Gradmesser Wimbledon: Berdych und Kvitová scheitern im Viertelfinale

Tomáš Berdych (Foto: ČTK)

Tennis ist ein Einzelsport und seine Idole werden dementsprechend verehrt. In Tschechien aber ist die Euphorie der 1980er Jahre, als die in die USA ausgewanderten Stars Martina Navrátilová und Ivan Lendl die Tennisszene beherrschten, erst im Team zurückgekehrt. Seit den jüngsten Fed-Cup-Erfolgen der Damen (2011, 2012) und dem zweiten Davis-Cup-Sieg der Herren (2012) ist der „weiße Sport“ hierzulande wieder in aller Munde. Bei den großen Einzelturnieren aber will es bei der besten Spielerin und dem besten Spieler Tschechiens noch nicht so richtig klappen. Warum aber bloß, fragen sich nicht nur die Experten.

Tomáš Berdych (Foto: ČTK)
Bei den Triumphen in den Mannschaftswettbewerben hatten die jeweiligen Top-Spieler des Landes, Tomáš Berdych und Petra Kvitová, stets die Führungsrolle inne. Vor allem dank ihrer Qualitäten im Einzelspiel hatten die tschechischen Teams sehr häufig je zwei Punkte bereits sicher. Ihre Stärke können der 27-jährige Berdych und die 23-jährige Kvitová auf der internationalen Tour jedoch nur gelegentlich umsetzen. Berdych hat es bisher auf acht ATP-Turniersiege gebracht, allerdings war kein Grand Slam darunter. Kvitová hat zehn WTA-Turniere gewonnen, darunter das legendäre Rasenturnier von Wimbledon und die WTA Tour Championships im Jahr 2011.

Diese Erfolge liegen 24 beziehungsweise 20 Monate zurück, als Kvitová mit Rang zwei auch ihre bisher beste Platzierung in der Weltrangliste inne hatte. Seitdem aber hat die 1,82 Meter große Linkshänderin nie wieder so richtig an ihr Erfolgsjahr anknüpfen können und seit Herbst vergangenen Jahres sogar zur Talfahrt angesetzt. In diesem Jahr steht bisher nur der Turniersieg von Dubai zu Buche, bei den Grand-Slam-Turnieren in Melbourne und Paris schied sie jeweils schon in der ersten Woche aus. Umso größere Hoffnungen hatte Kvitová auf Wimbledon gesetzt, ihrem Lieblingsturnier im gleichnamigen Stadtteil von London. Nach wackligem Beginn, bei dem die Tschechin in der ersten Woche zweimal über drei Sätze gehen musste und zudem noch einmal kampflos weiterkam, zeigte sie im Achtelfinale gegen die Spanierin Suarez-Navarro endlich wieder eine stärkere Leistung. Doch auch aus einem anderen Grund bot sich ihr auf einmal die Großchance, den Wimbledonsieg von 2011 zu wiederholen. In ihrer Hälfte des Hauptfelds waren die Favoritinnen nämlich bereits reihenweise ausgeschieden, so dass nun die Weltranglisten-Achte zur heißen Titelkandidatin aufrückte. Kvitová selbst aber wiegelte ab:

Petra Kvitová (Foto: ČTK)
„Jetzt sprechen alle auf einmal davon, dass ich als die am höchsten gesetzte Spielerin in meiner Hälfte das Finale locker erreichen müsste. Es ist aber nicht unbedingt sehr angenehm, das zu hören, doch selbstverständlich muss ich damit klarkommen. Ich hoffe, dass ich das meistere.“

Als dann auch noch in der anderen Hälfte des Hauptfelds Topfavoritin Serena Williams an der Deutschen Sabine Lisicki scheiterte, sprach einiges dafür, dass Kvitová auf dem Weg zum zweiten Wimbledonsieg nun nicht mehr aufzuhalten sei. Die Tschechin aber machte deutlich:

„Es ist diesmal völlig anders als vor zwei Jahren. Damals kannte mich niemand, niemand hat von mir etwas erwartet. Ich ging einfach auf den Court, zog mein Spiel durch und war schnurstracks eine Runde weiter. Es hat irgendwie geklappt. Jetzt aber stehe ich vor einer völlig anderen Situation.“

Kirsten Flipkens (Foto: Dmadeo, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Es war die Situation, die Favoritenrolle tragen zu müssen und statt der Jägerin nun selbst die Gejagte zu sein. Eine Rolle, in der sich Petra Kvitová offenbar nicht wohl fühlt. Anstatt unbeschwert aufzutreten und sich auf jeden Ballwechsel optimal zu konzentrieren, flattern bei der 23-Jährigen in der neuen Rolle öfter die Nerven. Großartigen Schlägen folgen allzu schnell darauf überhastet oder ungenau abgeschlossene Aktionen, das verunsichert sie dann zusehends und baut ihre jeweilige Gegnerin auf. So war es dann auch im Viertelfinale gegen Kirsten Flipkens. Kvitová hatte die Belgierin zunächst im Griff und gewann den ersten Satz mit 6:4. Mitte des zweiten Satzes brach sie aber plötzlich ein, so dass Flipkens mit 6:3 zum 1:1-Satzausgleich egalisieren konnte. Im alles entscheidenden dritten Satz lag Kvitová stetig vorn, ließ dann aber einen Breakball liegen und verlor im neunten Game selbst ihr Aufschlagspiel. Zwei Matchbälle der Belgierin konnte sie zwar noch abwehren, aber im dritten Versuch machte Flipkens den Sieg mit einem Ass perfekt. Danach blieb Kvitová nur noch die Enttäuschung:

