Jugendarbeitslosigkeit in Tschechien: zu wenig Praxis in der Ausbildung

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Europa steckt in einer Krise. Vor allem im Süden kämpfen die Länder mit dem Rückgang der Wirtschaftsleistung und hoher Verschuldung. Gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit, besonders junge Leute unter 25 Jahren sind davon betroffen. In Griechenland sind 58 Prozent von ihnen arbeitslos, in Spanien 55 Prozent. In Deutschland dagegen nur 8 Prozent. Nun hat das Beratungsunternehmen Deloitte eine Studie zu den Chancen junger Absolventen in elf mitteleuropäischen Staaten vorgelegt, unter ihnen auch die Tschechische Republik.

Jugendarbeitslosigkeit in Europa (Quelle: Eurostat)
Die Grafiken des Europäischen Statistikamtes (Eurostat) zeigen die Katastrophe in blauen Balken: Griechenland, Spanien und Portugal rangieren an der Spitze der Jugendarbeitslosigkeit in Europa, Tschechien bewegt sich dagegen mit 19 Prozent am unteren Ende der Skala. Ein Grund zum Feiern ist dies trotzdem nicht, denn jeder fünfte Absolvent findet keine Arbeit. Dominika hat gerade ihr Studium abgeschlossen:

„Ich hatte zu Beginn der Arbeitssuche genug Selbstbewusstsein, das ist mir aber mittlerweile vergangen. Falls die Unternehmen überhaupt auf eine Bewerbung reagieren, dann mit einer Absage.“

Die Studie des Beratungsunternehmens Deloitte sieht die Gründe für die hohe Arbeitslosigkeit unter Absolventen bei den fehlenden praktischen Erfahrungen. Die Universitäten müssten hier deutlich nachholen, so Ivo Půda von Deloitte:

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„Unsere Studie hat vor allem die Situation von Hochschulabgängern untersucht. Die Situation ist nicht eindeutig: Dort, wo es spezielle Angebote gibt, funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Praxis und Theorie. Das größere Problem ist, dass viele Universitäten einfach keine praktischen Komponenten anbieten oder praktische Erfahrungen fordern. Die Studenten müssen also Eigeninitiative zeigen und sich selbst um praktisch Erfahrungen kümmern.“

Da die finanzielle Situation der meisten tschechischen Studenten nicht die beste ist, müssen ohnehin viele von ihnen während des Studiums arbeiten. Darin liegt eine Chance, aber auch ein Problem, wie Tomáš Ervín Dombrovský von der Personalberatungsgesellschaft LMC meint:

Tomáš Ervín Dombrovský (Foto: ČT24)
„Bis zu 80 Prozent der Hochschulstudenten arbeiten während ihres Studiums, aber nur 40 Prozent erlangen dadurch fachliche Praxis.“

Die meisten Studenten erledigen also Hilfsarbeiten oder kellnern, und das meist nur in den Semesterferien. Hinzu kommt, dass die Hochschulstudenten relativ hohe Lohnerwartungen bei Arbeitsbeginn hätten. Laut der Deloitte-Studie erwarten die Absolventen im Schnitt ein monatliches Bruttogehalt von 22.000 Kronen (880 Euro). Dombrovský gibt aber zu, dass die Firmen verhältnismäßig wenige Teilzeitstellen für Studenten und Einstiegspositionen direkt für Berufseinsteiger zur Verfügung stellen.

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„Man muss sich vergegenwärtigen, dass es eine Masse weiterer Bewerber gibt, die praktische Erfahrungen haben. Sie sind bereit, für ein vergleichbares Gehalt zu arbeiten und konkurrieren so besonders mit den Absolventen. Und wenn Arbeitgeber extra Eintrittspositionen oder Plätze für fortgeschrittene Studenten schaffen, haben sie damit mehr Arbeit, als wenn sie einen erfahrenen Bewerber einstellen, der bereits an die Arbeitswelt und an Arbeitsprozesse gewöhnt ist.“

Die fehlende Berufspraxis kritisieren die Firmen in Tschechien übrigens auch bei Absolventen der berufsbildenden Mittelschulen. Anders als in Deutschland gibt es in Tschechien nämlich keine duale Ausbildung, bei der die Lehrlinge die Hälfte ihrer Zeit direkt im Betrieb arbeiten und praktische Fähigkeiten erlernen.