Hörerforum

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Ahoi und herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zu einer neuen Ausgabe der Sendung, in der wir uns mit Ihrer Post befassen - dem Hörerforum. Am Mikrofon begrüßen Sie Dagmar Keberlová und Lothar Martin.

Obwohl sich in den zurückliegenden Tagen im diplomatischen Streit zwischen Tschechien und Österreich, hervorgerufen durch die vornehmlich von Tschechiens Premier Milos Zeman und führenden Vertretern der Freiheitlichen Österreichischen Partei (FPÖ) gemachten Äußerungen, die Wogen wieder etwas geglättet haben - einige unserer Hörer haben diese Misstöne nicht unberührt gelassen. So schrieb zum Beispiel unser Stammhörer Herr Engelbert Borkner aus Hildesheim: "Ist das nicht ein bisschen happig, im Zusammenhang mit dem Streit mit Österreich über das AKW Temelín die Sudetendeutschen pauschal als Fünfte Kolonne und Landesverräter zu bezeichnen? Ist da Herr Zeman nicht ein bisschen zu weit gegangen?"

Für unseren Hörer Gerhard Langer aus München ist er das, denn in etwas geharnischtem Ton teilte er uns seine Meinung wie folgt mit: "Solang die tschechische Regierung solche Äußerungen wie Premier Zeman abgibt, sehe ich keine Veranlassung, auch nur einen Cent in der Tschechischen Republik bei einem Besuch meiner Heimat auszugeben! Man kann die ´angebliche Wahrheit´ auch anders formulieren, das war jedenfalls reine Primitivität!"

Weit nachdenklicher stimmt die Zuschrift eines weiteren Hörers sudetendeutscher Herkunft. Zu den Aussagen von Milos Zeman schrieb uns Herr Bernd Bickelhaupt aus Seeheim-Jugenheim in Hessen: "So gesehen ist es kein Wunder, dass meine Mutter bisher nicht zu bewegen war, ihre alte Heimat zu besuchen. Sie wurde aufgrund der Benes-Dekrete 1946 mit neun Jahren aus der Tschechoslowakei ausgewiesen. Von den eigentlich zugelassenen 50 kg Gepäck blieben ihr nach den zahllosen ´Zollkontrollen´ eine Decke und die Taufurkunde. Die übrigen Sachen, Urkunden und Dokumente wurden ´eingezogen´, u.a. weil ihre Matrikeleinträge für ungültig erklärt wurden."

Das hier eben in kurzen Zügen geschilderte Schicksal ist sicher ein exemplarisches für die vielen Schmerzen, die sich Tschechen und die in der damaligen Tschechoslowakei lebenden Deutschen zugefügt haben. Deshalb sollten die Narben, die dabei entstanden sind, nicht durch markige, unsensible Äußerungen, wie sie im Januar gefallen sind, erneut aufgerissen werden. Wir, Herr Bickelhaupt, werden demgegenüber in einer unserer nächsten Sendungen auf ihre zu den Benes-Dekreten gestellten Frage zurück kommen.

Zu einem Streit, der vom Zaune gebrochen wird, gehören jedoch immer zwei. Und so wollen wir - genau wie viele unserer Hörer - auch nicht die andere Seite der Medaille, sprich: den populistischen Jörg Haider außer Acht lassen bei der Nachbetrachtung auf die noch relativ frischen Geschehnisse. Unser Hörer Alexander Kriegelstein aus Wien nahm jedenfalls kein Blatt vor den Mund: "Als Österreicher kann ich mich nicht für alle meine Landsleute entschuldigen, aber ich versichere Ihnen, dass Herr Haider und seine Gesellen von der großen Mehrheit in Österreich verachtet werden. Dass ein Profiteur des Nazi-Raubregimes wie er auf Entschädigungen drängt ist beschämend."