Sabine Lisicki (Foto: ČTK)
„Leider habe ich das heutige Spiel nicht so gut zu Ende gebracht wie das gestrige, was mich sehr ärgert. Die Chance, ins Halbfinale einzuziehen, war groß. Sie ausgelassen zu haben, wird mich sicher noch lange ärgern, doch auch darüber muss ich hinwegkommen. Flipkens hat hingegen vorzüglich gespielt und steht zu Recht im Halbfinale.“

Am Ende stand keine Top-Ten-Spielerin im Finale, sondern es gewann Marion Bartoli als Nummer 15 der Weltrangliste gegen die Berlinerin Sabine Lisicki als Nummer 23. Nach der ersten Enttäuschung versuchte aber auch Petra Kvitová ihrem diesjährigen Auftritt in Wimbledon das Positive abzugewinnen:

Novak Djokovic (Foto: ČTK)
„In meiner momentanen Stimmung sehe ich nichts, was mich erfreuen könnte. Wenn ich aber nur ein paar Wochen zurückschaue, dann muss ich zugeben, hier im Wimbledon mein bisher bestes Grand-Slam-Turnier in dieser Saison gespielt zu haben. Ich bin hier wie im Vorjahr bis in das Viertelfinale vorgedrungen, von daher lässt sich wohl auch etwas Positives für mich finden.“

Vor dem Turnier von Wimbledon, und erst recht nach der Auslosung der Einzelpaarungen, wurden in Tschechien Tomáš Berdych die größten Chancen auf eine lange Turnierteilnahme eingeräumt. Gegenüber Petra Kvitová kann er in dieser Saison die weitaus stabileren Leistungen vorweisen. An den in der Weltrangliste vor ihm platzierten fünf Spielern allerdings hat er sich bisher noch stets die Zähne ausgebissen. Und nach der Auslosung von Wimbledon war klar: Ab dem Viertelfinale dürfte er wieder auf einen der großen Favoriten treffen. Der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic tat ihm dann auch nicht den Gefallen, womöglich schon etwas früher auszuscheiden. Also stand Berdych in der Runde der besten Acht vor der Herkulesaufgabe, den Serben im 16. Duell das dritte Mal zu bezwingen. Doch er schaffte es nicht, nach drei verlorenen Sätzen kassierte Berdych vielmehr seine 14. Niederlage gegen Djokovic. Was für ihn danach blieb, war die Ernüchterung:

Tomáš Berdych (Foto: ČTK)
„Mit der heutigen Leistung konnte ich nicht gewinnen, denn es gab viele Sachen, mit denen ich nicht zufrieden sein kann - vor allem im zweiten Satz, als ich schon 3:0 führte. Gegen einen solchen Spieler darf man diese Führung einfach nicht verspielen. Wenn man da nicht an die Grenze seiner Möglichkeiten geht, kann man ihn auch nicht bezwingen. Ich denke, dass ich durchaus in der Lage bin, besser zu spielen als heute. Djokovic hat verdient gewonnen.“

Im Gegensatz zu Petra Kvitová hat Tomáš Berdych also in Wimbledon sein Soll erfüllt – nicht mehr und nicht weniger. Für die US Open sowie die Grand-Slam-Turniere im nächsten Jahr aber hegt der 27-Jährige eine leise Hoffnung:

„Zum Erreichen des Viertelfinales würde ich sagen, das ist die Verteidigung der Position, die ich im Moment inne habe. Wenn es noch etwas weiter gehen soll, dann muss ich halt noch etwas draufpacken. Aber es sollte auch nicht passieren, dass ich bei drei Grand-Slam-Turnieren zweimal schon im Viertelfinale auf Djokovic treffe. Vielleicht habe ich einmal auch mehr Glück.“


Andy Murray (Foto: ČTK)
Nicht nur eine kleine Hoffnung, sondern ein großer Traum ging diesmal bei den All England Championships für alle tennisverrückten Briten und besonders für den Schotten Andy Murray in Erfüllung. Im Finale des Herren-Einzel bezwang er nämlich Djokovic in nur drei Sätzen mit 6:4, 7:5 und 6:4. Die Freude unter den Gastgebern war deshalb überschwänglich, weil Murray nach 1936 der erste Brite ist, der den Rasenklassiker erneut gewinnen konnte. Der 26-jährige Schotte machte in seiner Dankensrede zur Siegerehrung dann auch kein Hehl daraus, dass sein jetziger Trainer, der achtfache Grand-Slam-Gewinner Ivan Lendl, einen großen Anteil an diesem Erfolg habe. Der 53-jährige Lendl, der seine großen Turniersiege in Melbourne, Paris und New York, aber eben nicht in Wimbledon feierte, war ganz gerührt, als ihm sein Schützling quasi den ersten Turniersieg auf dem heiligen Rasen von Wimbledon „schenkte“. Gegenüber dem Tschechischen Rundfunk machte Lendl aber klar:

Andy Murray mit Ivan Lendl (Foto: ČTK)
„Ich bin natürlich froh darüber, dass Andy gewonnen hat, und ich hoffe, dass dies nicht zum letzten Male der Fall sein wird. Dennoch ist der Sieg von ihm nicht dasselbe, als wenn ich hier selbst gewonnen hätte.“

Autor: Lothar Martin
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