Hörerforum

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Ahoi und herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zu einer neuen Ausgabe der Sendung, in der wir uns mit Ihrer Post befassen - dem Hörerforum. Am Mikrofon begrüßt Sie Lothar Martin.

In den zurückliegenden zwei Wochen, die seit unserem letzten Hörerforum vergangen sind, ist es in Tschechien, vor allem aber in Österreich hoch hergegangen. Der Auslöser für die wieder heftiger gewordenen Spannungen zwischen beiden Nachbarländern war einmal mehr das südböhmische Atomkraftwerk Temelin. Denn obwohl es zwischen beiden Staaten erst im Dezember vergangenen Jahres mit Hilfe der Europäischen Kommission in Brüssel zum Abschluss des Melker Prozesses gekommen war, der die Inbetriebnahme von Temelin unter Berücksichtigung höchstmöglicher Sicherheitsvorkehrungen vorsieht, hatte die Freiheitliche Partei Österreichs unter ihrem Populisten Jörg Haider zum Volksbegehren gegen Temelin aufgerufen. Innerhalb einer Woche hatten sich über 900.000 Österreicher mittels ihrer Unterschrift gegen die Inbetriebnahme von Temelin ausgesprochen. Viereinhalb Millionen Österreicher wiederum betrachten die in Brüssel über Temelin erzielte Vereinbarung als ausreichend für ihre Sicherheit und den Schutz der Umwelt. Das einwöchige Volksbegehren war jedoch begleitet von den verbalen Attacken Haiders gegen die tschechische Regierung und den ebenso deftigen Äußerungen des tschechischen Premiers Milos Zeman gegen Haider, dessen Partei und das Volksbegehren.

Dies waren Vorfälle, die die gutnachbarlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern erneut vor eine Zerreißprobe stellten und die auch unsere Hörer inspiriert haben, uns ihre Meinung dazu mitzuteilen. So schrieb zum Beispiel Herr Ulrich Stühmke aus Essen: "Das Volksbegehren in Österreich wegen Temelin ist sicherlich eine heikle Angelegenheit. Jedoch scheint sich der Initiator Jörg Haider damit in seinem Land wohl besser etablieren zu wollen. Es wäre traurig, wenn es durch diese Sache zu einem ernsthaften Zerwürfnis zwischen Tschechien und Österreich käme. Sicherlich gibt es andere Wege, um eine Lösung bezüglich Temelin zu finden." Und auf unsere Berichterstattung zu diesem Thema verweisend, ergänzte Herr Stühmke: "Durch Ihre Informationen werden wir als Hörer sicher weiterhin auf dem aktuellsten Stand gehalten."

Davon können Sie ausgehen, Herr Stühmke! Und das dies kein leeres Versprechen unsererseits ist, beweist die Hörerzuschrift von Herrn Gerhard Siegbert aus Frankfurt/Main, der uns mitteilte: "Auf Radio Prag ist immer Verlass: Wenn um Temelin etwas los ist, bei Radio Prag ist man aktuell und zeitnah dabei. Ich bin auch kein AKW-Fan, aber so lange die Atomkraftwerke notwendig sind, werde ich sie tolerieren. Dabei muss die Sicherheit jedoch absoluten Vorrang haben! Die FPÖ-Aktion jedenfalls ist völlig überzogen, typisch Haider."

Auch Herr Andreas Iwainsky aus Wien kann das Volksbegehren nicht nachvollziehen, allerdings ebenso wenig die dazu gemachten übereilten Reaktionen von Tschechiens Ministerpräsident Milos Zeman: "Über das populistische Temelin-Volksbegehren ärgere ich mich auch wie Ihr Ministerpräsident, aber ich muss den Meinungen der Zeitungen, die Sie heute vorgestellt haben, beipflichten: So recht, wie Herr Zeman hat, aber hätte er nicht eine Woche, nämlich bis die Frist fürs Volksbegehren vorbei ist, warten können? Andererseits meinen viele Zeitungskommentatoren hierzulande, dass ein zu großer Zustrom beim Volksbegehren eine Zerreißprobe für die Regierung darstellt. Vielleicht werden wir ja auf diese Art und Weise, durch Hilfe aus Prag gewissermaßen, unsere Regierung los."

Soweit Herr Iwainsky aus Wien. So wie er denken nicht wenige Österreicher, wenn sie auf ihre Regierung und insbesondere die darin vertretene FPÖ des Populisten Haider zu sprechen kommen. So äußerte sich Frau Viola Ecker in einer E-Mail zu einem von uns publik gemachten Artikel in der tschechischen Tageszeitung "Pravo" wie folgt: "Die Österreicher´ haben sich nicht an die verbalen Ausrutscher von Dr. Jörg Haider gewöhnt. Es gibt sehr viele Österreicher, die sich darüber mordsmäßig ärgern und auch hoffen, dass dieser Mann eines (hoffentlich baldigen) Tages aus der österreichischen Politik verschwindet. Er ist ein Schandfleck für Österreich."

