Jan Sverma

Bis vor vier Jahren hiess eine der Prager Moldaubrücken Sverma-Brücke. Auf einem Brückenkopf stand die lebensgrosse Statue eines Mannes in Mantel, die Hand ausgestreckt. In einer Nacht und Nebelaktion verschwand die Statue vor anderthalb Jahren, die Brücke hat längst einen neuen Namen. Die Entfernung der Statue und Umbenennung der Brücke war nicht ohne Diskussionen vonstatten gegangen. Dabei war es nicht nur um die Frage des Stürzens von Denkmälern gegangen, sondern auch um die Person Jan Svermas. Wer also war Jan Sverma, der dieser Tage seinen 100. Geburtstag feiern könnte? Die Antwort erfahren Sie im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte. Zu diesem begrüssen Sie Olaf Barth und Katrin Bock.

Nach 1989 kam es nicht nur in der damaligen Tschechoslowakei zu hunderten von Umbenennungen von Strassen, Plätzen, Gebäuden und sogar Städten. Die Spuren der kommunistischen Ära sollten beseitigt werden. Statuen verschwamden ebenso wie Gedenktafeln. Das mährische Gottwaldov erhielt seinen ursprünglichen Namen Zlin zurück. In Prag wurden Engelsufer und Leninstrasse, Platz der Roten Armee und viele andere Bezeichnungen bereits kurz nach der Samtenen Revolution vom November `89 geändert. Eine Brücke jedoch behielt ihren Namen: Svermuv most - Sverma-Brücke. Ebenso behielt ein Stadtteil der mittelböhmischen Industriestadt Kladno bis heute seinen Namen: Svermov. Benannt waren sie nach einem der Gründungsväter der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, der 1944 während des slowakischen Nationalaufstands gestorben war. 1994 kam der Prager Magistrat auf die Idee, auch diesen Namen zu ändern und zugleich das Denkmal am Brückenkopf zu entfernen. Mit einem hatten die Ratsherren allerdings nicht gerechnet: mit Empörung über diese Entscheidung, die bis in die Regierungsebene reichte. Und so begann eine Diskussion über gute und böse Kommunisten, über berechtigte und überflüssige Denkmäler, über das Stürzen von Denkmälern und Geschichtsaufarbeitung.

"Das Jan Sverma-Denkmal nehme ich im Gegensatz zu Lenin-, Gottwald- oder Hitlerdenkmälern nicht als Symbol eines vergangenen Regimes wahr"

schrieb damals Daniel Kroupa von der liberalen Demokratischen Bürgerallianz ODA für die Erhaltung des Denkmals. Während des Sozialismus hatte er als gläubiger Christ Probleme und zählte zu den verfolgten Dissidenten, als Anhänger des Kommunismus und Bewunderer kommunistischer Helden kann man ihn also nicht bezeichnen. In seinem Artikel fuhr Daniel Kroupa fort:

"Ich weiss nicht, ob sein Modell ein anständiger Mensch war, der sich in seiner Zeit von der kommunistischen Ideologie ebenso verwirren liess wie beispielsweise die Dichter Nezval oder Seifert - und im Grunde genommen interessiert mich das auch nicht. Wer weiss, wie sich Sverma nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 verhalten hätte, ob er sich damit identifiziert hätte oder sie tapfer abgelehnt und gegen die kommunistische Totalität gekämpft hätte."

Dies war die eine Seite der Meinungen. Gegen Jan Sverma sprachen sich vor allem politische Häftlinge aus der Zeit des Sozialismus aus. Ihre Meinung vertrat der Schriftsteller Karel Pecka in einem Artikel:

"Sverma war ein Agent der Komintern, der terroristischen Organisation, die die Weltherrschaft anstrebte. Er starb im Kampf für diese Idee, als bolschewistischer Internationalist. Er war ein ergebener und aktiver Berufspolitiker dieser verbrecherischen Verschwörung gegen die Demokratie und Freiheit auf der Welt."

