Liebhaber des böhmischen Barock: Architekt Ohmann und sein Wirken in Prag

Friedrich Ohmann

Friedrich Ohmann hat mit seinem Wirken das Prager Stadtbild nachhaltig beeinflusst. Nun ging eine zweimonatige Ausstellung über den Architekten zu Ende. Gezeigt wurde sein Werk in der Galerie der Prager Akademie der Künste, Architektur und Design. Ohmann gehörte zu den einflussreichsten mitteleuropäischen Stilvertretern des Neobarocks und Jugendstils in der Zeit um 1900. In der tschechischen Hauptstadt erlangte er große Berühmtheit, vor allem durch den Bau des heutigen Wohnsitzes der tschechischen Premierminister.

Friedrich Ohmann
Friedrich Ohmann zählt zu den interessantesten Persönlichkeiten der Architektur zurzeit der Habsburger Monarchie. Ohmann hat ausgiebig den böhmischen Barock studiert und nach und nach einen eigenen modernistischen Stil entwickelt, mit dem er das Prager Stadtbild nachhaltig beeinflusste. Diesen Dialog zwischen Alt und Neu wollte die Ausstellung über Friedrich Ohmann in der Galerie der ehemaligen Kunstgewerbeschule in Prag vermitteln.

Es war Ohmanns Bestreben, einen Einklang zwischen moderner Architektur und der örtlichen Bautradition zu schaffen: Ohmann berücksichtigte in seinen Entwürfen stets das Prinzip des Genius Loci, wie er 1913 in einer Publikation schrieb:

Ausstellung über den Architekten Ohmann (Foto: Florian Oertel)
„Richtiges Einfügen in das Stadtbild, in die Landschaft, Dinge, die jahrzehntelang vernachlässigt worden sind, richtige Charakterisierung, Anlage der Gesamtmasse, das Tempo der Plastik, nicht zuletzt aber die Stimmung sind heute die maßgebenden Faktoren, die der schaffende Künstler vor Augen haben sollte.“

Ohmann war gegen den Ansatz, die Form der Funktion unterzuordnen und bevorzugte einen Stilpluralismus. Jindřich Vybíral ist Leiter der Ausstellung und Professor für Architektur an der ehemaligen Kunstgewerbeschule in Prag:

Ausstellung über den Architekten Ohmann - Jindřich Vybíral steht in der Mitte (Foto: Florian Oertel)
„Ohmann war Eklektiker und wusste, das der Architekt gleichzeitig die Wünsche des Bauherrn berücksichtigen musste. Er selbst jedoch favorisierte die barocke Architektur. Der Barock verkörperte für ihn einen Kompromiss zwischen künstlerischer Freiheit der modernen Architektur und den Regeln des Historismus.“

Friedrich Ohmann kam 1888 aus Wien nach Prag. Hier wurde er erster Professor für Architektur an der Prager Kunstgewerbeschule. Durch sein Interesse am böhmischen Barock erweckte er bald Aufsehen in wissenschaftlichen Kreisen. Trotzdem musste er sich vor Ort zunächst einen Namen machen, wie Professor Vybíral erzählt:

„Zu Beginn war es sehr schwer, einen Bauherrn zu finden und Aufträge zu erhalten. Er begann damit, Fassaden der Stadthäuser für den tschechischen Baumeister Quido Bělský zu entwerfen. Zu dieser Zeit wurde der historische Kern Prags umgebaut. Ohmann war aktiv daran beteiligt und passte sich stilistisch zunächst an die örtlichen Gegebenheiten des Barocks an. Er studierte diesen eingehend und ließ sich von seinem künstlerischem Vorbild, dem berühmten deutschböhmischen Baumeister Kilian Ignaz Dientzenhöfer leiten. Einer seiner ersten neobarocken Fassaden gestaltete er für ein Palais in der Prager Neustadt. Auftraggeber war Matěj Valtera, der Inhaber der größten Zuckerfabrik in Böhmen.“

Café Corso (Foto: Florian Oertel)
Zum beruflichen Durchbruch sei es während des Wettbewerbs für den Bau des Nordböhmischen Gewerbe-Museums in Reichenberg / Liberec gekommen, erklärt Vybíral. Dabei habe er eine sehr persönliche Variation der deutschen Neorenaissance entworfen und eine Zeit lang auch mit dem Jugendstil experimentiert. Er habe damit eine neue Architektursprache ausprobieren wollen, so Vybíral.