Geärgert haben sich einige unserer Hörer jedoch auch über die Aussagen von Premier Zeman, die dieser - in erneuter Reaktion auf Haiders Provokationen - gegenüber den Sudetendeutschen von sich gegeben hat. Von Walter Herda aus Ebendorf erreichte uns dazu die folgende E-Mail: "Die beleidigenden Äußerungen von Milos Zeman gegenüber den Sudetendeutschen werden von Ihnen nicht erwähnt und vergiften die sich gerade positiv entwickelnden Beziehungen zu Tschechien erheblich. Die österreichische Reaktion, dass ein Volk, dessen Premier solche verbalen Entgleisungen ungestraft äußern kann, noch nicht reif für die Aufnahme in die EU ist, erscheint mir als österreichische und auch deutsche Reaktion angemessen. Wann eigentlich wird sich die Mehrheit der Tschechen von dem Gedankengut lösen, das Milos Zeman ausgesprochen hat?"

Also Herr Herda, wir können ja Ihre berechtigte Aufregung zu den von Milos Zeman gemachten Äußerungen betreffs der Sudetendeutschen verstehen. Sie waren, wie die Reaktionen anderer tschechischer Politiker belegen, unangebracht und den Beziehungen zu den Nachbarstaaten Deutschland und Österreich nicht besonders dienlich. Und darüber haben wir auch mehrfach in den Nachrichten und im Tagesecho berichtet. Doch finden Sie es in der Tat gerechtfertigt, für die ungehobelten Aussagen eines wenig diplomatischen Politikers gleich ein ganzes Volk an den Pranger zu stellen? Da sind wir nämlich schon wieder beim Thema der sog. kollektiven Schuld, über die gerade in der sudetendeutschen Frage noch heftig debattiert wird. Wie konträr die Betrachtungen in dieser sensiblen Frage auseinander gehen, zeigt auch die Zuschrift von Frau Viola Ecker, die wir hiermit zum zweiten Male in dieser Sendung zitieren wollen: "Das die Westmächte so verblendet waren und das Münchner Abkommen geschlossen haben, mit dem schon die Randgebiete Tschechiens zum Deutschen Reich kamen, war eine gute Hilfe für den Überfall Hitlers auf die restliche Tschechoslowakei, obwohl in diesem Fall die Slowakei einen separaten Fall darstellt. Dass darauf nach der Befreiung die Tschechen die ´Deutschen´ einfach ausgewiesen haben, finde ich die beste Lösung. Bei uns in Österreich ist die ´Entnazifizierung´ nicht so leicht gewesen und außerdem ist damit viel Schindluder begangen worden."

In welcher Weise dieses Schindluder ihrer Meinung nach betrieben wurde, hat uns Frau Ecker auch mitgeteilt. Doch wir wollen dieses wirklich sehr komplexe und diffizile Thema nicht dazu benutzen, um auch in unserem Hörerforum Reaktion und Gegenreaktion unter unseren Hörern zu produzieren. Vielmehr sollten die eben zitierten zwei Leserzuschriften verdeutlichen, wie emotional und zum Teil auch verletzend noch nicht vollends aufgearbeitete geschichtliche Themen innerhalb der "Volksseele" fortdiskutiert werden, wenn sie von der Politik ungeschickt und unsensibel aufgegriffen werden.

Als Schreibstoff aufgegriffen wurden von unseren Hörern jedoch auch noch andere Themen der zurückliegenden Tage. So der 25. Jahrestag seit der Gründung der tschechischen Bürgerrechtsbewegung Charta 77 oder der vieldiskutierte mögliche Umzug des amerikanischen Senders Radio Free Europe/Radio Liberty weg aus dem Prager Stadtzentrum. Zur Charta 77 schrieb uns Herr Ralf Urbanczyk aus Eisleben, dass die Charta seiner Meinung nach ein wichtiger Baustein für die späteren Umwälzungen in den damaligen sozialistischen Ländern war. Und zur Umzugsdiskussion des Radiosenders in Prag zitieren wir zum Abschluss der heutigen Sendung die Meinung unseres Stammhörers Hans Jähkel aus Altenburg. Herr Jähkel schrieb u.a.: "Nun gut, das alles ist Sache der Tschechischen Republik, ob sie nun wollen, dass der Sender weiter dort stationiert bleibt, innerhalb der Stadt umzieht oder - was ich auf jeden Fall begrüßen würde - der Sender seinen Namen ändert. Fast alle der damals europäischen Ostblockstaaten sind jetzt Mitglieder oder Kandidaten der NATO und bewerben sich darum, der EU beizutreten, sodass der Name des Senders noch ein Relikt des Kalten Krieges ist. Wenn, wie ich annehme, sein heutiges Ziel ist, die arabischen Länder zu berieseln, dann sollte man auch einen geeigneten Sender dafür finden."