Im privaten Universum einer tschechischen Durchschnittsfamilie – ein Film von Helena Třeštíková

Privatuniversum

Helena Třeštíková ist bekannt für ihre Dokumentarfilme. Sie begleitet meistens Personen durch ihr Leben. Und sie verbleibt nicht nur Wochen oder Monate bei den Protagonisten, Helena Třeštíková dokumentiert das Leben von Menschen über Jahre hinweg. Zu ihrem bekanntesten Werken gehört sicherlich die Dokumentation des Lebens von René, der während der Aufnahmen immer zwischen Gefängnis und Freiheit gependelt ist. Vor einiger Zeit ist ihr Film Privatuniversum in die Kinos gekommen: Sie hat die 37 Lebensjahre des Sohnes einer Freundin mit der Kamera begleitet. Soukromý vesmír (Privatuniversum) ist ein Porträt einer tschechoslowakischen Familie in der Normalisierung.

Jan beziehungsweise Honza Kettner kommt im Jahr 1974 in einem Krankenhaus in Prag zur Welt. Sein Vater Petr Kettner entschließt sich, das Leben der Familie ab diesem Zeitpunkt in einem Tagebuch zu dokumentieren. Aber nicht nur das Tagebuch sollte dauerhafter Begleiter der Familie werden, sondern auch die Kamera von Helena Třeštíková – und das bis ins Jahr 2011. Die Regisseurin erzählt, wie alles begann:

„Der eigentliche Impuls, diesen Film zu drehen, war die Geburt von Honza. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Film über ihn sein muss. Wir sehen, wie er auf die Welt kommt, und wir verfolgen, wie er auf dieser Welt klarkommt und wie er sein Leben verbringt.“



Privatuniversum
Der Zuschauer verfolgt aber nicht nur das Leben von Honza, er wird natürlich auch Zeuge der tschechoslowakischen Geschichte von der grauen Zeit der Normalisierung bis in die Gegenwart der Tschechischen Republik. Zu den Filmaufnahmen liest Petr Kettner aus seinen Tagebuchaufzeichnungen die entsprechenden Stellen vor und gibt dem Film dadurch eine intime Note, ein Gefühl ganz nah, manchmal auch zu nah bei der Familie zu sein. Aufgelockert wird die Erzählung immer wieder durch Einblendungen von historischen Fernsehsendungen, Politikeransprachen und Dokumentationen. Sie stehen aber immer in Verbindung zur Familiengeschichte. So schneidet Třeštíková nach Honzas Geburt folgende Sätze einer Moderatorin in den Film:

„Sie werden nicht zum Mond oder zu anderen Planeten in den Urlaub fliegen. Sicherlich aber wird ihre Zukunft so sein, wie sie sie gestalten. Das liegt vor allem an ihnen. Also auf ein großartiges und glückliches Morgen.“

Privatuniversum
Natürlich entbehrt dies nicht einer gewissen Ironie. Schließlich lebte die Familie in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, und daher bot die Zukunft nicht wirklich alle Möglichkeiten. Die Familie kämpft dann zunächst auch mit dem Alltag der sozialistischen Realität: Die Wohnung ist zu klein; als das zweite Kind auf die Welt kommt, entscheidet sich daher die Familie, aus der gemeinsamen Wohnung mit Mutter und Großmutter nach Liberec / Reichenberg umzuziehen. Der Vater, Elektriker, nimmt dort eine Arbeit als Techniker eines Schwimmbades an und erhält das Recht, ein zum Areal gehörendes Haus zu beziehen. Die Mutter Jana, eine studierte Soziologin, erzählt im Film, wie sie das Leben zu dieser Zeit empfand:

Privatuniversum
„Mir hat es nichts ausgemacht, zu Hause zu sein. Mein Mann hat es mir ermöglicht, er hat gesagt, er hätte dies gerne und ich hatte nichts dagegen, wir hatten ja drei Kinder. Heute wäre das wahrscheinlich anders. Ich würde arbeiten, mich selbst verwirklichen oder selber Geld verdienen. Aber damals war es auch einfacher für mich, zu Hause zu sein: Es gab nichts zu kaufen und man konnte nirgendwo hinfahren. Es war alles irgendwie ruhig. Ich war wirklich sehr wenig emanzipiert und hatte überhaupt keine beruflichen Träume. Das konnte ich auch gar nicht.“

Privatuniversum
Obwohl die Familie ein ruhiges und normales Leben führt, bricht doch gerade der Hauptprotagonist aus. Die Samtene Revolution, wie die politische Wende von 1989 in Tschechien genannt wird, fällt zeitlich mit Honzas Pubertät zusammen.