Zum Auslöser des Streits, dem südböhmischen Atomkraftwerk Temelín, schrieb uns Herr Michael Schaetzle aus Königstein: "Obwohl auch ich gegen die Kernenergie bin und die Österreicher sehr gut verstehen kann, war der Weg des Referendums sicherlich der falsche, da hier über ein Objekt abgestimmt wurde, dass sich nicht auf österreichischem Gebiet befindet und somit außerhalb der Zuständigkeit Österreichs. Es wäre falsch, den Beitritt Tschechiens zur EU wegen dieses Streites zu behindern."

Ein, so finden wir, ziemlich treffendes Resümee zu einem Streit, der uns wirklich nicht weitergeholfen hat. Deshalb verlassen wir dieses hitzige Thema für heute und hoffentlich lange Zeit und wenden uns nach einer kurzen Pause Ihren Hörerfragen zu.


Im zweiten Teil unseres heutigen Hörerforums möchten wir zumindest auf zwei Fragen, die Sie uns gestellt haben, eine Antwort geben. Da die Sendezeit wie immer knapp bemessen ist, hier gleich die Frage unseres Hörers Frank Bresonik aus Gladbeck. Er fragte uns in einem seiner letzten Schreiben: "Gibt es in Eurem Land eigentlich jüdische Viertel, Synagogen usw. - und wie stark sind die Juden in Tschechien integriert?"

Zur Beantwortung dieser Frage hat unsere freie Mitarbeiterin Marion Riese Recherchen angestellt und dabei folgendes zu Tage gefördert:

Mit Beginn der Arbeit der Föderation im Jahre 1990 gab es in den zehn jüdischen Gemeinden in Tschechien ca. 3000 Juden, was heute nicht anders ist. Neben diesen registrierten Mitgliedern der Gemeinden gibt es aber auch noch geschätzte 15.000 bis 20.000 Personen, die der jüdischen Gemeinschaft angehören. Ein Zusammenleben wie früher, in jüdischen Vierteln, gestaltet sich jedoch immer schwieriger und konnte nur in den Städten Brno/Brünn, Karlovy Vary/Karlsbad und Prag geschaffen werden. Obwohl es aber ein traditionelles Ziel der Juden ist, in einem Viertel zusammen zu leben, sollte es nach Meinung von Dr. Tomás Kraus eher erreicht werden, dass wieder ein Zusammenleben der verschiedenen Kulturen, sprich: der Tschechen, Juden und Deutschen entsteht.

Tomás Kraus ist Vorstandsmitglied der Föderation der jüdischen Gemeinden Tschechiens. Auf die Frage, ob es Probleme bei der Integration der Juden in der Tschechischen Republik gebe, antwortete er Radio Prag:

"Im Gegenteil. Mit der Integration der Juden ist das überhaupt keine Frage. Im Gegenteil. Was wir heute mehr als eine Gefahr sehen, ist die sogenannte Assimilation. Dieser Prozess ist also umgekehrt. Wir als Gemeinde bemühen uns, die Leute anzusprechen, die zu uns gehören oder gehören sollten, um sich so irgendwie mit der Gemeinde zu identifizieren."

Aus diesem Grund wurden verschiedene Bildungsprogramme geschaffen. Das größte findet in Prag statt, im Bildungs- und Kulturzentrum des jüdischen Museums, welches jeden Tag Angebote für die Öffentlichkeit bereit hält. Die hiesige jüdische Gemeinde hat zudem einen Kindergarten, eine Grundschule und ein Gymnasien eingerichtet, um die ca. 200 Kinder zu betreuen. Ferner werden in Prag bis zu fünf unterschiedliche jüdische Gottesdienste pro Woche abgehalten, beispielweise in der Alt-Neu-Synagoge.

Eine andere Hörerfrage befasste sich mit einem von uns gesendeten Beitrag über das Chemiewerk Spolana Neratovice, in dem zu kommunistischen Zeiten u.a. der Ausgangsstoff für das von den US-Amerikanern im Vietnam-Krieg eingesetzte berüchtigte Entlaubungsgift Agent Orange hergestellt worden sein soll. Dazu der Autor des Beitrages, Radio-Prag-Redakteur Olaf Barth: