigen 20 Männer bleiben in der Basis. In den Nachrichten heißt es:

„Die Rebellenorganisation Unita hält im südöstlichen Zipfel Angolas auf ihrer Basis in der Nähe der Stadt Rivungo weiter 20 unserer Experten gefangen. Die tschechoslowakische Regierung bemüht sich, in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Ausschuss des Roten Kreuz, weiter um die Freilassung unserer Mitbürger.“

Jonas Savimbi (Foto: Ernmuhl, Wikimedia CC 3.0)
Aber die Verhandlungen ziehen sich. Erst im Mai 1984 lenkt die Regierung in Prag ein. Eine Delegation der Unita darf nach Prag reisen. Eduard Kukan, Leiter der Afrikaabteilung im Außenministerium, erhält die Aufgabe, „auf Teufel komm raus“ eine Einigung zu erzielen. Er geht mit der Delegation der Unita in das Prager Nationaltheater und anschließend sogar in eine Kneipe. Schließlich erfüllt die tschechoslowakische Regierung die Forderungen: einen Artikel in der Rudé Právo über die Verhandlungen zu veröffentlichen und einen hohen Vertreter des Außenministeriums zur Übergabe der Geiseln zu entsenden. So kommt es, dass Stanislav Svoboda, der stellvertretende Außenminister der Tschechoslowakei, im Mai in die Basis der Unita reist. Dort schüttelt er Unita-Führer Jonas Savimbi die Hand:

„Savimbi erklärte, er fordere 3000 Dollar für Unterbringung, Verpflegung und gesundheitliche Versorgung unserer Leute, die über ein Jahr in der Unita-Basis gefangen waren. Ich sagte ihm darauf, man könne über diese Forderung durchaus verhandeln, aber machte ihn zugleich darauf aufmerksam, dass wir dann erklären würden, dass es sich bei dem Geld um Lösegeld handele. In diesem Augenblick wäre die Unita vor der Weltöffentlichkeit von einer Befreiungsarmee zu einem Trupp Banditen geworden. Savimbi überlegte und sagte: ‚Okay, ich lasse sie ohne irgendwelche Zahlungen frei. Nur eines fordere ich: dass keiner von ihnen jemals, so lange der Konflikt andauert, nach Angola zurückkehrt’.“

Für die Opfer war die Gefangennahme damit beendet. Die Folgen wirken jedoch bis heute nach. Viele der Familien von damals sind zerbrochen, die Menschen sind bei der Erinnerung an das Erlebte noch immer erschüttert. Lubomír Sazeček hat seine Erlebnisse schriftlich verarbeitet, insgesamt drei Bücher hat er über die Odyssee veröffentlicht. Auch heute noch kehrt er regelmäßig in seinen Träumen nach Afrika zurück und durchlebt den Marsch immer wieder.