Er habe sich entschieden, die Schule abzubrechen, weil er in vier Fächern durchgefallen sei, erklärt der Vater die Lage seines Sohnes. Honza hatte bereits mit 15 begonnen, sich intensiv mit der Zucht und dem Konsum von Marihuana auseinanderzusetzen. Er selbst sieht die Sache entspannt:

Privatuniversum
„Ich denke, es geht um zwei Sachen: einen Menschen zu gebären und dann zu leben und ihn leben zu lassen. Aber eigentlich bin ich furchtbar verwirrt.“

Honza beginnt, durch die Welt zu reisen. Nach einigen Umwegen über Rumänien und Israel landet er schließlich nach der Jahrtausendwende in Spanien. Dort sympathisiert er mit jungen alternativen Basken und arbeitet in einer Gaststätte als Tellerwäscher. In Spanien verliebt er sich aber auch und beginnt, mit Edurne und ihrem 15-jährigen Sohn zusammenzuleben. Mit seiner Familie hält er aber immer Kontakt, zu einem Bruch mit den Familienangehörigen oder ihrem Leben kommt es nicht:

Privatuniversum
„Ich treffe gerne meine Familie. Aber immer, wenn ich meine Mutter länger als eine Stunde sehe, geraten wir uns in die Haare. Es ist besser, wenn wir etwas auf Distanz sind.“

Tatsächlich war es wohl vor allem in den späteren Jahren schwer, den Film weiterzudrehen. Zwar hatte sich Honza nie gegen das Projekt ausgesprochen und immer freudig mitgearbeitet, nur sei es doch manchmal schwer gewesen, ihn auf der Welt aufzuspüren, sagt Helena Třeštíková.

Karel Gott (Foto: Jan Ptáček, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Im Film ist auch der Schlagersänger Karel Gott regelmäßig zu sehen. Er dient als Symbol der Zeit und auch als Symbol dafür, wie Menschen es geschafft haben, im kommunistischen System zu überleben. Er berichtet davon, wie er in Las Vegas LSD probiert hat, hält eine Rede bei der Unterzeichnung der Anti-Charta und ist zu sehen, wie am 17. November 1989 mit Karel Kryl zusammen die Nationalhymne auf dem Wenzelsplatz singt. Warum hat Třeštíková ausgerechnet Karel Gott als Konstante im Film ausgewählt?

„Karel Gott ist die Sicherheit unseres Lebens. Ich habe für den Film Sicherheit und Unsicherheit gebraucht. Karel Gott ist also die Sicherheit und die Erforschung des Weltraums die Unsicherheit. Das sind die zwei Prinzipien, die unser Leben durchdringen. Daher war ich auch sehr glücklich, als Karel Gotts Lieder im Weltraum erklangen.“

Privatuniversum
Der Weltraum ist die zweite Konstante im Film, bereits zu Beginn sieht man eine Rakete starten, Ausflüge ins All werden immer eingeblendet, und auch Honza möchte als Kind gerne Astronaut werden, er malt als Kind Raketen und spielt auf dem Spielplatz Astronaut.

Der Film endet mit einer Feier zu Honzas 37. Geburtstag in Liberec. Die Familie lässt eine Spielzeugrakete aufsteigen, die sinnbildlich, erst beim zweiten Versuch abhebt.

Insgesamt ist der Film langsam, aber nie langweilig. Er ermöglicht intime Einblicke in eine tschechische Familie, aber auch in die tschechische Geschichte. Möchte man Tschechien und Tschechen verstehen lernen, ist der Film sicherlich eine wertvolle Anleitung.


Dieser Beitrag wurde am 4. Februar 2012 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.