Europäisches Begegnungszentrum will an die Salons von Sidonie Nadherny anknüpfen

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Das Schloss Vrchotovy Janovice ist dank seiner einstigen Schlossherrin Sidonie Nadherny in die Geschichte eingegangen. Diese Dame, eine Kunstliebhaberin und Mäzenin, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Freundin und Muse von Rainer Maria Rilke, Karl Kraus und weiteren Schriftstellern und Künstlern. An diese Tradition anknüpfend, will man auf Schloss Janowitz einen Ort schaffen, wo sich - dank der Zusammenarbeit des Nationalmuseums Prag und des Münchner Adalbert-Stifter-Vereins - künftig öfters Künstler und Wissenschaftler treffen werden. Hören Sie mehr dazu im folgenden Gespräch, das Marketa Maurova mit dem Vorsitzenden des Adalbert-Stifter-Vereins, Dr. Peter Becher führte.

Heute wird eine weitere Frühjahrstagung im Schloss Vrchotovy Janovice veranstaltet. Seit wann gibt es diese Treffen, diese Zusammenarbeit zwischen dem Nationalmuseum in Prag und dem Adalbert-Stifter-Verein?

"Die Treffen gehen auf das Jahr 1999 zurück. Damals hat es eine schöne multilaterale Aktion im Mai gegeben: Es sind nämlich die sterblichen Überreste der Baronin Sidonie von Nadherny eben in den Schlosspark Vrchotovy Janovice überführt worden. Damals waren auch die Kulturminister von Tschechien und Deutschland dabei, und die ganze Aktion hat allen so gut gefallen, dass man sich spontan entschlossen hatte, wir wollen daraus ein größeres, langjähriges Projekt machen, das jetzt unter dem Titel Begegnungszentrum, "Europäisches Begegnungszentrum" in Janovice läuft. Und in den nächsten Jahren haben wir schon verschiedene Kolloquien durchgeführt, z.B. hat es im letzten Jahr, genau um diese Zeit, ein Parkkolloquium gegeben, da ist es um die Restaurierungsmaßnahmen gegangen. Und auf diese Art und Weise versuchen wir jetzt auch weiter zusammenzuarbeiten."

Das Programm des Zentrums soll vor allem für Künstler und Wissenschaftler bestimmt sein. Wie soll die Arbeit des Zentrums aussehen?

"Also wir haben uns einerseits vorgenommen, dass wir in den nächsten Jahren Begegnungen und Kolloquien durchführen wollen, zu denen wir auch auf besondere Weise auch Schriftsteller und Künstler einladen, und auf der anderen Seite ist die Idee entstanden, dass man in dem Schloss selber einige Plätze schaffen könnte für Stipendiaten. Und die Idee ist, dass dann dort die Stipendiaten eine Zeit lang, ein paar Wochen oder ein paar Monate leben können und arbeiten können an den Projekten, an denen sie gerade dran sitzen."

Wie würden Sie diese Dame, Sidonie von Nadherny, charakterisieren? Worin war sie so außerordentlich?

"Sie muss - was ich leider nicht miterleben konnte - einen ganz starken persönlichen Charme gehabt haben, eine Ausstrahlungskraft, und darüber hinaus war sie eine sehr kunstinteressierte Dame, die nicht nur mit tschechischen Künstlern, sondern auch mit deutschsprachigen Künstlern und mit französischen Künstlern in ihrer Zeit, also in den 20er und 30er Jahren intensive Kontakte wahrgenommen hatte, und dadurch hat sie so ein wenig die Rolle eines Salons, könnte man fast sagen, ausgeübt, d.h. sie hat Menschen an sich gebunden, die immer wieder nach Janovice gekommen sind, und hat sie eigentlich inspiriert in ihrer Arbeit."

Eigentlich können Stipendienaufenthalte als eine Fortsetzung dieser Salonstätigkeit aussehen...

"Ja, genauso könnte man das beschreiben, in einer zeitgemäßen Form. Natürlich können wir nicht auf dieses frühere direkte konkrete Form zurückgreifen, wir haben auch leider keine Sidonie, keine neue, die in Janowitz residiert, aber als eine zeitgemäße Form könnte man das durchaus beschreiben."