Klement Gottwald - Stalins ergebener Lehrling

Клемент Готтвальд (Фото: Архив Чешского радио)

Das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei ist untrennbar mit dem Namen Klement Gottwald verbunden. Der langjährige Parteiführer und erste Präsident des „Arbeitsstaates“ wird von seinen Bewunderern immer noch verehrt. Für die meisten Tschechen ist er jedoch ein Verbrecher und Massenmörder. Anlässlich des Jahrestags der kommunistischen Machtübernahme am 25. Februar nun mehr zu Gottwalds Karriere.

Klement Gottwald (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die wohl bekannteste politische Rede der tschechischen Geschichte kennen manche sogar auswendig. Klement Gottwald teilt als Premierminister am 25. Februar 1948 der Volksmasse mit, Staatspräsident Edvard Beneš habe seine Vorschläge zur Umgestaltung der Regierung akzeptiert und damit eine einfarbige rote Regierung ermöglicht. Für den kommunistischen Parteiführer ist ein langersehnter Augenblick gekommen. Drei Monate später übernimmt er nach dem Tod von Edvard Beneš das Amt des Staatsoberhaupts - und beginnt Todesstrafen für seine Gegner zu unterschreiben, einschließlich seiner früheren Mitarbeiter. Doch was ging diesem tragischen Höhepunkt seines politischen Lebens voraus? Historiker Zdeněk Doskočil von der tschechischen Akademie der Wissenschaften sagt, Gottwalds Karriere sei ungewöhnlich steil gewesen:

Gottwalds Geburtshaus (Foto: Pernak, CC BY-SA 3.0)
„Klement Gottwald wurde 1896 im mährischen Dorf Dědice geboren, er stammte aus einer sehr armen Familie. Er war ein uneheliches Kind, seine Mutter war die Dienerin bei einem Bauern. Der Vater war der Sohn eines Bauern aus dem Nachbardorf. Ab und zu trug er zum Unterhalt seines Sohnes bei, aber ansonsten zeigte er kein Interesse an seinem Kind. Während des Ersten Weltkrieges musste Klement an die Front, aber im Sommer 1918 desertierte er. Als 1921 die KPTsch entstand, trat er sofort ein. Kurze Zeit leitete er die kommunistische Presse in der Slowakei, der Erfolg bei den Lesern war jedoch eher bescheiden. Dann zog er nach Ostrau um, also in die Bastei der Arbeiterbewegung. Dieser etwa einjährige Aufenthalt wurde von großer Bedeutung für ihn.“

Rudolf Slánský (Foto: Tschechisches Fernsehen)
In Ostrau lernt Gottwald zahlreiche Genossen kennen, mit denen er dann jahrelang zusammenarbeitet: Václav Kopecký, Viliam Široký oder Rudolf Slánský. Er ist offensichtlich organisatorisch begabt und beginnt eine Ortsgruppe aufzubauen. Bei der dritten Tagung der KPTsch im Jahr 1925 macht er auf sich aufmerksam und wird ins Zentralkomitee der Partei gewählt. Mit knapp 30 Jahren ist dies ein großer Karrieresprung.

„Gottwald vertrat von Anfang an eindeutig den Kurs, die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei der Kommintern unterzuordnen. Gegen Ende der 1920er Jahre kam es zum internen Streit in dieser Frage. 1928 gelang es der Partei nicht, den sogenannten ‚Roten Tag‘ zu veranstalten. Die Kommintern beauftragte dann Gottwald, obwohl er nicht der Parteichef war, einen Parteitag einzuberufen. So geschah es dann auch und Gottwald wurde dabei zum Generalsekretär der KPTsch gewählt. Auch weitere radikale Revolutionäre gelangten in die Führung der Partei, sie sahen alle in Moskau ihr Vorbild. Und sie waren jung, ihr Altersdurchschnitt lag bei rund 30 Jahren“, so Doskočil.

1929 betrat Gottwald zum ersten Mal als Abgeordneter das tschechoslowakische Parlamentsgebäude in Prag. Gleich in seinem ersten Auftritt sprach er darüber, dass die Kommunisten in Moskau gelernt hätten, wie man den Kapitalisten ‚den Hals umdrehen‘ kann. Während seine Genossen ihn feierten, nahm die Polizei die Ermittlungen auf. Gottwalds Worte wurden so interpretiert, dass er zum Volksaufstand aufgerufen hatte, der eine neue Ordnung nach sowjetischem Vorbild herstellen sollte. Tatsächlich verweigerte der Kommunistenchef der Tschechoslowakei jede Loyalität, er bezeichnete den Staat als „bloßes Instrument des Imperialismus“. Zur Eskalation kam es bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 1934, Gottwald trat mit der Losung „Nicht Masaryk, sondern Lenin“ an. Tomáš Masaryk war damals Staatspräsident und galt als Gründer der Tschechoslowakei. Der Historiker Doskočil:

