Europas Rafting-Elite wird von Teufelsströmung auf Herz und Nieren geprüft

Čertovy proudy (foto: Kudy z nudy)

Rafting ist eine in Mitteleuropa seit Mitte der achtziger Jahre populär gewordene Freizeitsportart. In Tschechien behauptet man sogar, dass Rafting schon in den 1960er Jahren auf der Moldau betrieben wurde. Fest steht aber, dass die Tschechen zu den erfolgreichsten Schlauchboot-Fahrern gehören, seit in diesem Sport auch Welt- und Europameisterschaften ausgetragen werden. In diesen Tagen wollen sie daran erneut anknüpfen, wenn am heimischen Lipno-Stausee die Europameisterschaften im Rafting und im Extrem-Kanusport stattfinden.

Čertovy proudy (foto: Kudy z nudy)
Das tosende Wasser der Moldau und mit Stromschnellen kämpfende Wassersportler – dieses beeindruckende Schauspiel können sowohl Sportfans als auch Adrenalin-Junkies von Donnerstag bis Sonntag am südböhmischen Oberlauf der Moldau erleben. Denn an diesen Tagen gibt sich dort im Rafting und im Extrem-Kanusport ein Großteil der Weltelite ein Stelldichein. Dazu wird in starken Schüben Wasser von der Talsperre Lipno abgelassen. Und das in einen Abschnitt der Moldau, der unter diesen Bedingungen vielsagend als Teufelsströmung (Čertovy proudy) bezeichnet wird. EM-Organisationschef Jiří Polák ist die Vorfreude auf den großen Sportevent bereits anzumerken:

„Die Erschließung dieser Strecke ist insbesondere für die tschechischen Wassersportler wie ein Feiertag. Das Energieunternehmen ČEZ lässt das Wasser von der Talsperre nämlich nur einmal im Jahr in dieser Stärke ab. Das bedeutet nichts anderes, als das jeder Tscheche, der sich dem Wassersport verschrieben hat, stets Ende August / Anfang September nach Lipno kommt. Denn dann kann er erleben, was ein wilder und ungezähmter Fluss ist.“

Selbst der mehrfache Weltmeister im Rafting, der Prager Milan Znamenáček, begegnet der Teufelsströmung, die sich von Loučovice bis nach Vyšší Brod erstreckt, auch heute noch mit Respekt:

Foto: Jiří Čondl
„Ich kann mich noch erinnern, wie ich diese Strecke das erste Mal im Schlauchboot gemeinsam mit meiner Frau und zwei Freunden absolviert habe. Anfangs hatten wir keine Probleme, doch dann hatten wir nur noch Trouble. Zuerst kenterten wir und hatten dann fast kein Wasser mehr, weil die Schleuse inzwischen wieder geschlossen wurde. Wir kämpften uns auf dem verbliebenen Wasser zwischen all den Steinen durch, und ich muss sagen: Wir hatten damals großen Respekt vor dieser Strömung.“

Gegenüber anderen Raftingstrecken in der Welt habe die Teufelsströmung zudem noch einen großen Vorteil: Man kann sie relativ bequem über zwei Zufahrten erreichen. Sonst befinden sich die Strecken für diesen Wildwassersport zumeist in Canyons und sind nur durch eine enge Schlucht zu erreichen, so Znamenáček. Dieser Vorteil hat sich schon einmal bemerkbar gemacht: Im Jahr 2003 wurde bei Lipno nämlich die Weltmeisterschaft im Rafting ausgetragen. Jiří Polák erinnert sich:

„Uns hat der Andrang damals ziemlich überrascht, zumal der Raftingsport quasi noch in den Kinderschuhen steckte. Die Anfänge im Rafting als Sportart gehen auf die Jahre 1996/97 zurück, dennoch kamen vor neun Jahren sehr viele Zuschauer. Beim Wettbewerb im Slalom, der an einem Samstag stattfand, zählten wir nicht weniger als 15.000 Besucher.“

Für dieses Wochenende rechnet Jiří Polák sogar mit noch größeren Zuschauerzahlen. Aber nicht nur deshalb, weil Rafting inzwischen noch viel populärer geworden ist, sondern auch wegen einer tollen Geste der Tschechischen Bahn:

Čertovy proudy (foto: Kudy z nudy)
„Die Tschechische Bahn wird jeden, der zu dieser Sportveranstaltung kommt, vor Ort umsonst befördern. In unser heutigen Zeit und unser Gesellschaft ist das eine kaum noch gesehene Erscheinung.“

Die kostenlose Beförderung beschränkt sich natürlich auf den Zugtransport zwischen den Orten an Start und Ziel, also zwischen Loučovice und Vyšší Brod.

Autor: Lothar Martin
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