Forum Gesellschaft

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Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, bei der heutigen Ausgabe des Themenkaleidoskops. Wir werden heute über zwei Probleme berichten, mit denen auch andere europäische Länder konfrontiert sind, die aber in Tschechien gleichzeitig landesspezifische Ausprägungen haben. Beim ersten Thema geht es darum, welchen Plan die tschechische Regierung hat, um mit der niedrigen Geburtenrate und den daraus resultierenden Folgen fertig zu werden. Danach erfahren Sie, was die tschechischen Lehrer machen, wenn die Handys während des Unterrichts klingeln. Gute Unterhaltung wünschen Ihnen Olaf Barth und Daniela Kralova.

Die Tschechische Bevölkerung wird immer älter. Der Baby-Boom der siebziger Jahre ist endgültig abgeklungen und eine durchschnittliche Familie bringt laut Statistiken nur etwa 1,14 Kinder zur Welt. Damit liegt das Land tief unter dem europäischen Durchschnitt und nur vier andere Länder des Kontinents weisen eine noch niedrigere Geburtsrate auf. Die Hauptursachen sehen Soziologen vor allem in zwei Faktoren: Einerseits änderte sich in den letzten zehn Jahren grundsätzlich der Lebensstil vieler Menschen. Während zu den Zeiten des Sozialismus die Familie für Viele zum nahezu einzigen Lebensinhalt avancierte, öffnete sich für die heutigen potentiellen Familiengründer wortwörtlich die Welt: Reisen, Bildung und Karriere locken eine beträchtliche Anzahl Menschen mehr an als ein gemütliches Familienleben. Andererseits, und diese Feststellung klingt weniger positiv, denken einige Menschen, dass sie sich eine Familie nicht leisten können: Wohnungsknappheit, hohe Lebenskosten, die Bedrohung durch die Arbeitslosigkeit oder niedriges Einkommen bringen etliche Menschen davon ab, Kinder in die Welt zu setzen.

Aber nicht nur die niedrige Geburtenrate ist für das Ansteigen des Altersdurchschnitts der tschechischen Bevölkerung verantwortlich. Auch dank der immer höheren Lebenserwartung steigt die Anzahl der Rentner ständig an. Dieser Trend lässt in vielen Bürgern, vor allem jenen aus geburtsstarken Jahrgängen, die Befürchtung aufkeimen, dass das gegenwärtige Rentensystem in etwa zwanzig Jahren zusammenbrechen könnte.

Zu diesem Phänomen musste deshalb auch die tschechische Regierung Stellung beziehen. Nach dem Leiter der Abteilung für Europäische Integration am Ministerium für Arbeit und Soziales Michal Meduna gibt es theoretisch drei Lösungsmöglichkeiten:

"Im Kampf gegen diese ungünstige Situation kann die Tschechische Republik praktisch drei Instrumente nutzen: Das erste und beste Instrument ist natürlich eine höhere Geburtenrate, aber dies lässt sich auch in den hochentwickelten europäischen Gesellschaften nicht im erforderlichen Maß verwirklichen. Das zweite wäre eine niedrigere Lebenserwartung anzustreben, was aber keine Gesellschaft akzeptieren kann. Und das dritte Instrument ist, den Zufluss von Migranten zu erhöhen."

Und gerade auf die letzte Karte setzte das Ministerium für Arbeit und Soziales, als es ein Pilotprojekt vorbereitete, das die Folgen der ungünstigen demographischen Entwicklung zumindest teilweise lindern soll. Augrund dessen soll in den nächsten Jahren eine Reihe (nach Schätzungen des Ministeriums zuerst Hunderte und später vielleicht Tausende) von Ausländern ins Land kommen. Mit dem Erhalt einer Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis sollte ihnen ermöglicht werden, sich im künftigen EU-Land Tschechien dauerhaft niederzulassen. Wie Michal Meduna vom Ministerium für Arbeit und Soziales sagt, geht es um Folgendes:

"Es geht darum, gebildeten und qualifizierten ausländischen Arbeitskräften den Zugang auf den tschechischen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Nachfolgend soll auch ihre Integration durch alle Mittel gewährleistet werden, damit diese Ausländer für die Gesellschaft einen Gewinn darstellen."