Jan Šverma
„Gottwald wurde deswegen angeklagt. Vor der drohenden Gefängnisstrafe flüchtete er nach Moskau, wo er fast zwei Jahre verbrachte. Die KPTsch wurde in dieser Zeit von Jan Šverma und Rudolf Slánský geleitet, sie änderten den Kurs und traten versöhnlicher gegenüber dem tschechoslowakischen Staat auf. Nach dem Rücktritt von Masaryk aus gesundheitlichen Gründen fanden im Dezember 1935 erneut Präsidentschaftswahlen statt. Nun unterstützten die Kommunisten sogar Edvard Beneš als Bewerber. Sie taten dies aber nicht umsonst: Beneš musste versprechen, dass er Gottwald begnadigen würde, sollte er zum Staatspräsident gewählt werden.“

Gottwald durfte wirklich nach der Wahl in die Tschechoslowakei zurückkehren. Den Instruktionen aus Moskau folgend übernahm er die Politik von Šverma und Slánský und rief zur Schaffung einer „Volksfront“ gegen den Faschismus auf. In der Zeit der verschärften internationalen Lage wollte sich die Partei als Retter nationaler Interessen präsentieren. Nach dem Münchner Abkommen von 1938, als die Tschechoslowakei ihre Grenzgebiete an Deutschland abtreten musste, wurde die KPTsch auf Druck aus Berlin verboten. Gottwald flüchtete wieder nach Moskau, wo seine Position zunächst unklar war. 1939 hörte dann die Tschechoslowakei auf zu existieren, denn Hitler ließ das sogenannte „Protektorat Böhmen und Mähren“ errichten. Erst der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 brachte Gottwald erneut auf den Plan.

Exilregierung von Edvard Beneš in London
„Gottwald begann, in Moskau den Widerstand gegen die Okkupation seines Landes zu organisieren. Dank seines Geschicks schuf er dort bald ein zweites Zentrum des Widerstands, das erste bestand unter der Führung der Exilregierung von Edvard Beneš in London. Beide Zentren bemühten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Widerstandsaktivitäten im Protektorat zu unterstützen. Beide verfolgten dabei aber unterschiedliche politische Ziele: Beneš die Erneuerung der selbständigen und demokratischen Republik, Gottwald die Entstehung einer kommunistischen Diktatur. Beneš war jedoch klar, dass nach dem Krieg die Sowjetunion großen Einfluss in Mitteleuropa erlangen würde“, sagt Zdeněk Doskočil.

Edvard Beneš mit Stalin
1943 schloss Beneš in Moskau mit Stalin einen Bündnisvertrag, der unter anderem die Entstehung der tschechoslowakischen Befreiungsarmee in der Sowjetunion ermöglichte. Gerade in Moskau wurde auch im April 1945 die erste tschechoslowakische Regierung für die Nachkriegszeit gebildet, dazu verhalf auch Gottwalds politische Offensive. In dieser Regierung waren alle Parteien vertreten, die nach dem Krieg noch zugelassen waren. Doch die Kommunisten infiltrierten die anderen Parteien mit eigenen, scheinbar unabhängigen Leuten. Diese Taktik zielte direkt auf die künftige vollständige Machtübernahme im Land, was ihnen dann - wie schon gesagt - 1948 gelang.

Gottwald folgte Stalins Befehlen. Dies schloss Repressionen gegen wahre und vermutliche Gegner des Regimes ein, die komplette Verstaatlichung des Gewerbes, die Kollektivierung der Landwirtschaft - kurz also die Umgestaltung der Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild. Besonders bemerkenswert sind die politischen Prozesse gegen die eigenen Genossen. Auch Gottwalds früherer engster Mitarbeiter Rudolf Slánský endete am Galgen. Tatsächlich wurden diese Prozesse von sogenannten „Beratern“ aus der Sowjetunion geleitet. Der Partei- und Staatschef wagte nicht, ihnen zu widersprechen. Historiker Doskočil erklärt dies mit dem Verhältnis zu Stalin.

Stalin mit Gottwald
„Gottwald hatte zu Stalin eine widersprüchliche Beziehung. Einerseits bewunderte er ihn, anderseits hatte er vor ihm aber auch große Angst. Die gründete in Gottwalds Erfahrungen während seines Aufenthalts in Moskau in den 1930er Jahren. Dort liefen gerade Stalins Prozesse gegen angebliche Verräter. Als Gottwald dann 1948 Stalin auf dem Krim besuchte, wurde ihm vorgeworfen, die tschechoslowakischen Kommunisten seien bei der Machtübernahme zu sanft vorgegangen. Stalin machte auch klar, dass er keinen eigenen ‚tschechoslowakischen Weg‘ zum Kommunismus dulden werde, obwohl er nach dem Krieg darüber noch im positiven Sinn gesprochen hatte.“

Gottwald spielte nach Außen die Rolle des mächtigen Volksführers und ließ sich offen verehren. Hinter den Kulissen verfiel er in Depressionen, die er im Alkohol ertränkte, er litt auch an Verfolgungswahn. Bis zur politischen Wende von 1989 in der Tschechoslowakei wurde dieser Teil von Gottwalds Persönlichkeit verschwiegen. Sein Vorbild und Schreckensgespenst Stalin überlebte er übrigens nur um neun Tage.