Erste freie Wahl in der Tschechoslowakei vor 35 Jahren: Rekordbeteiligung und unerwartete Ergebnisse

Mitglieder des Wahlausschusses in Prag 6 bei der Auszählung der Stimmzettel während der Wahlen 1990

Vor 35 Jahren, am 8. und 9. Juni 1990, wurden in der Tschechoslowakei die ersten freien Wahlen nach dem Fall des Kommunismus abgehalten. Die Abstimmung fand in einer Zeit der Euphorie und Hoffnung statt, in der die Bürger endlich frei über die Zukunft ihres Landes entscheiden durften.

Foto: e-Sbírky,  Národní muzeum - Historické muzeum,  CC BY-NC 4.0

Vor 35 Jahren, am 8. und 9. Juni 1990, wurden in der Tschechoslowakei die ersten freien Wahlen nach dem Fall des Kommunismus abgehalten. Die Abstimmung fand in einer Zeit der Euphorie und Hoffnung statt, in der die Bürger endlich frei über die Zukunft ihres Landes entscheiden durften.

Die Menschen wählten beide Kammern der Föderalversammlung sowie den Tschechischen und den Slowakischen Nationalrat, das heißt die Regierungen der beiden Teilrepubliken. In der Tschechischen Republik siegte die Plattform Občanské fórum (Bürgerforum, OF), in der Slowakei Verejnosť proti násiliu (Öffentlichkeit gegen Gewalt, VPN). Überraschenderweise waren aber auch die Kommunisten erfolgreich und belegten den zweiten Platz.

Foto: e-sbírky,  Ústav pro soudobé dějiny Akademie věd,  CC BY-NC 4.0

Die Wahlen wurden von einem noch nie dagewesenen Interesse der Bürger begleitet. Rufe nach freien Wahlen und politischem Wandel waren überall im öffentlichen Raum zu hören. Transparente des Bürgerforums mit Slogans wie „Mit uns nach Europa“ hingen an Gebäuden und in Schaufenstern. Sie tauchten auch auf Demonstrationen auf, in der Presse und in den Händen einzelner Bürger, die damit ihren Wunsch nach echter Demokratie zum Ausdruck brachten. Die Wahlbeteiligung lag bei über 96 Prozent der Wahlberechtigten – eine Zahl, die seither nie wieder erreicht wurde. „Unseren Bürgern ist es nicht egal, unter welchen Bedingungen sie leben und leben werden“, kommentierte der damalige Präsident Václav Havel.

Stasi-Vorwurf beeinflusst Wahlkampf

Den Wahlen ging eine Kontroverse um den Vorsitzenden der Volkspartei, Josef Bartončík, voraus. Er wurde mit dem Vorwurf konfrontiert, mit dem kommunistischen Geheimdienst StB zusammengearbeitet zu haben. Die Informationen wurden kurz vor den Wahlen von Vize-Innenminister Jan Ruml veröffentlicht und beeinflussten das politische Geschehen.

Bürgerforum an der Spitze

Foto: ČT

Bei der Wahl zur Föderalversammlung und zum Tschechischen Nationalrat erhielt das Bürgerforum (OF) jeweils rund 50 Prozent der Stimmen. „Wir haben auf den Respekt vor den Wählern und deren Weisheit gesetzt“, sagte einer der damaligen OF-Kandidaten, Miloš Zeman.

Die nachfolgende Wahlperiode wurde auf zwei Jahre verkürzt, mit dem Ziel, eine neue Verfassung zu verabschieden, was allerdings letztlich scheiterte. Denn allmählich begannen die tschechisch-slowakischen Beziehungen die öffentliche Debatte zu dominieren. Das Bürgerforum wurde knapp ein Jahr nach der Wahl aufgelöst. Trotzdem waren die Wahlen im Juni 1990 ein wichtiger politischer Wendepunkt und ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Demokratisierung der Gesellschaft.

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