Wer also war Jan Sverma, der am 23. März 1901 im nordböhmischen Mnichovo Hradiste zur Welt kam? Seine ersten neun Lebensjahre verlebte Sverma als Sohn eines angesehenen Advokaten und Bürgermeisters von Mnichovo Hradiste. Nach dessen Tod zog die Familie 1910 in das Prager Arbeiterviertel Smichov. Hier begann sich der junge Sverma später für die Ideen des Kommunismus zu interessieren. Im Mai 1921 zählte er zu den Gründungsvätern der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, der er sein Leben widmen sollte. Sein Jura-Studium beendete Sverma nicht, stattdessen begab er sich auf die Parteilaufbahn. In den 20er Jahren studierte er in Moskau. Nach seiner Rückkehr 1929 gehörte Sverma zur Führungsriege der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, 1935 wurde er Parlamentsabgeordneter, ein Jahr später Chefredakteur der Parteizeitung Rude Pravo. Immer wieder jedoch handelte sich Sverma wegen seines unabhängigen und pragmatischen Denkens Kritik aus Moskau ein.

Nachdem Klement Gottwald, der Vorsitzende der KPTSCH, 1934 wegen einer drohenden Verhaftung nach Moskau geflohen war, war Sverma für anderthalb Jahre der führende Mann der Kommunisten in Prag. Angesichts der drohenden Gefahr des Faschismus setzte sich Sverma für eine breite Front gegen diesen und fuer eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten und Kleinbauern ein. Er schloss sogar die Beteiligung der Kommunisten in einer Koalitionsregierung für die Erhaltung der Demokratie nicht aus. Das war zu dieser Zeit revolutionär und gegen den Moskauer Kurs. Sverma begründete sein Handeln mit der Notwendigkeit der Situation und dem Aufstieg von Henleins Sudetendeutscher Heimatfront. Die Geschichte sollte zeigen, dass nicht die Moskauer Funktionäre sondern Sverma recht hatte. Doch seine Politik konnte Sverma nach einer scharfen Rüge aus Moskau nicht fortsetzen.

Der Erhalt der Stabilität in der tschechoslowakischen Republik war auch der Grund, warum sich Sverma 1935 für die Wahl von Edvard Benes zum Staatspräsidenten einsetzte. Für Sverma war die Abgabe der kommunistischen Stimmen für Benes kein Problem, hatte Benes doch erst kurz zuvor in Moskau den tschechoslowakisch-sowjetischen Vertrag über Zusammenarbeit unterzeichnet. Erneut wurde Sverma scharf kritisiert und musste sich einer harten Selbstkritik unterwerfen, wollte er in der Partei bleiben. Sverma liess sich sein selbständiges Denken nicht nehmen: 1939 kritisierte er den Hitler-Stalin-Pakt, dafür wurde er vorübergehend aus der Partei ausgeschlossen.

Nach der Besatzung der Tschechoslowakei im März 1939 ging der damals 38jährige nach Paris, um von dort den Widerstand der Kommunisten zu organisieren. Nach Kriegsausbruch gelangte er auf abenteuerlichen Wegen nach Moskau. Hier stellte er sich ganz in den Dienst der Komintern. Im Gegensatz zu den meisten Komintern-Funktionären, die, als Hitlers Armeen sich Moskau näherten, weit in den Osten flohen, blieb Sverma in der belagerten Hauptstadt der Sowjetunion. In dieser Zeit war er quasi der Chef der Moskauer Rundfunksendungen für das Ausland. Sverma berichtete nicht nur in Tschechisch auf Kurzwelle über die Situation in Moskau und den Frontverlauf sondern sandte Artikel nach London, Washington und Stockholm. Dank seines unermüdlichen Einsatzes genoss Sverma in der Sowjetmetropole bald einen besseren Ruf als sein Parteichef Klement Gottwald.

Im Sommer 1944 brach in der Slowakei ein Aufstand gegen die Deutschen aus. Die Moskauer Führung beschloss, ihre Vertreter in die aufständische Slowakei zu entsenden. Die Frage war nur, wen - den Parteivorsitzenden Gottwald oder aber den agilen Sverma. Über die Gründe, warum ausgerechnet, der bereits lungenkranke Sverma auf diese gefährliche Mission geschickt wurde, wurde später viel spekuliert. Vielleicht wollte Gottwald seinen gefährlichen Rivalen loswerden - vielleicht meldete sich Sverma wirklich freiwillig - wer weiss. Sicher ist nur, dass Jan Sverma seine Mission nicht überlebte. Am 10. November 1944 starb er an Erschöpfung bei der Überquerung eines Gebirgspasses.

