Ende der tschechischen Sendungen von Radio Freies Europa?

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Im Schatten der Verhandlungen zur Regierungsbildung und nahezu unkommentiert von den tschechischen Medien blieb in der vergangenen Woche ein anderes Ereignis, dem wir uns im folgenden zuwenden wollen:

Am Dienstag vergangener Woche kündigte der Direktor der in Prag ansässigen und von den USA finanzierten legendären Rundfunkstation Radio Free Europe/ Radio Liberty, Thomas Dine, an, dass die tschechischen Sendungen der Anstalt ab Ende September nicht mehr finanziert werden. Die offizielle Begründung hierfür lautete, dass der Sender "neue Prioritäten und neue finanzielle Belastungen habe, die er vor dem 11. September vergangenen Jahres nicht hatte". Man wolle die dadurch eingesparten Mittel in Höhe von 650 Tausend US-Dollar für Sendungen in Länder verwenden, die im Rahmen des internationalen Kampfes gegen den Terrorismus bedeutsam seien.

Auch der Vertrag mit dem Tschechischen Rundfunk, auf dessen Frequenzen Radio Freies Europa bislang auf Tschechisch sendet, werde aufgelöst, sagte Dine weiter. Olga Kopecka, die Präsidentin der tschechischen Redaktion von Radio Freies Europa, die wir vor dieser Sendung ans Mikrophon baten, will sich damit jedoch so einfach nicht zufrieden geben und hat eine Reihe von Schritten geplant oder bereits unternommen, um das endgültige Aus der tschechischen Sendungen zu verhindern:

"Also, zuerst versuche ich, die Verantwortlichen umzustimmen. Und dabei helfen mir die Briefe, Telefonate und E-mails von Tausenden Zuhörern, die entweder an uns oder an die amerikanische Botschaft oder sogar an den amerikanischen Präsidenten Bush gerichtet sind. Und außerdem sammele ich Kontakte zu verschiedenen amerikanischen Stiftungen, die Radio Freies Europa finanziell unterstützen könnten."

Die Beendigung der tschechischen Sendungen von RFE droht nicht zum ersten Mal. Als davon im Jahr 1993 die Rede war, protestierten die Zuhörer aber so stark, dass sie die Schließung dadurch verhindern konnten - die ungarischen Sendungen von Radio Freies Europa wurden hingegen eingestellt. Was sind das eigentlich für Hörer, die sich auf diese Weise bemerkbar machten, wie sieht überhaupt der Hörerkreis der tschechischen Sendungen von Radio Freies Europa aus? Hierzu noch einmal Olga Kopecka:

"Das sind z.B. Studenten, Professoren oder Ärzte, natürlich Politiker. Ich hab noch nie einen Politiker getroffen, der nicht unsere Sendungen hört, aber auch einfache Leute, sehr viele Rentner. Und zum Beispiel auch Busfahrer, unter Busfahrern ist es sehr beliebt, Radio Freies Europa zu hören. Also, der Kreis ist ziemlich weit."

Olga Kopecka arbeitet bereits seit 1965 bei Radio Freies Europa, zunächst in München, wo der Sender bis 1995 ansässig war. Damals bestand die Hauptintention der Rundfunkanstalt darin, Länder, in denen die Meinungs- und Pressefreiheit unterdrückt wurde, mit objektiven Informationen zu versorgen. Haben nicht heute die tschechischen Sendungen angesichts der demokratischen Entwicklung in diesem Land wirklich ein bisschen ihren Sinn verloren, wie der amerikanische Präsident Bill Clinton bereits 1993 sagte, als zum ersten Mal die Schließung des Senders drohte?

"Das glaube ich nicht. Denn die tschechischen Medien schätzen manchmal die Wichtigkeit verschiedener Ereignisse und Entwicklungen nicht richtig ein. Wir waren beispielsweise die einzigen, die im Januar über eine internationale Konferenz in Prag zum Thema "Die Rolle der Kirchen im europäischen Vereinigungsprozess" berichteten. Und wir haben auch mehr und objektivere Informationen zum Kosovo-Konflikt gebracht als die tschechischen Medien. Die meisten von uns sprechen mehrere Fremdsprachen und haben einen besseren Überblick über das, was in der Tschechischen Republik und in der Welt passiert."

Glaubt Frau Kopecka, dass die Proteste der Hörer auch diesmal helfen könnten, die tschechischen Sendungen von Radio Freies Europa zu retten?

"Also, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, aber ich hoffe es sehr."