Integration ist während eines solchen Programms, dessen Realisierung - wenn es die tschechische Regierung billigt - bereits in den nächsten Monaten beginnt, ein Schlüsselwort. Ist die tschechische Gesellschaft überhaupt auf einen Zufluss von Immigranten ausreichend vorbereitet? Das fragten wir erneut Michal Meduna, den Abteilungsleiter für Europäische Integration am Ministerium für Arbeit und Soziales:

"Aufgrund der Tatsache, dass in der Tschechischen Republik bereits jetzt mehr Ausländer leben als in Polen, Ungarn und der Slowakei zusammen, glaube ich schon dass Tschechien vorbereitet ist. Das Land konnte sich auch bisher mit den Ausländern abfinden, die hierzulande leben und arbeiten. Es wird nie um enorme Ausländerzahlen gehen, sondern darum, dass qualifizierte und gebildete Menschen eine Chance bekommen, aufgrund der sie für die Tschechische Republik einen positiven Beitrag leisten."

Das Ministerium ist also bezüglich der Integration dieser Menschen, die aus anderen Kulturkreisen nach Tschechien kommen sollen, zuversichtlich. Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zeigen aber deutlich, dass die Integration nicht ganz leicht ist und eine Reihe von Problemen mit sich bringt. Deshalb fragten wir auch die Direktorin der Beratungsstelle für Asylsuchende vom Tschechischen Helsinki-Komitee Anna Grusova, ob sie meint, dass Tschechien auf diese Veränderung vorbereitet ist:

"Ich glaube, dass die Tschechische Republik auf die Ankunft einer höheren Ausländeranzahl nicht ausreichend vorbereitet ist. Denn in Bezug auf die Ausländer gilt in einem hohen Maß noch das alte Verständnis, das hier vor dem Jahre 89 herrschte Es ist ein gewisses Misstrauen gegenüber Ausländern und eine Haltung, nur diejenigen zu akzeptieren, die reich sind."

Trotz der Erwartung des Ministeriums, dass das Projekt nicht auf den Widerstand einiger gesellschaftlicher Gruppen oder Individuen stoßen wird, zeigen Erfahrungen aus westeuropäischen Ländern etwas Anderes. Und es kann kaum angezweifelt werden, dass die Akzeptanz einer höheren Ausländerquote eine gesellschaftliche Herausforderung für die tschechische Gesellschaft sein wird.

Handys in den Schulen

Die Handy-Plage befiel in den letzten Jahren auch die Schulen in Tschechien. Wie viele Schüler jetzt nicht mehr nur mit Schulbüchern und Stiften zur Schule gehen, sondern auch mit einem mobilen Telefon, weiß man nicht genau; die Schätzungen bewegen sich zwischen 20-50 Prozent, Tendenz steigend. Gerade jetzt nach Weihnachten stieg die Zahl der schulpflichtigen Handybesitzer um Einiges an. Während sich aber die Kleinen über das kostspielige Geschenk freuen können, hält sich die Freude der Lehrer zweifellos in Grenzen.

Verbindliche Richtlinien für den Handyumgang in den Schulen gibt es nicht. Und wie uns die Pressesprecherin des Schulministeriums Vladimira Al-Malikiova mitteilte, wird es auch in der nahen Zukunft nichts derartiges geben:

"Wir haben nicht einmal die gesetzlich gegebene Kompetenz, dieses Problem aus der Machtposition zu lösen. Das Ministerium kann nur in der Form eines Vorschlags oder einer Empfehlung aushelfen. Sonst liegt die gesamte Problematik in der Kompetenz der Schuldirektoren und Schuleinrichtungen."

Um herauszufinden, wie die einzelnen Schulen dieses Problem handhaben, fragten wir an einem Prager Gymnasium die Lehrerin Alena Slipkova, wie mit den Handys in ihrer Schule umgegangen wird.

Klingeln während des Unterrichts wurde also noch nicht zur Regel. Unter bestimmten Umständen wäre Frau Slipkova sogar bereit, eine Ausnahme zu machen:

Autoren: Olaf Barth , Daniela Kralova
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