Für die tschechoslowakischen Kommunisten war ein Held geboren - aber ein schwieriger, der später jahrzehntelang in Vergessenheit geriet. Viele stellten sich die Frage, wie die Nachkriegsentwicklung der Tschechoslowakei ausgesehen hätte, hätte Jan Sverma den Krieg überlebt. Hätte er das gleiche Schicksal erlitten wie sein bester Freund und engster Mitarbeiter, Rudolf Slansky, der 1952 Opfer der politischen Monsterprozesse wurde. Oder wie seine ebenfalls in der Partei äusserst aktive Frau Marie Svermova, die in den 50er Jahren zu einer 20jährigen Gefängnsistrafe verurteilt wurde? Oder hätte er das stalinistische Regime in der Tschechoslowakei mit allen Kräften unterstützt? War Sverma also ein positiver Held, der für die Befreiung seiner Heimat gefallen ist und sich ein Denkmal verdient hat oder aber ein Mitglied der verbrecherischen Kommunistischen Partei, dessen Denkmal man stürzen sollte ?

Erstaunlicherweise waren nicht nur die Kommunistische Partei für die Erhaltung des Denkmals, sondern auch der sozialdemokratischen Premierminister Milos Zeman und weitere Mitglieder seiner Partei. Fürsprache erhielt das Denkmal auch von ganz ungewohnter Seite: der damalige US-Präsident Bill Clinton sprach sich für den Erhalt aus, hatte er doch als Student bei seinem Prag-Besuch in den 60er Jahren ausgerechnet bei Svermas Witwe und Tochter gewohnt. Positive Urteile über Sverma waren auch von Historikern zu hören. So verwies der Historiker Bohumil Pekarek darauf, dass Jan Sverma völlig anders dachte als sein Parteivorsitzender Gottwald, der nach 1948 der erste kommunistische Ministerpräsident der Tschechoslowakei wurde. Aus Svermas Artikeln, die er 1940 bis 44 in Moskau verfasste, gehe hervor, dass er wirklich an die Errichtung einer demokratischen Nachkriegsrepublik glaubte, in der natürlich die Arbeiter und Armen besser gestellt sein sollten als früher, so Bohumil Pekarek. Ein anderer Historiker, Jan Gebhart von der Akademie der Wissenschaften, sieht in Sverma einen der wenigen unabhängig denkenden Repräsentanten der damaligen führenden Funktionäre.

"Er war klüger als andere Funktionäre, die nach 1948 führende Ämter übernahmen. Er war ein überzeugter Idealist, für den der Kommunistische Glaube kein Mittel für die Durchsetzung persönlicher Ambitionen darstellte. Er gehörte nicht zu den blinden Bewunderern Stalins, andererseits war er auch kein kommunistischer Ketzer."

Soweit die Charakterisierung von Jan Gebhart. In einem der Artikel, die während der Diskussion über das Sverma-Denkmal erschienen hiess es unter anderem:

"Das Problem der Denkmäler ist nur ein Stellvertreterproblem. Es ist einfach, die Statue zu entfernen und sie in irgendeinem Lapidarium aufzustellen. Einige werden zufrieden sein, dass etwas passiert ist. Aber die wirkliche Entbolschiwierung der Gesellschaft beruht auf etwas ganz anderem."

Und so sieht die gefundene Lösung ein klein wenig wie ein Kompromis aus: es ist etwas passiert, die Brücke wurde umbenannt, das Denkmal ist verschwunden, sein Sockel aber steht noch immer am Moldauufer und noch immer ist der eingravierte Name Jan Sverma auf diesem leeren Sockel zu lesen. Und damit sind wir für heute am Ende unseres Geschichtskapitels. Auf Wiederhören sagen Olaf Barth und Katrin Bock.

Autoren: Olaf Barth , Katrin Bock
abspielen