Ein weiteres städtebauliches Beispiel hierfür findet sich in Prag: das von Ohmann entworfene Café Corso. Es gilt als der erste Jugendstilbau der tschechischen Hauptstadt. Der Auftrag kam vom Cafebesitzer Emil Flusser. Hier konnte der Architekt seine Fähigkeiten beweisen, auch unter komplizierten Umständen zu bauen. Im Erdgeschoss befand sich ein großer, teils von verglastem Tonnengewölbe bedeckter Saal, während das obere Stockwerk den Gesellschaftsräumen und Spielsalons diente. In diesem Werk näherte Ohmann sich am radikalsten den modernen Ansätzen seiner Zeit an. Doch selbst bei dieser Umsetzung versuchte er, Tradition und Innovation miteinander zu verbinden:

Residenz des Ministerpräsidenten Karel Kramář (Foto: Florian Oertel)
„Mir erscheint die Arbeit wie ein Versuch sowohl für mich selber, der modernen Auffassung langsam mich zu nähern, als auch speziell das Publikum, ohne es zu brüskieren, daran zu gewöhnen.“

So umschrieb Ohmann selbst damals seine Absichten. Der tschechische Historiker und Kunstkritiker Karel B. Mádl bezeichnete ihn daraufhin als „Johannes den Täufer für die Prager Moderne“.

Die wohl größte öffentliche Aufmerksamkeit in Prag erlangte Ohmann jedoch erst viel später. Er wurde vom Politiker Karel Kramář, der 1918 erster tschechoslowakischer Ministerpräsident werden sollte, mit dem Bau seiner Residenz beauftragt, erzählt Architekturprofessor Vybíral:

Karel Kramář
„Er hat sich 1911 entschieden, eine Villa auf der Letná-Höhe zu bauen. Ein wichtiger Aspekt dieser Entscheidung war, die Villa im neobarocken Stil des alten Prags errichten zu wollen. Kramář wählte daher Ohmann aus, der als bester Kenner des Prager Barocks galt. Die Auswahl eines deutschsprachigen Architekten hatte Konsequenzen für Kramář und wurde von der Elite der tschechischen Gesellschaft sehr kritisch beurteilt.“

Karel Kramář war zur Jahrhundertwende noch Abgeordnete der Partei der Jungtschechen und kämpfte für die Autonomie Tschechiens und der Slowakei innerhalb Österreichs. Umso seltsamer erscheint daher die Entscheidung, mit dem Bau seiner Villa einen Wiener Architekten zu beauftragen, der den politisch instrumentalisierten Barock favorisierte. Der architektonische Code des Barocks war damals typisch in Mitteleuropa. Daneben ist er eng mit der politischen Geschichte und dem Einfluss der österreichischen Monarchie, sowie dessen Bevorzugung durch die Deutschböhmen verbunden. Daher war die Rückkehr des Barock zum Ende des 19. Jahrhunderts neben ästhetischen Präferenzen auch ein Ausdruck der kulturpolitischer Strömungen und Haltungen, er symbolisierte die Stabilisierung alter aristokratischer Machtstrukturen.

Kramář-Villa (Foto: Archiv Radio Prag)
Von der Stadt Prag erhielt Kramář damals ein Grundstück von mehr als 12.000 Quadratmeter Fläche. Unter der Leitung des Baumeisters Josef Čánský dauerten die Arbeiten fast fünf Jahre. Es entstand ein Gebäude mit insgesamt 56 Räumen und einer Fläche von 700 Quadratmetern. Neben den privaten Schlafzimmern und Arbeitsräumen gab es außerdem mehrere Speisesäle, Salons, Hallen, Gästezimmer sowie einen Billardraum. Zusätzlich wurden acht Keller, ein eigenes Benzinlager, eine Plättanstalt und eine zentrale Staubabsauganlage gebaut. Die Villa verfügt über eine eigene Badeanstalt, einen hauseigenen Aufzug und weitere Annehmlichkeiten für anspruchsvolle Bewohner.

Ausstellung über den Architekten Ohmann (Foto: Florian Oertel)
Friedrich Ohmann hinterließ auch in akademischer Hinsicht seine Spuren. Während seiner zehnjährigen Lehrtätigkeit von 1888 bis 1898 an der Prager Kunstgewerbeschule beeinflusste er einige seiner Schüler nachhaltig, dazu zählen Bedřich Bendelmayer, zusammen mit Alois Dryák. Beide führten das Hotel Central zu Ende. Es war Ohmanns letztes Prager Bauprojekt, bevor dieser 1898 wieder zurück nach Wien ging. Es gab aber noch einen weiteren bekannten Schüler, weiß Vybíral:

„Vojtěch Preissig war einer der ersten abstrakten Maler in Prag. Er war Begründer der modernen abstrakten Kunst hier in Tschechien. Sein künstlerischer Ausgangspunkt war das Studium der dekorativen Architektur bei Friedrich Ohmann.“

Preissig trat während des Ersten Weltkriegs für die Unabhängigkeit Tschechiens ein. Er war bereits 1910 in die USA emigriert, wo er den ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomáš G. Masaryk persönlich kennen lernte. Später, nach der Besetzung der Tschechoslowakei, war er im Widerstand gegen die Nazis. Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo starb er 1944 im Konzentrationslager Dachau an Typhus.

Nach mehr als 100 Jahren wird nun zum ersten Mal Friedrich Ohmanns kulturelles Erbe in Prag gewürdigt. Vybíral betont, dass gerade Ohmanns Streben nach dem Genius loci, der Einbezug der räumlichen Bedingungen und der historischen Stiltradition, auch heute noch für moderne Architekten von Vorbild sei.

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